Tod 2.0

24. Juni 2009, 10:29
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Schweizer Startup lanciert sicheren Online-Speicher. Im Todesfall werden die Daten vorher bestimmten Personen zugänglich gemacht.

Schweizer Startup lanciert sicheren Online-Storage. Im Todesfall werden die Daten vorher bestimmten Personen zugänglich gemacht.
Stellen Sie sich vor, Sie geraten unter ein Tram, stürzen beim Gleitschirmfliegen ab oder werden auf der Sahara-Tour entführt. Hat Ihre Liebste Zugang zu Ihrem E-Banking-Konto? Kann Sie auf die wichtigsten Mails in ihrem privaten E-Mail-Konto antworten? Findet Ihr Geschäftspartner die streng geheimen Unterlagen der Verhandlungen mit dem potentiellen Investor? Wie kommt Ihr Finanzer zum Passwort, um mit den dringend benötigten Daten im verschlüsselten Bereich Ihres Geschäftsnotebooks arbeiten zu können? Und wie kommen Ihre Kinder aus ihrer ersten, geschiedenen Ehe zu den nur digital gespeicherten Fotos, die ihre ersten Jahre dokumentieren? Was passiert mit Ihrer fast fertigen, neu entwickelten Software-Lösung?
Der Zürcher Startup DSwiss ist angetreten, das Problem der Vererbung von Daten wie Passwörtern, PIN-Codes, wichtigen Dokumenten und sonstigen digitalen Inhalten zu lösen. Herausgekommen ist der heute weltweit lancierte Online-Speicher DataInherit.
DataInherit ist einerseits ein sehr sicherer Online-Speicher. Sicher darum, weil die Daten ausschliesslich in der Schweiz gespeichert werden und mit sehr starken Schlüsseln verschlüsselt sind. Selbst DSwiss, die Firma hinter dem Online-Dienst, kann weder auf die Daten noch auf Passwörter der Benützer zugreifen, wie gestern Abend an einer Medienveranstaltung glaubhaft versichert wurde.
Dazu gibt es einen ausgeklügelten Prozess, durch den die Inhaber der gespeicherten Daten in genau definierten Fällen (meistens der Todesfall) diese gezielt an definierte Begünstigte weitergeben können. Das geht so:
- Der Benützer definiert für bestimmte Daten (Passwörter, Dokumente) Begünstigte und legt im System ab, wie diese erreicht werden können (Post, E-Mail).
- Das System generiert einen Aktivierungscode, den man einer Vertrauensperson, die nicht identisch mit dem oder der Begünstigten sein muss, übergibt.
- Man definiert eine Sperrfrist. Das System wird den Inhaber der Daten per SMS kontaktieren, wenn der Aktivierungscode ausgelöst wird. Innert dieser Frist kann die Weitergabe der Daten gestoppt werden.
Soll nun die Vererbung der Daten ausgelöst werden, so gibt die Vertrauensperson den Aktivierungscode ein. Wird der Vorgang nicht gestoppt, so werden die Begünstigten über ein eingeschriebenes, verschlüsseltes E-Mail (IncaMail der Post) und allenfalls mittels eingeschriebenem Brief informiert. Sie können dann auf die ihnen vererbten Passwörter, PIN-Codes und Dokumente zugreifen.
Preise zu hoch?
DataInherit gibt es in drei Versionen. Die Version "Passwort" kostet 4,25 Franken pro Monat. Man kann mit dieser Version ausschliesslich Passwörter online sichern und an maximal zwei Berechtigte "vererben". "Silber Safe" kostet 8,75 Franken pro Monat. Inbegriffen ist ein GB Speicherplatz, man kann aber auch bei dieser Version nur zwei Berechtigte definieren. Die Version "Gold Safe" kostet 17,50 pro Monat und enthält 10 GB Datenspeicher sowie die Definition von 20 "Erben".
Alternativen zu DataInherit existieren heute bereits. Der gestern vorgestellte Dienst unterscheidet sich dadurch, dass Daten ausschliesslich in der Schweiz gespeichert werden und durch den ausgefeilterten Mechanismus der "Vererbung".
Wir fragen uns trotzdem, ob der Dienst nicht zu teuer ist, um die angestrebten grossen Kundenzahlen zu erreichen. Weniger sichere, aber trotzdem praktikable Alternativen (Notizen, HDs in einem Safe, ...) sind doch wesentlich günstiger.
Auch für Geschäftswendungen
DataInherit lässt sich nicht nur für die Vorsorge im Falle plötzlichen Ablebens organisieren. Der Dienst kann auch für geschäftliche Zwecke genützt werden, so etwa für die Weitergabe von Software-Code im Falle von Firmenkonkursen oder dem Weggang von wichtigen Leuten aus einer Firma.
Geübte Firmengründer
Hinter DataInherit steht die vor drei Jahren gegründete Firma DSwiss. Die Initiatoren sind geübte und auch kapitalkräftige Gründer, haben doch Lukas von Känel und Andreas Jacob 1995 den bekannten Security-Spezialisten Avantec gegründet und bis heute durch die Stürme von zwei Krisen gebracht. Zudem waren sie die Gründer von Sysformance, die 2007 an den US-Konkurrenten Gomez verkauft wurde.
Neu bei DSwiss ist der Security-Spezialist Tobias Christen, der auf eine Karriere bei UBS, Zurich und Stonesoft zurückblickt. Er war für die Entwicklung der Security-Features von DataInherit entscheidend, wie von Känel und Jacob gestern Abend mehrmals betonten.
Förderung durch KTI, Partnerschaft mit der ZHAW, eigenes Kapital
Die Entwicklung des "vererbaren" Online-Speichers hat drei Jahre gedauert. Man habe zu Beginn erst aus einigen technologischen Sackgassen herausfinden müssen, sagte uns Jacob gestern.
Geholfen hat die Förderagentur für Innovation des Bundes, KTI sowie die enge Zusammenarbeit mit der Zürcher Hochschule für angewandte Wissenschaften, ZHAW. Und natürlich konnten die Gründer auf das Know-How von Avantec zurückgreifen.
Sympathisch an DSwiss finden wir, dass die erfolgreichen Gründer von Avantec und Sysformance - klassische Schweizer "Tüftler" mit ETH-Hintergrund - die Erträge, die die Firma unterdessen abwirft, nicht einfach konsumieren oder an der Börse zu vermehren suchen, sondern in ein neues, spannendes Informatik-Abenteuer stecken. (Christoph Hugenschmidt)
(Foto: rpongsaj, Creative Commons)

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