10?! Fabian Ringwald, CIO Swica

31. Mai 2022, 14:39
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Der CIO der Swica-Krankenversicherung darüber, wie Technologie künftig die Gesundheitsbranche verändert und warum er die Blockchain für überschätzt hält.

1. Welcher war Ihr erster Computer und woran erinnern Sie sich speziell? Das war ein gebrauchter 286er-Schneider-PC mit zwei Floppy-Disklaufwerken und einem monochromen Bildschirm, dessen 20 MB Festplatte sich nach einem Update auf MS-DOS 6.22 über die Softwarekomprimierung des OS auf 36 MB erweitern liess. Schon damals hat mich begeistert, wie sich vermeintlich harte physische Grenzen durch den Einsatz von intelligenter Software verschieben lassen und neue Nutzererlebnisse ermöglichen.
2. Gibt es einen Informatikberuf, den Sie nicht mehr ausüben möchten und warum? Ich hatte viel Freude in allen Informatikberufen, die ich ausübte: Service-Desk-Mitarbeiter, Spiele-Tester, Software-Entwickler, Application Manager und IT-Architekt. Und natürlich stimmt es, dass ich in einigen dieser Berufe mehr lernen durfte oder musste als in anderen – ich war beispielsweise nie ein guter Programmierer. Trotzdem möchte ich keine dieser Herausforderungen missen.
3. Wie wird sich die Stelle eines CIOs in den nächsten Jahren verändern? Es überrascht mich regelmässig, wie häufig Informatik noch als reiner Kostenfaktor betrachtet wird und welche Potenziale dadurch in den betreffenden Firmen ungenutzt bleiben. Auf der anderen Seite pflegen nach wie vor viele Informatiker ganz bewusst ein fokussiertes Technik-Image und verlieren so in der Kommunikation den Anschluss an Sinn und Zweck der jeweiligen Unternehmung. Der Weg aus diesem Dilemma sind heterogene Leadership-Teams in der Informatik in Kombination mit einer horizontal integrierten Digitalisierungskultur im Unternehmen. Der betriebsorientierte Technikprofi, der selbst regelmässig in die Tiefen der Config-Files eingreifen kann und will, hat als IT-Leiter zunehmend ausgedient. Die Zukunft gehört, übrigens nicht erst seit heute, den wirkungsorientierten und anschlussfähigen Digitalisierungs-Enthusiasten mit tiefem Verständnis der Geschäftsprozesse und -entwicklungen.
4. Was raten Sie jungen Informatikerinnen und -informatikern, die Karriere machen wollen? Da halte ich es mit Steve Jobs, der im Jahr 2005 den Absolventen in Stanford aus dem 'Whole Earth Catalog' zitierte: "Stay hungry, stay foolish." Ergänzen würde ich es mit einer gesunden Portion Demut dem Fach gegenüber und genügend Energie, den Status Quo nicht immer einfach so zu akzeptieren. Letztlich ist es einfacher, einmal mit guter Begründung um Entschuldigung zu bitten, statt alle Zweifelnden vorab vollständig zu überzeugen.
5. Was lernten Sie erst in Ihrer jetzigen Rolle über Technologie und nicht vorher? Heute steht der längerfristige, strategische Nutzen von Technologie viel stärker im Fokus und damit auch die Frage, wie man so etwas sinnvoll abschätzt. Den Blick dafür zu entwickeln, hat etwas Zeit benötigt…
6. Welche IT-Produkte oder -Dienstleistungen von früher vermissen Sie heute? Da gibt es nur wenige. Die Entwicklung hin zu einfacheren User-Interfaces und grösserem Funktionsumfang haben mir den Abschied von der einen oder anderen Technologie eher leicht gemacht. Was ich aber hin und da vermisse, ist die sagenhafte Akkulaufzeit meines alten Siemens-Handys.
7. Wird es im Laufe der Karriere einfacher oder schwieriger, sich für Technologie-Versprechen zu begeistern? Elegante Technologien begeistern mich nach wie vor – zunehmend mit Blick auf den möglichen Nutzen und weniger um ihrer selbst willen.
8. Welche Technologie wird in den nächsten 5 Jahren Ihrer Meinung nach den grössten Einfluss auf die Gesundheitsbranche haben und warum? Die Gesundheitsbranche ist im Vergleich zu anderen Branchen eher abwartend, was den Blick auf den breiten Einsatz neuer Technologien angeht. Diese Vorsicht ist sicherlich gut begründet. Es geht schliesslich immer um unsere individuelle Gesundheit und um die entsprechenden Daten. Dem Wandel verschliesst sich die Branche aber keineswegs. Der umfassende Einsatz von Cloud-Technologien wird darum auch die Gesundheitsbranche absehbar stark verändern. Basierend auf der Cloud lassen sich beispielsweise im Bereich der Telemedizin sehr spannende Lösungen für eine moderne, bessere medizinische Versorgung realisieren. Erste Schritte auf dem Weg dazu sind wir für unsere Versicherten heute schon gegangen.
9. Gibt es eine Entwicklung in der IT, die Sie für total überschätzt halten? Mit Blick auf die Blockchain fällt es mir – auch nach umfassender Beschäftigung damit – nach wie vor schwer, eine nützliche Entwicklung zu erkennen. Die meisten Anwendungsfälle lassen sich heute mit existierenden Technologien, zumindest in etablierten Märkten und stabilen Gesellschaften, viel besser lösen und die sehr zweifelhafte ökologische Bilanz lässt mich ganz grundsätzlich an der Zukunftsfähigkeit der Blockchain zweifeln.
10. Was haben Sie persönlich aus der Corona-Krise gelernt? "Work anywhere" funktioniert hervorragend und ich freue mich, dass wir mit den damit einhergehenden Freiheitsgraden heute routiniert umgehen. Gleichzeitig haben wir gelernt, die Balance so zu leben, dass auch die informellen, sozialen Kontakte nicht zu kurz kommen. Und die Technik? Die funktioniert trotz und nach der Pandemie dank sehr engagierten Teams und Mitarbeitenden.

Zur Person

Fabian Ringwald ist am nördlichen Strand des Bodensees in Deutschland aufgewachsen. Den Einstieg in die Informatik bot ihm eine Stelle im IT-Support bei Ravensburger Spiele. Darauf folgte ein Informatikstudium am KIT in Karlsruhe. Nach weiteren Stationen bei Siemens Energy und im Consulting bei Logica führte ihn sein Weg zur BKW nach Bern in die Schweiz. Nach Abschluss seines MBA der Universität Rochester-Bern folgten diverse Stationen bei der SBB und SBB Cargo bis zum Antritt der CIO-Stelle bei Swica.

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