Von Hensch zu Mensch: Ein blinder Fleck der IT

8. Juni 2021 um 08:54
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  • Von Hensch zu Mensch
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Unterdigitalisierte Mitarbeitende sind weniger produktiv und ungenügend motiviert. Dagegen sollte man etwas tun, findet unser Kolumnist.

Im B2C-Bereich würde wohl niemand mehr ein Software-Produkt herausgeben wollen, das nicht auch auf dem Handy funktionieren kann. Das Smartphone ist das Gerät, über das ich heute jedermann erreiche. Wechsle ich jedoch in den Unternehmensbereich, dann sind die für Produktivität relevanten Tools auf Desktops zugeschnitten und erfordern mindestens einen Laptop oder ein grösseres Tablet. Die Grösse des externen Bildschirms ist denn in den Grossraumbüros dieser Welt nach wie vor ein Statussymbol. Sie sind mittlerweile so gross geworden, dass die Bildschirmfläche einen Bogen bilden muss ("curved"), um überhaupt noch ergonomisch genutzt werden zu können. Und wer z.B. im Finanzbereich, als Ingenieur oder als Entwickler etwas zu sagen hat, verfügt über mehr als einen Bildschirm.

Die übersehenen Mitarbeitenden

Wenn über Business-Software gesprochen wird, haben wir das Bild eines Menschen vor uns, der an einem Bildschirm sitzt. Was aber ist mit denjenigen, die bei den Kernprozessen ihrer Arbeit nicht mit einem Bildschirm arbeiten (können)? Mit den Chauffeuren, den Gärtnerinnen, den Verkäufern, den Strassenbauerinnen, den Coiffeuren, den Putzfrauen oder den Feuerwehrleuten?
Nicht zufällig sind das oft diejenigen Personen, die man in der Pandemie plötzlich als "systemrelevant" wahrgenommen hat. Dies ist wohl keine sinnvolle Bezeichnung, aber es sind in jedem Fall Arbeitnehmende, die den Job direkt an einer physischen Schnittstelle ausführen, sei es am Produkt oder gegenüber den Kunden; es sind Menschen, die sich nicht ins Homeoffice zurückziehen können und so naturgemäss ansteckenden Krankheiten deutlich stärker ausgesetzt sind als die Normalos im Büro. Mir geht es heute allerdings nicht um das Thema Corona (da schreiben ja genügend andere darüber…).
Diese Art Mitarbeitenden könnte man aufgrund ihrer Arbeitsweise auf Neudeutsch "Non-Desk-Workers", oder vielleicht etwas positiver "Frontline Workers" nennen. Dass diese Gruppe stark unterdigitalisiert ist, lässt sich relativ einfach belegen: Nur gerade 1% des Venture-Kapitals, das in Unternehmenssoftware investiert wird, widmet sich Produkten für "deskless"-Mitarbeitende. Von der Schweiz und der Schweizer ICT-Industrie aus betrachtet scheinen diese Mitarbeitenden anteilsmässig wenig relevant zu sein. Je mehr man darüber nachdenkt, desto mehr kommt man drauf, dass es doch sehr viele Leute sind. In der Schweiz betrifft dies vor allem die Branchen Bau, Transport, Tourismus, Pflege und Detailhandel. Und wenn man dann in die Statistik schaut, wird klar, dass weltweit Frontline Workers 80% aller Mitarbeitenden ausmachen.

Grosse Unterschiede

Der Unterschied von Frontline zu Desk Workers beschränkt sich allerdings nicht darauf, dass ihr Arbeitsplatz nicht mit einem herkömmlichen Computer ausgestattet ist, sie weisen gegenüber den Bürogummis weitere relevante Unterschiede auf: Sie haben eine tiefere IT-Affinität, sie arbeiten oft dezentral und im Schichtdienst, sie haben keinen direkten Zugang zum IT-System des Unternehmens, sie werden oft persönlich oder mündlich von Vorgesetzten angeleitet und überwacht, und sie unterstehen komplexen Normen der Arbeitssicherheit und des Gesundheitsschutzes.
Paradebeispiel für eine Frontline-Worker-Problematik ist die Festlegung der Arbeitszeiten. Denn diese Art von Arbeit muss typischerweise an einem bestimmten Ort und zu einer bestimmten Zeit ausgeführt werden. Das von den (auch IT-) Medien gepushte Idealbild des von "Co-Working-Space to AirBnB" nomadisierenden Mitarbeiters, der seine Arbeit gern ab Mitternacht erledigt, weil er tagsüber am Surfen ist, passt hinten und vorne nicht für die Non-Desk-Workers. In viel zu vielen Firmen werden deren Arbeitspläne immer noch eine Woche im Voraus per Anschlag oder bestenfalls per Mail verschickt. Wenn jemand krankheitshalber ausfällt, wird hektisch nach Ersatz gesucht. In händisch geführten Systemen ist es so gut wie unmöglich, zeitnah die richtigen Leute zu erreichen (und ihre Reaktion einzuholen), geschweige denn, gesetzliche Ruhezeiten korrekt einzuhalten. Hier besteht also ein riesiges Rationalisierungspotenzial, für mich fast noch relevanter ist jedoch die Verbesserung der Motivation der Betroffenen, da kurzfristige Schichtwechsel zu den grössten Stressfaktoren überhaupt gehören – klar, denn sie wirken sich massiv aufs Privatleben aus.

Eine Chance für Startups

Wenn mich also jemand fragt, in welchem Bereich SaaS noch Lücken hat, in die ein Startup vorstossen könnte, dann ist meine Antwort klar: Es gibt eine riesige Zahl von unterdigitalisierten Arbeitnehmenden – und ihre Arbeitgeber werden sich zunehmend bewusst, dass sie auch in diesem Bereich dank Digitalisierung ihre Produktivität steigern können.
Für diejenigen, die sich über diese ganze Problematik schlaumachen möchten und an Rezepten zur Füllung dieser Lücke interessiert sind, habe ich auch eine Buchempfehlung (die mich zu dieser Kolumne angeregt und mit Zahlen gefüttert hat): Grossmann, Cristian: The Rise of the Frontline Worker, Zürich, 2021.
Offenlegung: Ich bin mit dem Autor des Buches seit 2012 persönlich bekannt. Und wir sind beide in Beekeeper investiert, er als Gründer und CEO etwas mehr als ich…
Jean-Marc Hensch ist seit 2012 Kolumnist von inside-it.ch und inside-channels.ch. Als Verwaltungsrat, Startup-Investor und Coach ist er in der ICT- sowie in weiteren Branchen engagiert. Er äussert hier seine persönliche Meinung und twittert als @sosicles.

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