Der Mann hinter der wertvollsten Schweizer Software-Firma

21. Dezember 2022, 09:56
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Serguei Beloussov oder Serg Bell, Milliardär und Acronis-Gründer.

Der Singapurer Milliardär und Seriengründer Serguei Beloussov ist Research-Chef von Acronis und Chef einer Schaffhauser Privatuni, die Masterlehrgänge anbietet. Wir haben mit ihm über die Pläne der beiden Firmen gesprochen.

Im Schaffhauser Industriequartier, direkt am Rhein, hat die Softwarefirma Acronis ihren weltweiten Hauptsitz. Für ein Unternehmen, das seit der letzten Finanzierungsrunde mit 2,5 Milliarden Dollar bewertet ist und wohl die wert­vollste Schweizer Softwarefirma ist, sind die Büros reichlich unspektakulär. Omnipräsent ist der Buchstabe 'A'. Sogar der Konferenztisch, an dem die Verwaltungsratssitzungen des Unternehmens stattfinden, hat seine Form.
An der gleichen Adresse sitzt das Schaffhausen Institute of Technology, das seit wenigen Wochen Constructor Group heisst und unter anderem Studentinnen und Studenten ausbildet. Noch oft virtuell, beim Interview vor Ort sind weniger als eine Handvoll Studierende anzutreffen.
Gegründet hat beide Firmen der Milliardär Serguei Beloussov, der sich seit ein paar Jahren Serg Bell nennt und in Singapur wohnt. Aber nicht aus politischen Gründen, wie er im Interview erklärt. Darüber hinaus spricht er über die Pläne der Privatuni in Schaffhausen und darüber, warum und wie viel privates Geld er in die Firma steckt.
Warum entschieden Sie sich für Schaffhausen als Hauptsitz Ihrer Firmen Acronis und später SIT? 2006 erhielt Acronis ein Investment eines US-Venture-Funds, der uns auferlegte, einen Hauptsitz zu suchen. Zu dieser Zeit waren wir in Singapur domiziliert, was steuerliche Nachteile mit sich brachte. PWC empfahl uns schliesslich den Sitz in der Schweiz, nicht nur aus steuerlichen Gründen, sondern auch weil der deutschsprachige Markt für uns sehr wichtig war.
Die Schweiz als Hauptsitz ist nachvollziehbar, das machen andere auch. Aber warum Schaffhausen? Auf der Shortlist von PWC waren Schaffhausen, Schwyz und Zug. Schlussendlich entschieden wir uns für Schaffhausen, obwohl es punkto Steuern Nachteile gegenüber den anderen beiden Städten gab. Dafür überzeugte uns die Nähe zu München, die günstigeren Mietflächen und die Nähe zum Flughafen. Zudem sind die Behörden hilfsbereit und freundlich.
Sie leben mit Ihrer Familie seit 28 Jahren in Singapur. Wie oft sind Sie hier in Schaffhausen anzutreffen und was passiert hier? Ich habe eine Wohnung in der Stadt und wohne ungefähr 120 Tage hier. In Singapur bin ich eigentlich am wenigsten, weil ich sehr viel unterwegs bin. Bei Acronis werden hier alle relevanten Entscheide gefällt, alle Finanzentscheide getroffen, die Controller sitzen hier und das Datacenter ist hier in der Nähe.
Wo sitzen die Software-Entwickler für Acronis und wie viele sind es? In Bulgarien. Sie machen über 40% der mittlerweile über 2500 Mitarbeitenden aus.
Am gleichen Standort wie Acronis sitzt auch das Schaffhausen Institute of Technology, das sie neu Constructor Group nennen. Ein Campus für Studenten. Ja, hier in Schaffhausen ist der Hauptsitz der Gruppe, zu der die Uni gehört. Aber der wichtigste Teil der Firma und der Grossteil der Mitarbeitenden und Studierenden befindet sich in Bremen.
Hier in Schaffhausen können Studentinnen und Studenten einen Masterabschluss machen. Aber in der Schweiz ist dieser noch gar nicht anerkannt, stimmt das? Wir sind in Deutschland akkreditiert und arbeiten daran, die Zulassung auch für die Schweiz zu erhalten. Für Studierende spielt das keine Rolle, weil praktisch niemand den Unterschied zwischen einem deutschen und einem Schweizer Diplom kennt. Der Prozess dauert in der Schweiz länger, zwischen 3 und 5 Jahren – und vor 2 Jahren haben wir angefangen.
Wie viele Studierende haben schon abgeschlossen und in welchen Themengebieten? 2019 haben die ersten Klassen begonnen, 2 Lehrgänge haben schon in Software Engineering und Computer Science abgeschlossen. Sie werden von 4 Vollzeit-Professorinnen und -Professoren unterrichtet.
