Die andere Sicht: Welche Rollen braucht das "digitale" Bildungswesen?

31. März 2023 um 11:57
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Andreas Klausing von Educa.

Die Schulen werden digitaler. Aber trifft das auch auf Bildungsbehörden zu und wer treibt die Transformation voran? Es sind oft private Anbieter, die Fakten schaffen.

Das föderal organisierte Bildungswesen ist einer der grössten Politikbereiche der öffentlichen Hand. Allein die Volksschulen der 26 Kantone generieren jährliche Kosten von mehr als 20 Milliarden Franken. Das entspricht je nach Kanton zwischen knapp einem Viertel und einem Drittel der öffentlichen Gesamtausgaben oder rund 5% des Bruttoinlandprodukts.
Deutlicher noch als Finanzwerte machen demographische Daten die volkswirtschaftliche und gesellschaftliche Bedeutung des öffentlichen Bildungswesens. Gemäss dem jüngsten Bildungsbericht Schweiz ist die Anzahl Schülerinnen und Schüler der obligatorischen Schule seit 2011 kontinuierlich angestiegen. Das Referenzszenario 2021 bis 2031 geht von einem weiteren globalen Wachstum von 10% aus, mit kantonalen Schwankungen zwischen minus 3% (Tessin) bis zu plus 17% (Thurgau). 
In absoluten Zahlen: Anfangs der 2030er Jahre werden schweizweit etwas mehr als eine Million Kinder und Jugendliche die obligatorische Schule besuchen.

Die fehlende Grösse: Systemarchitektur

Im Grundsatz gilt gemäss Bundesverfassung, dass für die Schulen die Kantone zuständig sind. Die Schulen sind in der Regel öffentlich-rechtlich getragen und auch organisiert. Angesichts der immer dynamischer fortschreitenden digitalen Transformation unseres Alltags richtet sich der Blick der Öffentlichkeit rasch und gerne auf die Schule vor Ort. Genauer gesagt auf das Klassenzimmer, die Lehrpersonen und ihre Interaktionen mit den Lernenden.
Als Eltern erhält man den Infoletter als E-Mail direkt von der Schulleitung. Die kantonale Bildungsdirektion versendet wiederkehrend Informationen. Jede und jeder kennt "Schule" aus eigener Erfahrung. Das grosse Ganze hinter dem Schulalltag und der eigenen Beobachtung wird aber kaum wahrgenommen. Das Schulwesen ist ein dezentral organisiertes System, das auf sehr viele Inputgrössen reagiert.
Wenig thematisiert werden die verschiedenen Strategieebenen; das systemische Gefüge mit seinen Abhängigkeiten und Wechselwirkungen bleibt unter dem Radar der Öffentlichkeit. Während privatwirtschaftliche Grossstrukturen und ganze Branchen gewohnt sind, in der Grössenordnung von Systemarchitekturen zu denken, bleibt diese Projektions- und Planungsebene in der Bildung zu oft aussen vor.

Daten als strategische Ressourcen

Am Beispiel der Datennutzung lässt sich die sehr komplexe, föderal organisierte Governance-Struktur des Schweizer Schulwesens illustrieren. Daten dienen in Schule und Unterricht zunehmend als Grundlage für Entscheide (von Lernenden, Lehrpersonen, Bildungsinstitutionen, Lehrbetrieben, Behörden, Diensteanbietern usw.). Dabei sind praktisch ausnahmslos privatwirtschaftlich organisierte Dienste unmittelbar involviert, seien dies nun Lern- oder Prüfungs-Apps aus der lebhaften EdTech-Szene in der Schweiz oder jede Art von Cloud-Diensten der global agierenden Big-Tech-Firmen.
Gleichzeitig unterliegt der Zugang zu Daten zunehmender Regulierung, und auch der Staat nutzt Daten mit wachsender Intensität. Unter dem Strich heisst das, dass die Werte der öffentlich-rechtlichen Volksschulen zunehmend dem Spannungsfeld staatlicher vs. privater Interessen ausgesetzt sind.
Neue Akteure – sowohl auf öffentlich-rechtlicher Seite als auch aus dem Privatsektor – mit ihren eigenen Wertesystemen nehmen Einfluss auf die Schulen. Das verschiebt die strategischen Handlungsfelder, in denen Bildungsbehörden sich auskennen und ihre Verantwortung wahrnehmen müssen; der Handlungsspielraum für die Ausgestaltung und Weiterentwicklung der Schulen wird enger. Kurz und bündig: Daten werden zur strategischen Ressource in einem Umfeld ohne gefestigtes Verständnis von Systemarchitekturen.

