3 Millionen Franken hat Localsearch in die Weiterentwicklung seiner Plattform Local.ch gesteckt. "Aus dem Cashflow finanziert", wie CEO Stefano Santinelli uns im Interview verraten hat. Der studierte Informatiker versteht zwar den Programmcode nicht mehr, war aber trotzdem sehr engagiert im Projekt.
Vom Telefonbuch- zum Softwareanbieter. Ein nicht alltäglicher Weg, wie hat sich die Firma in all den Jahren neu erfunden?
Es war absehbar, dass das gedruckte Telefonbuch keine Zukunft hat – obwohl wir damit bis zu seinem Ende mit Margen von bis zu 30% immer noch sehr gutes Geld verdienten.
Das Telefonbuch gibts ja nach wie vor, halt einfach online?
Ja, aber es wird viel weniger telefoniert. Menschen wollen nicht mehr anrufen, sondern direkt eine Dienstleistung oder einen Tisch buchen.
"Einfach online buchen", verspricht Localsearch dementsprechend in der aktuellen Medienmitteilung. Das Unternehmen hat das digitale Telefonbuch zur grössten Schweizer Buchungsplattform weiterentwickelt und ist damit seit heute online.
Sie haben 2 Jahre Entwicklungszeit in das Projekt gesteckt. Was wurde konkret gemacht?
Primär die technische und inhaltliche Weiterentwicklung von local.ch als Buchungsplattform, um auf Local.ch die Angebote von KMU einfach und direkt online buchbar zu machen. Das dauerte rund 9 Monate, da wir einen User-zentrierten Ansatz gewählt haben. Wir haben Entwicklungen laufend mit ausgewählten Userinnen und Usern getestet und weiter verbessert. Ein zweiter wichtiger Punkt waren unsere Marketingaktivitäten, um möglichst viele KMU zu überzeugen, unser Angebot zu integrieren. Drittens haben wir die Nutzeroberfläche so gebaut, dass sie auf alle Branchen adaptierbar ist – egal ob Handwerker, Restaurant oder Anwalt.
Sind Sie fertig oder gibts noch Potenzial?
Bei der Integration von Voice und Chatbot arbeiten wir noch an der Weiterentwicklung. Bei dieser Technik gibt es ständige Fortschritte, was in letzter Zeit wohl niemandem verborgen geblieben ist.
War das eine Eigenentwicklung? Haben Sie externe Hilfe beigezogen? Und welches System ist die technische Basis?
Das meiste haben wir selbst gemacht, aber bei der Buchungsplattform und beim CMS auch auf Standardkomponenten gesetzt. Bei Ersterem ist Mycockpit die Basis, als CMS nutzen wir eine bestehende Opensource-Plattform.
Wie viele Menschen waren beteiligt und was hat das gekostet?
Insgesamt etwa 20 Mitarbeitende, vom Marketing, UX-Spezialisten bis hin zu Software-Entwicklern. Investiert haben wir etwas weniger als 3 Millionen Franken, komplett aus dem Cashflow.
Als Sie vor 2 Jahren mit der Spezifizierung der Anforderungen begonnen haben, war KI noch kein so grosses Thema wie heute. Kam das kurzfristig hinzu?
Nein, wir hatten das Thema KI schon frühzeitig im Blick, auch dank der Beteiligung an einem Tessiner Startup, das über 20 Machine-Learning-Spezialisten beschäftigt. Einerseits kommt bei uns KI im Bereich Contenterstellung zum Einsatz, andererseits aber auch beim Chatbot, den wir schon einsetzen.
Auf der Buchungsplattform sind über 500'000 KMU aus allen möglichen Branchen inklusive Kontaktdaten zu finden, schreibt Localsearch. Für Buchungen steht mit dem "Localbuddy" auch ein Chatbot zur Verfügung, dem man seine Fragen nicht nur schriftlich, sondern auch mündlich stellen kann.
Welche Technologie steckt hinter Ihrem Chatbot "Localbuddy"?
Ich kann nur sagen, dass es nicht ChatGPT ist.
Die Kernfunktion der Plattform ist ein Buchungssystem für KMU, also Restaurants, Coiffeursalons und vieles mehr. Das ist keine neue Idee und gabs auch vorher schon.
Bei uns kann alles gebucht werden, querbeet durch alle Branchen und eben nicht nur Restaurants wie zum Beispiel bei Tripadvisor. Ausserdem kann man sich in einem bestimmten Umkreis für eine bestimmte Zeit freie Tische anzeigen lassen oder bei Handwerkern strukturierte Anfragen stellen.
Das steht und fällt mit der Anzahl Betrieben ab, die Ihre Plattform einsetzen. Ohne Beizen keine freien Tische. Wie viele KMU sind heute schon buchbar und wie viele sollen es künftig sein?
Aktuell findet man den Kontakt zu 500‘000 KMU, davon sind 155'000 Betriebe verteilt über die ganze Schweiz direkt online buchbar. In 3 Jahren sollen 200‘000 KMU einfach online buchbar sein. Und jedes Jahr wollen wir die Anzahl Buchungen seitens Users verdoppeln.
Verdienen Sie mit den Buchungen Geld oder wie sieht Ihr Geschäftsmodell aus?
Wir haben ein Freemium-Modell. Der Basiseintrag und die einfache Buchungsfunktion ist für KMU gratis, auch ohne Verrechnung eines Betrages pro Buchung. Wer aber prominenter gelistet sein möchte, kann zusätzlich Werbepakete kaufen. Und wer mehr Funktionen wie ein integriertes CRM für sein Buchungs- und Kundenmanagement nutzen will, kann diese Funktionen ebenfalls erwerben.
Wie stark haben Sie sich persönlich in diesem, in diesem Projekt engagiert? Verstehen Sie als ausgebildeter Informatiker den Programmcode noch?
Den Programmcode verstehe ich leider nicht mehr, aber ich war dennoch stark involviert, weil der Relaunch und die Neupositionierung von local.ch für unser Unternehmen höchst relevant ist und ich aus meiner Zeit bei Tutti.ch und Microsoft schon reichlich Marktplatzerfahrung habe.
Zur Person
Stefano Santinelli hat in Zürich Informatik studiert und unter anderem bei der UBS, bei Swisscom und Microsoft gearbeitet. Der Gründer von Tutti.ch ist seit 2016 CEO von Localsearch.