Der Abgang von Timnit Gebru, einer Expertin im Bereich KI und Ethik, hat einiges Aufsehen erregt. Sie gilt als eine der führenden Stimmen im Bereich der verantwortungsvollen KI und setzt sich für mehr Diversität bei der Entwicklung von KI und bei Tech-Firmen insgesamt ein. Unter anderem ist sie bekannt für ihre Arbeit zur Aufdeckung von diskriminierenden Aspekten von Gesichtserkennung.
Gebru verkündete nun via Twitter, dass sie von ihrer Position als Co-Leiterin Ethical AI von Google gefeuert wurde. Ihre Manager seien verärgert gewesen, über eine E-Mail, die sie an Kollegen geschickt habe. Darin äusserte sie ihre Frustration darüber, dass Google sie dazu bringen wollte, eine Forschungsarbeit zurückzuziehen. In der Mail kritisierte sie das Unternehmen und den Umgang mit Minderheiten. Sie fühle sich "ständig entmenschlicht". Die schwarze Frau schreibt, marginalisierte Stimmen würden zum Schweigen gebracht. Dies im Kontext der "verantwortungsvollen KI" zu tun, streue "Salz in die Wunden".
Brisant ist die Personalie, weil Google in der Vergangenheit mehrfach betont hatte, Ethik gross zu schreiben. So
hatte sich der Konzern 2018 ethische Prinzipien für Künstliche Intelligenz auferlegt und im selben Jahr nochmals unterstrichen, wie wichtig dies sei.
Darin wird auch betont, dass KI keine sexistischen oder rassistischen Vorurteile reproduzieren dürfe. Das Forschungspapier von Gebru beschäftigt sich laut 'Bloomberg' mit ethischen Fragen grosser Sprachmodelle, ein Forschungsgebiet, das unter anderem von Google verfolgt wird.
Die Co-Leiterin Ethical AI hat das Forschungspapier laut der US-Zeitung zusammen mit vier Google-Leuten und zwei externen Forschenden verfasst und für eine Konferenz im nächsten Jahr eingereicht. Nach einer internen Überprüfung sei sie von Google aufgefordert worden, das Papier zurückzuziehen oder die Namen der Google-Mitarbeitenden zu streichen. Sie wollte dem Nachgeben, sofern einige Bedingungen erfüllt würden, erklärt die Forscherin auf Twitter. Etwa wollte sie wissen, wer das Paper beurteilt hatte und was genau die Kritik sei.
Gebru sei dann in den Urlaub gegangen und habe noch vor ihrer Rückkehr eine Kündigungs-E-Mail erhalten. Man könne ihre Bedingungen nicht erfüllen. "Wir respektieren deine Entscheidung, Google deshalb zu verlassen, und wir akzeptieren deinen Rücktritt", hiess es darin.
Er sagt, sie sagt
Die Anfragen bei Google von mehreren US-Medien blieben bislang unkommentiert. In einer E-Mail an Mitarbeitende erklärt Jeff Dean, Leiter der KI-Forschung bei Google, dass das Paper von Gebru habe die "Anforderungen für eine Veröffentlichung nicht erfüllt" hätten. Er fügt an, dass das Papier dem Unternehmen nicht rechtzeitig zur Prüfung übergeben worden und ohne die Erlaubnis von Google auf einer Konferenz vorgelegt worden sei.
Auch den Vorwurf des Rauswurfs kontert man bei Google: Da Gebru damit gedroht habe, bei mangelnder Unterstützung ihrer Forschungsarbeit zurückzutreten, sei sie nicht gefeuert worden, sondern habe gekündigt,
heisst es in der E-Mail weiter. "Wir akzeptieren und respektieren ihre Entscheidung, von Google zurückzutreten", so Dean. Er fügt hinzu: "Wir alle teilen Timnits Leidenschaft, die KI gerechter und integrativer zu gestalten."
In einem offenen Brief zeigen Google-Mitarbeitende ihre Solidarität. Sie fordern Transparenz vom Management und wollen eine genaue Erklärung, warum das von der Forscherin mitverfasste Papier abgelehnt wurde. Der offene Brief wurde von
knapp 1000 Personen von in- und ausserhalb des Konzerns unterzeichnet. In den vergangenen Jahren gab es wiederholt Kritik an Google wegen des Umgangs mit Mitarbeitenden.
Update (15.50 Uhr): Der Artikel wurde ergänzt.