Zuständigkeiten bewegen sich...

Zwei Tendenzen wirken sich deutlich auf die Strukturen der öffentlichen Hand und somit auch auf das Bildungswesen aus. Erstens das Verlagern von Zuständigkeiten: Technologischer Wandel übt einen dermassen hohen Innovationsdruck auf die öffentlichen Verwaltungen aus, dass sich diese in der Vertikalen wie auch in der Horizontalen rasch neu strukturieren. Zuständigkeiten verschieben sich vertikal im Sinne der föderalen Staatsebenen von den Gemeinden zu den Kantonen und von diesen zum Bund (und darüber hinaus).
Die neu geschaffene Struktur "Digitale Verwaltung Schweiz" (DVS), die gemeinsam von allen Kantonen und dem Bund getragen wird, ist ein wesentlicher Stakeholder in dieser Bewegung. Auf kantonaler Ebene steht das 2022 geschaffene "Gesetz über die digitale Verwaltung" im Kanton Bern beispielhaft für die vorerst noch sanfte Verschiebung von Zuständigkeiten. Digitalisierungs-Know-how wird horizontal gebündelt und durchdringt somit die herkömmlichen Verwaltungsstrukturen; sektorielle Zuständigkeiten werden aufgebrochen.

...und auch die Strategien

Diese Umverteilung von Verantwortung bleibt nicht auf die operativen Kräfte in den kantonalen IT-Organisationen fokussiert. Das führt zur zweiten Tendenz: Die oft stiefmütterlich behandelte Strategieentwicklung trifft auf Transformationen, die im einzelnen Zuständigkeitsbereich nicht zu beeinflussen sind. Während sich Bildungsdirektionen auf ihr Kerngeschäft fokussieren, die Schulen vor Ort, das Lernen und Lehren in Klassenzimmern, wirken die systemischen Umwälzungen im Hintergrund praktisch immer "grösser als Bildung".
Technologische Leistungserbringer konditionieren mit digitalen Ökosystemen komplexe Beziehungs- und Prozessgefüge innerhalb der Verwaltung und an der Schnittstelle zwischen der Verwaltung und den einzelnen Sektoren, die Bildung eingeschlossen. In solch transversalen und zunehmend dezentral gestalteten Systemen müssen die Bildungsdirektionen eine neue Rolle finden, die nicht mehr zentral oder hierarchisch ausgestaltet ist wie bis anhin. Oder anders formuliert: Während die Bildungsverwaltung sich noch mit der Digitalisierung des Klassenzimmers beschäftigt, schaffen private Anbieter Fakten in übergeordneten Ökosystemen.

Zwischenfazit

Die Wechselwirkungen zwischen Technologie und Gesellschaft verändern das Bildungswesen in seinem Wesen, nicht nur seinem Aussehen. Im Spektrum des heute erkennbaren Handlungsbedarfs ist die Schaffung einer schweizweiten Datennutzungspolitik als Teil der Strategie Digitale Schweiz eine erste gemeinsame Massnahme von Bund und Kantonen. Ein nächster wichtiger Schritt wird sein, sich vertieft mit den Wechselwirkungen in neuen Ökosystemen mit bisher kaum erschlossenen Systemarchitekturen zu befassen. Dort finden die grossen, globalen und alle Politikbereiche durchdringenden Bewegungen statt.

Zum Autor

Andreas Klausing ist Mitglied der Geschäftsleitung von Educa. Diese ist als Fachagentur im Auftrag von Bund und Kantonen für den digitalen Bildungsraum Schweiz zuständig. Klausing begleitet und organisiert seit 15 Jahren bildungspolitische Prozesse.

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