NEC übernimmt Avaloq (Update)

5. Oktober 2020, 07:19
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Der japanische Technologie-Konzern bezahlt für das Schweizer Fintech gut 2 Milliarden Franken. Update nach Medienkonferenz.

Im Markt für Bankensoftware kommt es zu einer Milliardenübernahme. Die Schweizer Avaloq-Gruppe erhält mit der japanischen IT-Gruppe NEC Corporation einen neuen Besitzer. Der Vertrag sei am Wochenende unterzeichnet worden, erklärte Avaloq-CEO Jürg Hunziker an einer Medienkonferenz am heutigen Montagmittag. Börse, Mitarbeitende, Avaloq-Board und -Partner hätten positiv auf die Nachricht reagiert.
An einer zweiten Bieterrunde sollen sich neben NEC noch weitere Unternehmen beteiligt haben. Nun erhielt NEC den Zuschlag. Der 1898 gegründete Konzern gehört zur japanischen Sumitomo Group, zu der auch die Bankengruppe Mitsui und der Automobilkonzern Mazda gehören. Mit der Übernahme steigt die NEC Corporation, die über 100'000 Mitarbeitende beschäftigt, erstmals in den Finanzbereich ein. Avaloq sei mit seinen 25 Jahren "im Alter eines guten Weines", sagte Hunziker, während NEC auf eine noch viel längere Geschichte zurückblicken könne.

NEC kauft 100% der Aktien

Die unterzeichnete Vereinbarung sehe den Kauf von 100% der Avaloq-Aktien von den bestehenden Aktionären vor.  Die Übernahme bewertet das Schweizer Unternehmen mit 2,05 Milliarden Franken. Die Partnerschaft ermögliche es Avaloq, die Innovation zu beschleunigen und die Präsenz rund um den Globus zu erweitern.
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Grafik: Avaloq
NEC wolle sich verstärkt auch auf den Bereich Smart City fokussieren und sei deshalb seit längerem auf der Suche nach einem Asset gewesen, das bei dieser Strategie die Finanzindustrie abdecken könne, sagte Hunziker. Für Avaloq ändere sich nichts am Business-Modell, Swissness als "Erfolgsfaktor" bleibe, aber man könne sich nun auch neue Märkte in Asien erschliessen.
NEC ist derzeit vor allem in der Informations- und Kommunikationstechnologie tätig. Da jede der beiden Firmen in ihrem Bereich Marktführer sei, werde die Kombination der beiden Unternehmen das langfristige Wachstum, die globale Expansion und die Wertschöpfungsstrategie beschleunigen.

Avaloq will von der NEC-Forschung profitieren

Avaloq könne vor allem auch von der Forschung von NEC profitieren. Das japanische Unternehmen sei stark im Bereich Blockchain und verfüge zum Beispiel über ein Forschungszentrum in Heidelberg, mit dem Avaloq zusammenarbeiten könne. Man könne nun Entwicklungen von NEC integrieren, so Hunziker, auch im Bereich AEI (Automatic Exchange of Information), der für die Finanzindustrie sehr wichtig sei.
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Avaloq-CEO Jürg Hunziker.
Avaloq wird den Angaben zufolge weiterhin als eigenständige Einheit mit Hauptsitz in der Schweiz operieren. Die Transaktion werde auch nicht zu einem Personalabbau führen, heisst es. Zudem stehe das Management geschlossen hinter der Wachstumsstory. Hunziker betonte dies an der Medienkonferenz nochmals: "Der Hauptsitz bleibt in der Schweiz, die Marke Avaloq und das Management bleiben. Die Übernahme ist mit keinen Kostenreduzierungen verbunden." Es gebe rund 300 Unternehmen bei NEC, die alle relativ unabhängig operieren würden.

Die Reaktionen der Schweizer Avaloq-Partner

Auch die Schweizer Partner von Avaloq wie Confinale, erst kürzlich zum Premium Partner aufgestiegen, reagieren positiv auf die Übernahme. Jonas Misteli, Partner bei Confinale, sagt auf Anfrage von inside-it.ch: "Es freut uns ausserordentlich, dass auch NEC das langfristige Wachstumspotential im Bereich der Digitalisierung des Bankengeschäfts erkannt und sich als strategischer Investor zum Kauf von Avaloq entschieden hat." Die Zugehörigkeit zu einem führenden globalen Technologiekonzern wie NEC würde "zahlreiche spannende Synergien für Avaloq-Kunden und auch für uns als Partnerfirma ergeben".
Von Seiten Swisscom heisst es, man sei mit Avaloq in einer Art "Coopetition" verbunden. "Einerseits pflegen wir als strategische Partner eine enge und erfolgreiche Zusammenarbeit im Interesse unserer gemeinsamen Kunden. So gesehen begrüssen wir, dass nun ein neuer starker Eigentümer die Weiterentwicklung von Avaloq unterstützt", erklärt Clemens Eckert, Head of Core Banking, auf Anfrage. "Andererseits beobachten wir mit Interesse, wie sich die 'neue' Avaloq in konkurrierenden Geschäftsfeldern wie BPO positionieren wird."

Akquisition soll bis April 2021 abgeschlossen sein

Avaloq wurde 1985 von Francisco Fernandez gegründet. 45% der Aktien befinden sich im Besitz von Warburg Pincus, während der Rest vom Gründer, Management und Mitarbeitenden gehalten wird. Die Akquisition soll bis April 2021 abgeschlossen sein. "Mit diesem Schritt gebe ich Avaloq in die best möglichen Hände weiter. Mein Ziel war es, einen Partner und Eigentümer zu finden, der Avaloq für viele Jahre weiter wachsen und gedeihen lassen kann", kommentierte Fernandez den Schritt.
Die Übernahme durch NEC sei ein "Meilenstein" für Avaloq, sagte Hunziker. "Aber ab morgen werden wir uns wieder auf unsere Kunden und den Markt konzentrieren."
Update 15.50 Uhr: Der Artikel wurde mit den Aussagen von Jürg Hunziker und den Avaloq-Partnern ergänzt.

Auf ein Bier mit... Jürg Hunziker

Noch vor der Übernahme traf sich Jürg Hunziker im Juli 2020 mit uns auf ein Feierabendbier. Im Video sprach er über seine Geschichte, Angst in der Krise und die Frage, wozu es Banken überhaupt noch braucht.

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