Ikea will mit KI in der Logistik mehr Einfluss gewinnen

28. Mai 2024 um 07:24
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Marco Dütsch leitet bei Ikea das globale AI Innovation Lab. Im Interview spricht er über aktuelle Projekte, kleine Budgets und grosse Sprachmodelle.

Seit Dezember 2023 leitet Marco Dütsch das auf diesen Zeitpunkt neu gegründete AI Innovation Lab beim schwedischen Möbelgiganten Ikea. Sein Team ist in der Ikea-Tochter "Supply" angesiedelt und umfasst fünf Personen. Er selbst und zwei weitere arbeiten vom Standort Pratteln (BL) aus. Im Gespräch verrät Dütsch, wo Ikea bereits KI einsetzt und wo die Technologie künftig relevant wird.
Hatten Sie sich vor Ihrem Engagement bei Ikea auch schon mit Künstlicher Intelligenz beschäftigt?
Ja, es war aber nicht mein Hauptfokus. Ich beschäftigte mich vor allem mit Cloud-Computing und Infrastrukturthemen bei der Stiftung Switch und zuvor bei Phoenix Technologies. Auch bei Ikea gab es das AI Innovation Lab zuvor nicht; ich wurde über einen privaten Kontakt angefragt, ob ich es aufbauen wolle.
Was sind die Ziele des AI Innovation Lab?
Es geht darum, Menschen, die sich innerhalb von Ikea mit Künstlicher Intelligenz beschäftigen, zusammenzubringen und zu vernetzen und entsprechendes Know-how aufzubauen. Zweitens wollen wir in kleinen, maximal dreimonatigen Projekten prüfen, ob spezifische Probleme mit Künstlicher Intelligenz lösbar sind.

AI-Strategie-Forum: Beyond the Hype

Marco Dütsch spricht neben vielen weiteren Expertinnen und Experten am Strategie-Forum von C-Level zum Thema Künstliche Intelligenz. Der Anlass findet am 20. Juni 2024 in Pfäffikon SZ statt. Infos dazu gibt es online.
Interessenbindung: Inside IT ist Medienpartner von C-Level
Das sind aber nicht wirklich messbare Ziele.
Das stimmt. Wir sind auch noch ganz am Anfang und im Aufbau des Labs. Wichtiger als konkrete, messbare Ziele ist meiner Meinung nach aber auch der Impact, den wir mit Künstlicher Intelligenz fürs Business erzielen können. Also zum Beispiel Produktivitätssteigerung ermöglichen oder die Teams selbst "enablen", mit Künstlicher Intelligenz arbeiten zu können.
Wie viel Budget steht Ihnen zur Verfügung?
Wir sind immer am Feilschen (lacht).
Es ist also zu wenig?
Ja, es ist zu wenig. Das Gute ist aber, dass die angesprochenen Projekte nicht wir finanzieren müssen, diese werden über ein globales Innovations-Budget abgerechnet.
Worum gehts bei diesen Projekten konkret?
Es geht darum, herauszufinden, ob genügend Daten in genügender Qualität vorhanden sind, um eine spezifische Herausforderung mit Künstlicher Intelligenz zu meistern. Ebenfalls soll geprüft werden, welchen Impact eine mögliche Lösung für den ganzen Konzern hat. Und drittens schauen wir uns an, wie die Lösung technisch angegangen werden kann – also zum Beispiel mit welchem Foundation-Model.
Kurz zusammengefasst heisst das: Sie schauen an, ob ein Projekt interessant ist und legen die Basis für die Umsetzung mittels Künstlicher Intelligenz?
Genau, das kann man so stehen lassen.
Ist bei Ikea heute schon Künstliche Intelligenz im Einsatz?
Ja, wir haben auf Basis von ChatGPT verschiedene Chatbots entwickelt, die sowohl gegen Aussen als auch Innen zum Einsatz kommen. Für interne Zwecke gibt es einen im Kundensupport, der mit anderen Tools kombiniert ist. Darüber hinaus fahren wir eine Testphase mit einem Bot, der Mitarbeitenden hilft, die richtigen internen Dokumente zu finden.
Können Sie das erklären?
In einem globalen Konzern wie Ikea gibts tausende interne Dokumentationen und Richtlinien. Via Chatbot können unsere Mitarbeitenden Fragen zu internen Dokumentationen stellen und erhalten nicht nur die hoffentlich richtige Antwort, sondern auch den Link zum passenden PDF zurück.
Gibts weitere Einsatzbereiche von KI?
Ja, einen nennen wir Computervision. Da geht es darum, Produktionsschritte mit Kameras zu überwachen. Dabei übernimmt die Künstliche Intelligenz die Qualitätskontrolle.
Überwachung tönt heikel. Wie steht Ikea zum verantwortungsvollen Einsatz von Künstlicher Intelligenz?
Das ist uns sehr wichtig. Wir haben eine bereichsübergreifende Arbeitsgruppe, die sich mit dem Thema beschäftigt und unsere "AI Principles", also Richtlinien, definiert. Diese werden global angewandt. Dasselbe gilt für die weltweit strengste Regulierung, den AI Act der EU. Diesen berücksichtigen wir auch in jenen Ländern, in denen wir das nicht müssten.
Sind Ihre "AI Principles" öffentlich?
Noch nicht, sie sind auch noch nicht final abgesegnet. Aber ich werde mich dafür einsetzen, sie publizieren zu können.
Trainieren Sie auch ein eigenes, grosses Sprachmodell?
Dieses Thema diskutieren wir aktuell. Aber da stellen sich noch einige rechtliche Fragen, weshalb wir bisher noch kein eigenes Modell von Grund auf trainiert haben. Aber Modelle, die auf OpenAI basieren, fütterten wir mit unseren Daten und trainierten sie entsprechend.
In welchem Bereich?
Wir haben dem Chatbot mit bestehenden Texten den "Ikea Tone of Voice" beigebracht. Dasselbe haben wir bei der Bildsprache gemacht, dort jedoch nicht mit OpenAI, sondern mit Stable Diffusion. Es ist insbesondere dieser Bereich, bei dem wir mit dem Gedanken spielen, ein eigenes Modell von Grund auf zu trainieren.
Inwiefern bringt das Ikea vorwärts?
Unser Ziel ist es, unsere Designerinnen und Designer zu unterstützen. Künstliche Intelligenz soll aus Handskizzen fotorealistische Bilder generieren können, die sich dann in beliebigen Umgebungen beziehungsweise Räumen platzieren lassen.
Wo kann Künstliche Intelligenz künftig zum Einsatz kommen?
Erstens sind wir dabei, ein Modell zu trainieren, das unsere Compliance-Teams dabei unterstützt, die weltweiten – und vor allem so unterschiedlichen – Richtlinien zum Thema einzuhalten. Das ist ohne Unterstützung von KI fast nicht mehr möglich.
Und zweitens?
Als globaler Konzern sind wir auf weltweit operierende Logistikunternehmen angewiesen. Wir sind daran, mit eigenen Modellen zu überwachen, wo sich welches Material befindet und welche Schiffe noch Kapazitäten haben. Ziel ist es, in der Logistik mehr Einfluss zu gewinnen und auch Routen zu optimieren.

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