"Jetzt machen wir Boden gegenüber der Konkurrenz gut"

24. März 2022, 08:35
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Raiffeisen habe sein Kernbankensystem erneuert, deshalb könne man jetzt neue Projekte angehen, sagt Interims-CIO Robert Schleich im Interview.

"Wir haben unsere Hausaufgaben gemacht", sagt Robert Schleich im Gespräch mit inside-it.ch. Gemeint ist die Ablösung der alten Kernbankensysteme, die während mehrerer Jahre zahlreiche Ressourcen blockiert hatte. Das sei nun abgeschlossen und damit habe man die Ausgangslage geschaffen, um die digitalen Dienstleistungen auszubauen. Schleich erläutert im Gespräch die IT-Zukunft bei Raiffeisen Schweiz von der Neuorganisation bis hin zu den Kosten der Cybersecurity und seiner eigenen Zukunft, wenn im September Niklaus Mannhart den IT-Chefsessel übernimmt.
Sie schreiben in Ihrer Gruppenstrategie vom Juni 2020, dass keine Digitalisierungsstrategie vorhanden sei. Das haben Sie ziemlich spät festgestellt. Ich würde das nicht so absolut formulieren. Raiffeisen hat der Digitalisierung schon vor der Gruppenstrategie eine hohe strategische Wichtigkeit beigemessen. Unsere digitalen Kanäle, insbesondere unser E-Banking, haben eine enorme Bedeutung. Wir wollen unsere digitalen Lösungen aber breiter aufstellen und die Digitalisierung als Ergänzung zu den physischen Geschäftsstellen weiter vorantreiben.
Wie sehen Sie sich im digitalen Bereich verglichen mit UBS, CS oder ZKB aufgestellt? Ein Unterscheidungsmerkmal ist, dass wir eine Genossenschaftsbank sind. Aber grundsätzlich orientieren wir uns nicht an den Mitbewerbern, sondern an unserer Kundschaft und haben unsere digitalen Dienste letztes Jahr weiter ausgebaut.
Aber bei Produkten für die junge Zielgruppe, zum Beispiel im Bereich mobile Banking, haben Sie enormen Nachholbedarf. Das ist einer der Schwerpunkte bei der Umsetzung unserer Gruppenstrategie. Wir wollen ab 2023 die Erledigung aller wichtigen Geschäfte vom Smartphone aus möglich machen. Dabei verfolgen wir den Mobile-first Ansatz.
Sind Ihre IT-Systeme überhaupt bereit dafür? Definitiv. Wir haben in den vergangenen Jahren für alle Raiffeisenbanken ein neues, zentrales Kernbankensystem etabliert. Raiffeisen legte damit die Basis für die agile Umsetzung digitaler Vorhaben. Wir haben eine aufgeräumte und konsolidierte IT-Landschaft. Das ist eine komfortable Ausgangslage, die wir jetzt nutzen können, um die digitalen Dienstleistungen auszubauen.
Selbst wenn Sie 2023 mit mobilem Banking starten können, sind Sie Jahre hinter der Konkurrenz her. Wir starten ja nicht erst jetzt mit mobilem Banking. Unsere mobile E-Banking-App hat über eine Million Nutzerinnen und Nutzer, bis zu 700‘000 Personen loggen sich täglich auf mobilen Geräten ein. Wir sind daran, Boden gutzumachen gegenüber Mitbewerbern. Grund für unseren Rückstand, den wir übrigens bewusst in Kauf genommen haben, ist die erwähnte Erneuerung des Kernbankensystems. Da scheuen sich andere, grosse Banken noch davor. Wir aber haben unsere Hausaufgaben gemacht und können jetzt darauf aufbauen.
Was bedeutete die Einführung des neuen Kernbankensystems für Ihre IT? Wir haben 250 dezentrale, ältere Kernbankensysteme durch eine zentrale Lösung abgelöst. Das hat nicht nur die IT, sondern die ganze Gruppe gefordert. Ein grosses Projektteam hat die Systeme bereitgestellt und ausgerollt sowie Mitarbeitende geschult.
Nochmals zu meiner Eingangsfrage. Sie haben doch selbst geschrieben, dass im Juni 2020 keine Digitalisierungsstrategie bestand. Ich kann mich nur wiederholen: Raiffeisen hat der Digitalisierung schon in der Vergangenheit eine hohe strategische Wichtigkeit beigemessen. Voraussetzung für Digitalisierungsprojekte war das neue Bankensystem. Vorher hatten wir weder technisch die Möglichkeiten dafür, noch personell, weil alle Ressourcen blockiert waren.
Wer ist denn jetzt bei der Umsetzung der Digitalisierungsstrategie im Lead? Sie selbst oder Ihre Leiterin Digital Business Laure Frank? Wir haben Ende letzten Jahres eine "Delivery Factory" aufgebaut. Das ist eine Art Projektorganisation, wo Fachkräfte aus verschiedenen Linien zusammenkommen und neu nach agilen Methoden arbeiten. Es gibt keine Gesamtverantwortung.
