10?! Raphael M. Reischuk, Leitung Cybersecurity Zühlke Engineering

22. Dezember 2022, 09:41
  • kolumne
  • 10 fragen
  • Raphael Reischuk
  • zühlke
image

Der Mitgründer des Nationalen Testzentrums für Cybersicherheit (NTC) verrät, was die Informatik überflüssig gemacht hat und warum wir das Potenzial von Futuretech kaum einschätzen können.

1. Was war Ihr erster Computer und woran erinnern Sie sich besonders?
Es war ein Atari ST, mit Midi-Anschluss und Cubase. Verlässlich, aus heutiger Sicht minimalistisch, aber völlig ausreichend seinerzeit. Damit verbinde ich äussert viele positive Gefühle.
2. Welchen IT-Beruf möchten Sie selbst nicht (mehr) ausüben und warum?
Ich habe grössten Respekt vor all denjenigen, die unsere Infrastrukturen tagtäglich mit Schweiss, Überstunden und Hingabe am Laufen erhalten. Ohne die vielen fleissigen Hände wären die grossen Vorteile der Digitalisierung kaum greifbar für Millionen Schweizerinnen und Schweizer, Tag für Tag. Ich selbst wäre dafür vermutlich zu ungeduldig und würde immer wieder versuchen, die zugrunde liegenden Probleme anzugehen, vermutlich sehr zum Leidwesen meines direkten Vorgesetzten.
3. Wie wird sich Ihre Rolle in den nächsten Jahren verändern?
Wir alle werden mehr automatisieren; vor allem erwarte ich, die eher lästigen administrativen Tätigkeiten zu reduzieren und die gewonnene Zeit einzusetzen für Zwischenmenschliches, effektivere – nicht effizientere! – Kundenkontakte und mehr Auseinandersetzung mit unserem Planeten. Der braucht es immer mehr. Aber auch die Gesellschaft sollte sich überlegen, wie viel Digitalisierung während der Interaktion wirklich nötig ist.
4. Was raten Sie einer angehenden Führungskraft, die Karriere machen will?
Ich würde der Person zunächst Fragen stellen: Wann nimmst Du den nächsten Perspektivwechsel vor? Was ist der wahre Wert dessen, was Du als nächstes vorantreiben möchtest? Wofür möchtest Du in 5 Jahren berühmt sein? Wie kannst Du die Probleme Deiner Gegenspieler lösen? Fragen zu stellen ist wichtig, da deren Beantwortung einen wichtigen Prozess der Selbstreflektion auslöst.
5. Was konnten Sie erst in Ihrer aktuellen Position über Informatik und Digitalisierung lernen und nicht vorher?
Dass die menschliche Psyche ein äusserst wichtiger Bestandteil ist, viel wichtiger als technische Möglichkeiten. Akzeptanz von Benutzerinnen und Benutzern ist der Schlüsselfaktor und der wird eher über Emotionen und Interaktion erreicht als über Standards, Normen oder technische Details.
6. Hat die Informatik etwas abgeschafft, das Sie vermissen?
Die Notwendigkeit, selbst zu denken (lacht). Im Ernst: So bequem die Digitalisierung auch ist, wir verlernen grundlegende Fähigkeiten, zum Beispiel Orientierung in urbanen Umgebungen, regelmässiges Gedächtnistraining, grundlegende Arithmetik. Damit ergeben sich schleichend wachsende Abhängigkeiten, die gesellschaftliche vermutlich schwierig abschätzbare Folgen mit sich bringen.
7. Wird es im Laufe der Karriere einfacher oder schwerer, sich für Technologie-Versprechungen zu begeistern?
Begeisterungsfähigkeit scheint mir eine grundlegende Eigenschaft, die bei vielen Menschen ausgeprägter sein könnte. Vermutlich wird die Abstraktionsfähigkeit über die Jahre eher grösser, womit sich die Liebe fürs technologische Detail reduziert.
8. Welche Technologie wird in den nächsten 5 Jahren Ihrer Meinung nach den grössten Einfluss haben? Und warum?
Dezentralisierte Systeme, zum Beispiel für die Verwaltung von digitalen Identitäten, für die sichere Speicherung von Daten, für die Reduktion von monopolistischen Abhängigkeiten und für verteiltes und privatsphäre-schützendes maschinelles Lernen. Auch werden wir lernen müssen, in neuen Welten zu denken und zu leben, seien dies virtuelle Welten à la Metaverse oder nur schon jene der Quantencomputer. Die Fähigkeit, sich in ungewohnte Systeme hineinzuversetzen, bleibt essentiell.
9. Gibt es eine Technologie im Moment, die Sie für total überschätzt halten?
Eine? Mir fallen zahlreiche ein (lacht) — Aber Vorsicht: Wir alle kennen die berühmten Zitate über die Technologie, für die es angeblich nie einen Markt geben wird. Und dennoch fahren heute Millionen von Elektroautos über den Planeten und wir benutzen Milliarden von Computer. Unser beschränkter Erfahrungshorizont innerhalb unseres linearen Lernsystems ist das falsche Mittel, um zukünftige Entwicklungen in der zunehmend komplexen Welt zu antizipieren. So viel lässt sich vielleicht sagen: Etwas mehr frische Luft täte uns vermutlich allen gut.
10. Wie breitet sich Ihr Unternehmen auf die mögliche Strommangellage vor und was tut es dagegen?
Das Thema Nachhaltigkeit spielt für uns generell eine wichtige Rolle — auch ausserhalb einer möglichen temporären Notlage. Wir bewegen uns und unsere Kunden seit einiger Zeit dazu, vermehrt Energie zu sparen, indem wir unnötige Transportwege vermeiden, auf effiziente Technologie setzen und intelligenter Automation zum Durchbruch verhelfen.
Zur Person
Raphael Reischuk ist Leiter des Bereichs Cybersicherheit und Partner bei Zühlke Engineering. Er ist zudem Vizepräsident des Ausschusses Cybersicherheit von Digitalswitzerland, Mitbegründer und Vorstandsmitglied des Nationalen Testinstituts für Cybersicherheit (NTC) sowie Mitglied des Beirats Cybersicherheit der Akademien der Wissenschaften Schweiz (SATW). Reischuk ist Autor wissenschaftlicher Publikationen zu IT-Sicherheit und Kryptographie, für die er internationale Auszeichnungen erhalten hat. 2021 wurde er von der 'Bilanz' in die Riege der Digital Shapers gewählt.

Loading

Mehr zum Thema

image

Die IT-Woche: Gute Zeiten, schlechte Zeiten

Horror, uff, nunja, okay, super… die Tags zu den Cybersecurity-Storys dieser Woche.

publiziert am 27.1.2023
image

Mgmt-Summary: Blockchain

In der Kolumne Mgmt-Summary erklärt Rafael Perez Süess Buzzwords. Heute erklärt er die Blockchain und sagt, dass niemand ein Problem hat, für das diese eine Lösung ist.

publiziert am 26.1.2023
image

Vor 24 Jahren: Das erste Blackberry erscheint

Das Blackberry – einst das Synonym für Manager-Gadget – verschwand aufgrund der aufstrebenden Smartphone-Konkurrenz vom Markt. Die Firma musste sich neu erfinden.

publiziert am 20.1.2023
image

Due Diligence: Zario

In dieser Kolumne schreibt Ramon Forster regelmässig über Schweizer Tech-Startups. Heute unter der Lupe: Zario aus Zürich.

publiziert am 19.1.2023