Sie bilden also den Nachwuchs für Acronis aus, quasi? Natürlich arbeiten die beiden Unternehmen zusammen, aber es werden nur etwa 20 von 2000 Studierenden jährlich für Acronis arbeiten.
Was zahlt ein Student für seinen Masterabschluss bei Ihnen? 20'000 Dollar pro Jahr. Aber natürlich gibt es auch Stipendien. Wir unterrichten in Englisch und positionieren uns verglichen mit England oder den USA im günstigsten Segment. Dort kostet Vergleichbares das Doppelte oder Dreifache.
Noch sind die Studierenden hier im Hauptsitz von Acronis untergebracht. Wollen Sie demnächst ein eigenes Gebäude, einen Campus für die Constructor-Uni in Schaffhausen eröffnen? Wir haben das vor, ja. Aber in der Schweiz geht alles etwas langsamer voran.
Haben Sie schon Bauland gekauft? Noch nicht, wir haben derzeit zwei mögliche Optionen. Wir evaluieren momentan, welche davon besser ist. Leider ist keine davon perfekt.
Bis wann wollen Sie entschieden haben? Wann soll Spatenstich sein? Das ist schwierig zu sagen. Ich hoffe aber, dass wir in 5 Jahren einen eigenen Campus haben.
Haben Sie Geld von der öffentlichen Hand, also von Stadt oder Kanton Schaffhausen erhalten? Ja. Aber nur ein kleiner Betrag, weniger als 5% der Summe, die wir investiert haben.
Das meiste Geld investierten Sie selbst, persönlich? Nicht nur ich, wir haben auch Studierende und verkaufen Software. Aber den Grossteil investierte ich selbst.
Wie hoch ist die Summe, die Sie privat investiert haben? Um die 100 Millionen Dollar, knapp die Hälfte davon letztes Jahr.
Warum dieses Engagement? Hat das eine philanthropische Komponente? Nein, ich mache keine Philanthropie. Constructor ist eine Firma mit 3 Standbeinen: den Universitäten, die Nonprofit sind, des Weiteren ein Investmentfund und eine Technologiesparte, die der wichtigste Teil ist. Diese stellt Software für Bildungs- und Wissenschaftseinrichtungen her, die wir wie gesagt verkaufen.
Was sind Ihre Ziele mit Constructor? Mit der Universität wollen wir zu den Top 25 Unis der Welt gehören, und sie soll selbsttragend werden. Unsere Venture Firm will in den nächsten 10 Jahren 1 Milliarde Dollar in Techstartups investieren und mit unserer Software wollen wir zur führenden Software im Bildungsbereich werden. Und insgesamt soll Constructor grösser werden als Acronis mit einer 2,5-Milliarden-Bewertung.
Haben Sie schon Kunden in der Schweiz für Ihre Software? Praktisch jede Schule in der Schweiz nutzt unsere Software, um Kinder mit Lese-, Schreib- und Rechenschwäche zu unterrichten. Zudem sind wir bei diversen Universitäten und Sportvereinen und Formel-1-Teams im Einsatz.
Sie sind aktuell CEO bei Constructor und Chief Research Officer bei Acronis. Wie geht beides unter einen Hut und wo geht Ihre Leidenschaft hin? Meine wichtigste Firma im Moment ist Constructor, es ist das interessanteste Unternehmen, das ich je gegründet habe. Aber noch ist sie sehr jung und hat "nur" 150 Mitarbeitende und 70 Millionen Umsatz.
Aber wie bringen Sie beide Jobs unter einen Hut? 90% meiner Zeit investiere ich in Constructor. Aber das, was ich für Constructor tue, hilft auch Acronis. Wir generieren Nachwuchs und sind natürlich auch Kunde der Acronis-Produkte.
Sie wurden im damaligen Leningrad geboren, sind aber Anfang der 90er-Jahre nach Singapur ausgewandert und haben die dortige Staatsbürgerschaft angenommen. Haben Sie den russischen Pass noch? Nein, Singapur erlaubt das nicht. Ich habe die Staatsbürgerschaft vor 22 Jahren angenommen, mit Politik hatte das nichts zu tun. Als ich Russland 1993 verliess, war es ein anderes Land. Die Politik war gut und stabil, die Wirtschaft wuchs.
Anders als heute? Ja, es hat sich verändert. Aber das ist normal, das passiert.
Ebenso änderten Sie Ihren Namen von Serguei Beloussov in Serg Bell. Warum? Weil er einfacher auszusprechen und zu buchstabieren ist. Ich habe vor 3 Jahren angefangen, meinen Namen bei Instagram und anderen sozialen Netzwerken zu ändern. Auch das hatte keinen politischen Grund.

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