EU-Kommissarin Henna Virkkunen in Lille. Foto: Forum Incyber
Das Forum Incyber in Lille stellte Cybersicherheit als Zeichen digitaler Souveränität ins Zentrum. Politikerinnen und Politiker riefen zu mehr Zusammenarbeit in Europa auf.
Die Zeit für ein geeinteres und souveräneres Europa sei gekommen, zeigte sich Marc Watin-Augouard in seiner Eröffnungsrede am Forum Incyber in Lille überzeugt. Der Forumsgründer sowie ehemalige General der französischen Armee und Gendarmerie sagte: "Diese Souveränität, über die alle sprechen, ist ein erstrebenswertes Ziel." Sie könne aber nicht per Dekret verordnet werden. "Letztendlich erreichen wir ein akzeptables Mass an Souveränität, wenn wir die Abhängigkeiten im Griff haben."
Foto: Forum Incyber
Das Motto der 18. Ausgabe von Incyber war denn auch "Unsere digitale Abhängigkeit in den Griff bekommen". Rund 20'000 Besucherinnen und Besucher wurden ab dem 31. März an drei Tagen in Nordfrankreich erwartet. 700 Partner aus 103 Ländern waren beteiligt. An der Messe präsentierten sich über 100 Unternehmen und Organisationen. Damit gilt Incyber als grösstes Security-Forum in Europa.
Auch die EU-Kommissarin für Digitale- und Grenztechnologien, Henna Virkkunen, sprach in ihrer Keynote von einer der wichtigsten Veranstaltungen zur Cybersicherheit in Europa. Das Forum unterstreiche "unser gemeinsames Vorgehen im Umgang mit unseren digitalen Abhängigkeiten". Es gebe keine Sicherheit ohne Cybersicherheit, betonte die finnische Politikerin. "Cyberbedrohungen stellen mehr als blosse technische Herausforderungen dar. Sie sind zentrale strategische Bedenken für die europäische Sicherheit."
Souveränität bedingt Vertrauen
Angesichts der Weltlage gebe es ein verstärktes Streben nach europäischer Technologie und digitaler Souveränität. "Souveränität bedeutet für uns aber nicht Autarkie oder Abschottung von der Welt. Vielmehr bedeutet sie, selbstbewusst auf der globalen Bühne aufzutreten, bereit zur Zusammenarbeit und zum Handel mit unseren Partnern und fähig, dem Wettbewerb von Konkurrenten standzuhalten", so Virkkunen.
Dabei müsse man über Grenzen und Geopolitik hinausblicken. "Im Kern geht es bei Souveränität im digitalen Zeitalter um Vertrauen", sagte die EU-Kommissarin. "Cybersicherheit bedeutet Vertrauen. Vertrauen darin, dass unsere Gesellschaften auch unter Druck funktionieren können. Vertrauen darin, dass unsere Volkswirtschaften sicher Innovationen hervorbringen können. Das Vertrauen, dass unsere Demokratien gegenüber externen Eingriffen widerstandsfähig bleiben."
Technologie sei kein monolithisches Gebilde, sondern ein komplexes Zusammenspiel von Komponenten, die zusammenarbeiten müssen. "Da Cybersicherheit ein zentraler Aspekt ist, sollte die Entwicklung unserer Technologie in unserer DNA verankert sein", schloss Virkkunen.
"Jeder arbeitet für sich"
Bruno Le Maire. Foto: Forum Incyber
Europa müsse seine Entschlossenheit zur Unabhängigkeit klar bekräftigen, forderte anschliessend der ehemalige französische Finanzminister Bruno Le Maire. "Europa hat alle Voraussetzungen: einen grossen Markt, 450 Millionen Konsumentinnen und Konsumenten, florierende Industrien und Spitzentechnologien. Doch all das ist völlig zersplittert, es fehlt an Strategie und Vision für die Beziehungen zu den beiden anderen Supermächten, China und den USA."
Jeder würde für sich arbeiten, kritisierte Le Maire. "Beim IMEC (Institut de microélectronique et composants) in Belgien gibt es fantastische Mitarbeiter, aussergewöhnliche Leute sind beim CEA (Commissariat à l'Énergie Atomique et aux Énergies Alternatives) und am ETI (Etudes et Techniques Internationales) in Grenoble. Es gibt grosse Unternehmen wie Infineon oder SAP in Deutschland, und ich könnte noch Dutzende weitere nennen, aber jeder arbeitet unabhängig." Es gehe darum, greifbare Ergebnisse sowohl für die Bürgerinnen und Bürger als auch im Technologiebereich zu erzielen: "Wir müssen also unsere Fähigkeiten bündeln und zusammenarbeiten."
Starke Fragmentierung in der Cybersicherheit
Von einer starken Fragmentierung sprach auch Guillaume Tissier, Managing Director des Forums Incyber, gerade im Bereich Cybersecurity – trotz eines dynamischen und vielfältigen europäischen Ökosystems. Incyber habe zusammen mit der European Champion Alliance kürzlich eine Bestandsaufnahme durchgeführt. "Diese ergab, dass 1300 Unternehmen am Thema der digitalen Sicherheit arbeiten. In jedem Segment gab es führende Unternehmen oder zumindest einige herausragende Talente, die jedoch weiterhin Schwierigkeiten haben, ihr Geschäft auszubauen."
Das sei auch ein Zeichen für mangelnde Integration der europäischen Märkte. "Jedes Land kauft entweder eigene oder amerikanische Waren, aber nicht von seinen Nachbarn. Daher muss diese Integration ausgebaut werden", erklärte Tissier. Es brauche einen proaktiveren Ansatz in Europa, um die eigenen technologischen Fähigkeiten zu nutzen.
Interessenbindung: Inside IT wurde von Incyber nach Lille eingeladen (Zug, Hotel).