Microsoft-Entwicklungszentrum: Waser nimmt Stellung

1. Dezember 2010, 15:23
  • politik & wirtschaft
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Microsoft-Schweiz-Chef Peter Waser zur Schliessung des Zürcher Entwicklungszentrums

Microsoft-Schweiz-Chef Peter Waser zur Schliessung des Zürcher Entwicklungszentrums.
Peter Waser, als General Manager für die Geschicke von Microsoft in der Schweiz verantwortlich, hat sich in den letzten Monaten und Jahren in Sachen IT-Standort Schweiz (und Zürich) weit aus dem Fenster gelehnt. Er liess sich beim Lobbyieren im Nationalrat im TV-Wirtschaftsmagazin portraitieren, gehörte zu den ehemaligen Kritikern (und heutigen Vorständen) des IT-Einheitsverbands ICTswitzerland, liess sich zum Präsidenten des "eEconomy Boards" berufen und unterstützt die Stadtzürcher Standortinitiative "eZürich" ohne falsche Scheu vor Publizität, um nur einige Beispiele zu nennen.
Doch nun hat Waser eine schwere Niederlage erlitten, denn die heute bekannt gegebene Verlagerung des Zürcher Entwicklungszentrums von Microsoft nach Redmond, widerspricht seinem Auftreten als Förderer des IT-Standorts Schweiz diametral. Trotzdem stellte er sich - symbolkräftig im Zürcher Bahnhof, auf dem Weg zwischen Bern (Politik) und Wallisellen (Firma) - unseren Fragen.
Noch im März 2008 kündigte Microsoft an, man wolle das Zürcher Entwicklungszentrum massiv, auf bis zu 200 Mitarbeitende ausbauen. Nun wird das Zentrum nach Redmond verlagert. Warum?
Peter Waser: Der Grund liegt in der Reife des in Zürich entwickelten Produkts. Es wird mehr und mehr zu einem Teil von Office, konkret des Clients von Office. Unified Communications wurde ein so wichtiger Bestandteil von Office, so dass das Entwicklerteam näher zum Gesamtteam, das Office entwickelt, rücken musste.
2008 konnten wir die Entwicklung noch nicht klar voraussehen. Wir waren in der zweiten Welle der Entwicklung. Heute sind wir eineinhalb Generationen weiter. In unserer Industrie sind zweieinhalb Jahre eine lange Zeit und bestimmte Entwicklungen sind sehr schwer abzuschätzen.
Spielte der knappe Nachwuchs an Software-Entwicklern in der Schweiz eine Rolle beim Entscheid?
Peter Waser: Nein. In der Mehrheit kamen die Leute ja sowieso von überall her. Man rekrutiert solche Entwickler-Teams weltweit.
Wir glauben, dass die Verlegung des Entwicklungszentrums von Zürich nach Redmond wirtschaftlich eine sehr geringe Bedeutung hat, symbolisch aber zum denkbar ungünstigsten Zeitpunkt - Stichwort eZürich - kommt. Treten Sie als Präsident des eEconomy Boards und als Vorstandsmitglied von ICTswitzerland nun zurück? Ist Microsoft als Förderer des IT-Standorts Schweiz noch glaubwürdig?
Peter Waser: Von Rücktritt kann keine Rede sein. Unser Engagement für die Schweiz und für den IT-Standort bleibt und ist dokumentiert. Wir wachsen in der Schweiz und werden die Anzahl Stellen hier um etwa zehn Prozent erhöhen. Und es gibt das langjährige Engagement mit dem Innovation Cluster for Embedded Software mit EPFL und ETH, das noch mindestens zweieinhalb Jahre dauern wird. Wir sprechen heute schon mit den beiden ETHs über eine Verlängerung des Engagements. Das Cluster hat interessante Innovationen entwickelt - übrigens auch für uns. Wir sind dem Innovationsplatz Schweiz verpflichtet.
Nicht vergessen darf man, dass wir mit 7000 Partnern zusammenarbeiten, die zusammen 42'000 Leute beschäftigen. Auch unsere Partner produzieren Innovationen. Es gibt nicht nur die beiden Stellen bei den ETHs, sondern man muss auch unsere Partner einbeziehen.
Schliesslich arbeiten wir mit den Fachhochschulen zusammen, so im .Net-Bereich mit der Rapperswiler Fachhochschule und wir unterstützen Programme wie Bizpark für Jungunternehmen.
Wir entdecken im eEconomy Board laufend weitere Synergien zwischen dem EVD und der Wirtschaft, was mich für die Arbeit in diesem Board noch mehr motiviert. Von Rücktritten kann also keine Rede sein.
Man spricht von "Hüttenwarten" wenn man von den Chefs der Schweizer Niederlassungen von US-Konzernen spricht. Können Sie Entscheide von Microsoft bezüglich des Standorts Schweiz überhaupt beeinflussen?
Peter Waser: Sicher bedaure ich, dass das Entwicklungszentrum nach Redmond verlagert wird. Ich hätte das Zentrum gerne bei uns behalten, verstehe aber auch den wirtschaftlichen Kontext für diesen Entscheid.
Grundsätzlich haben unsere Länderorganisationen die Verantwortung für Gewinn und Verlust. Wir managen unsere Ressourcen im Wesentlichen also selbst. Das gibt mir sehr viel Freiraum, um all die Aktivitäten auch finanziell zu unterstützen. Anders ist es bei Software-Entwicklung. Die Entwicklungsorganisationen bei Microsoft haben eine eigene Struktur. Das ist auch richtig so.
Aber die Zusammenarbeit mit EPFL und ETH beispielsweise, die fünf Millionen kostet, habe ich selbst entschieden. Da musste ich niemanden fragen - das Geld kommt von uns aus der Schweiz oder wurde von mir innerhalb von Microsoft organisiert. (Gespräch: Christoph Hugenschmidt)

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