Vor gut zwei Jahren habe ich an dieser Stelle beschrieben, wie die Post systematisch Unternehmen aufkauft, die mit dem postalischen Kernauftrag ungefähr so viel zu tun haben wie ein Operationssaal-Ausrüster mit dem Briefgeheimnis. Der Text hiess "
Wenn Monopolisten shoppen", und er war, das gebe ich zu, nicht nur leicht ironisch gemeint. Die Post hat ihn vermutlich nicht gelesen. Oder, falls doch, nicht verstanden.
Nun also die Gegenbewegung. Die Post baut
60 IT-Stellen in der Schweiz ab und friert ihre Expansion nach Portugal ein. Hin und zurück, ohne Erläuterung. Eine Meldung, ein paar Zeilen, fertig. Als wäre das ungefähr so bedeutsam wie eine neue Briefmarkenserie.
Das Schweigen als Methode
Man könnte einwenden: Stellenabbau gehört zum unternehmerischen Alltag, niemand schreibt dafür Rechenschaftsberichte. Das stimmt — für ein Privatunternehmen, das niemandem ausser seinen Aktionären verpflichtet ist. Die Post gehört dem Bund. Das heisst: sie gehört uns allen. Und "uns allen" wäre einigermassen interessiert zu erfahren, wie ein Unternehmen mit Service-public-Auftrag solche Entscheide trifft — und dann revidiert.
Portugal war attraktiv genug, um
dorthin zu expandieren. Dann plötzlich nicht mehr. Was hat sich geändert? Eine Fehlkalkulation? Eine veränderte Technologiestrategie? Lohnkosten, die sich als weniger günstig erwiesen als erhofft? Man weiss es nicht. Die Post erklärt es nicht. Das ist juristisch gesehen ihr gutes Recht. Aber es ist ein Recht, das man auch liegenlassen könnte.
Was mich stört, ist nicht der Entscheid an sich. Was mich stört, ist die kommunikative Haltung dahinter: Wir entscheiden, wir revidieren, wir erklären nichts. Diese Haltung kenne ich aus der Privatwirtschaft: Von Unternehmen unter Druck, die keine Schwäche zeigen wollen. Von einem Unternehmen im Bundesbesitz erwarte ich etwas anderes. Nicht Selbstzerfleischung. Aber einen Satz, der über "strategische Neuausrichtung" hinausgeht.
Zwischen zwei Stühlen — und zufrieden damit
Was die Post in den letzten Jahren perfektioniert hat, ist eine bemerkenswerte institutionelle Zweideutigkeit: Sie beansprucht die unternehmerische Handlungsfreiheit eines Konzerns, wenn es darum geht, zu kaufen, zu expandieren und wieder zurückzurudern. Und sie beansprucht die bequeme Erklärungsfreiheit einer Behörde, wenn Rechenschaft fällig wäre. Das ist nicht das Schlechteste aus zwei Welten. Es ist das Schlechteste aus keiner.
In meinen Portfoliounternehmen — allesamt kleiner, alle unter stärkerem Druck — würde ich eine solche Kommunikationskultur nicht durchgehen lassen. Nicht weil Transparenz immer Spass macht. Sondern weil das Vertrauen von Kundinnen und Kunden, Mitarbeitenden sowie Kapitalgebenden auf Dauer nicht mit Schweigen zu erkaufen ist. Das gilt für ein Startup in Zürich-West. Es sollte auch für einen Konzern in Bern gelten.
Wenigstens die Pakete kommen pünktlich
Ich habe 2023 gefragt, wer die Post eigentlich kontrolliert. Ich habe keine Antwort erhalten — nicht von der Post, nicht vom Bund, nicht von der Weko. Vielleicht liegt es daran, dass die Frage unbequem ist. Oder daran, dass die Zuständigkeiten so verteilt sind, dass am Ende niemand zuständig ist.
60 Stellen kommen und gehen. Portugal wird ausprobiert und wieder fallen gelassen. Die Meldung erscheint, die Stille folgt. Und der gelbe Lieferwagen steht morgen wieder vor der Tür. Alles in Ordnung, also. Solange man nicht fragt.
Über den Autor
Jean-Marc Hensch ist seit 2012 Kolumnist bei inside-it.ch. Als profilierter Business Angel, Advisor und Verwaltungsrat ist er in verschiedenen Schweizer Startups investiert. Als ehemaliger Direktor von ICT- und Energie-Branchenverbänden ist er in Politik und Wirtschaft zuhause.