Neben dem mobilen Banking ist auch die Standardisierung von Prozessen ein wichtiger Bestandteil der Strategie. Was steckt da dahinter? Da gehts insbesondere um die Prozesseffizienz. Zum Beispiel in unserem Kerngeschäft, der Hypothekarvergabe. Wir wollen nicht nur den bestehenden Prozess digitalisieren, sondern ihn dahingehend verbessern, dass wir die Bearbeitungszeiten reduzieren und Kreditanträge schneller prüfen können – auch mit Unterstützung von Self-Service-Elementen. Zum Beispiel sollen Hypothekarkredite bequem online beantragt werden können.
Wie hoch ist Ihr Budget für die Digitalisierung bei Raiffeisen? Für die ganze Gruppenstrategie geben wir 500 Millionen Franken aus bis im Jahr 2025. Da gehört mehr dazu, als die Digitalisierung. Etwa das Neukundengeschäft oder die Diversifikation von Erträgen. Für die Digitalisierung selbst ist jedoch ein gewichtiger Teil vom Gesamtbudget reserviert.
Gewichtig… das tönt nach einem Substantiv für "die Hälfte". (lacht) Gewichtig heisst gewichtig. Das wollen wir nicht genau quantifizieren.
Vergleichbare Projekte haben bei anderen Banken zu Reorganisationen der IT geführt. Werden auch Sie sich neu aufstellen? Ja, wir haben uns im vergangenen Dezember neu aufgestellt. Wir haben dem Thema Cybersicherheit und der IT-Architektur ein viel höheres Gewicht gegeben. Generell arbeiten wir vermehrt in interdisziplinären, agilen Teams, in denen abhängig vom Projekt verschiedene Fachbereiche vertreten sind.
Sind Sie am Ausbauen und Rekrutieren? Rekrutiert wird selektiv, speziell im Bereich Cybersecurity, aber auch für die Umsetzung von Digitalisierungsprojekten. Uns ist aber vor allem die Weiterbildung von Spezialistinnen und Spezialisten aus den eigenen Reihen wichtig.
Sie sind nicht das einzige Unternehmen, das im Bereich Cybersecurity rekrutiert. Ist Ihre Suche erfolgreich? Mit der Rekrutierung sind wir zufrieden. Wir haben spannende Projekte und bieten flexible, standortunabhängige Arbeitsmodelle. Mit St. Gallen und dem Raum Ostschweiz haben wir einen Standortvorteil, da wir auch im Rheintal und anderen Ostschweizer Regionen rekrutieren können.
Sind Sie selbst auch von Cyberattacken betroffen? Für Banken gibts 2 Arten von Bedrohungen. Fraud, also Betrug, und eben Angriffe auf unsere Systeme. Unsere Schutzmechanismen gegen beides sind auf dem aktuellsten Stand. Betrugsversuche haben wir im Griff, da hilft uns künstliche Intelligenz, die Abweichungen von der Norm erkennt – zum Beispiel bei Logins oder Transaktionen – und eine zusätzliche Identifikationsmethode verlangt.
Künstliche Intelligenz ist ein grosser Begriff… Wir erstellen aus rund 70 Parametern ein Verhaltensmuster. Dazu gehören unter anderem Informationen zum Gerät, zum normalerweise genutzten WLAN-Router, wie und wann gezahlt wird etc. Wenn's Zweifel gibt, wird die Transaktion gestoppt und sie muss zum Beispiel via Code auf dem Smartphone autorisiert oder mit dem Kundenberater oder der -Beraterin besprochen worden.
Angriffe auf Ihre Systeme gibts schon auch? Leider ja. Aber weil wir nicht nur auf die Schutzmechanismen unserer Provider angewiesen sind, sondern ein eigenes Team haben, das sich darum kümmert, können wir extrem schnell auf Bedrohungen reagieren. So sind unsere Filter auf neue Bedrohungslagen angepasst und erkennen Ransomware-Versuche besser.
Welchen Betrag investiert Raiffeisen jedes Jahr in Cybersecurity? Einen tiefen, zweistelligen Millionenbetrag.
Spätestens im September übergeben Sie an Niklaus Mannhart. Sind Sie mit ihm schon im Austausch über aktuelle Themen und Schwierigkeiten? Nein, noch nicht. Er ist ja noch bei seinem aktuellen Arbeitgeber unter Vertrag , deshalb ist das noch nicht möglich.
Wie geht's für Sie weiter? Gehen Sie ins zweite Glied zurück oder gefällts ihnen am Steuer zu gut? Ich hatte das Glück, immer spannende Aufgaben zu haben. Zurzeit konzentriere ich mich voll und ganz auf die interimistische Leitung der IT bei Raiffeisen Schweiz. Wie es nachher weitergeht, diskutieren wir aktuell. Spannende Aufgaben gibts bei Raiffeisen mehr als genug.

Zur Person

Robert Schleich ist promovierter ETH-Informatiker und arbeitet seit 27 Jahren für Schweizer Banken, darunter als Chief Information Officer einer Division der Credit-Suisse, als Leiter der IT und Banking Operations und Mitglied der erweiterten Geschäftsleitung von Julius Baer und seit 2015 in verschiedenen Führungsfunktionen bei Raiffeisen. Schleich ist ausserdem Forschungsrat am Institut für Wirtschaftsinformatik der Universität St. Gallen.

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