Ein Kontakt informierte inside-it.ch im letzten Herbst, dass ein grosses IT-Projekt im Paraplegiker-Zentrum Nottwil in einem Fiasko geendet habe. Die Spezialklinik für Querschnittgelähmte hatte über Jahre versucht, ein Klinikinformationssystem (KIS) einzuführen, was aber laut Quelle trotz Millionenausgaben nie zufriedenstellend gelang. Zum einen hätten sich die Anforderungen seitens Nottwil laufend geändert, zum anderen habe der Anbieter Polypoint nicht fristgerecht liefern können.
KIS sind zentrale Systeme für Gesundheitsinformationen. Sie bilden die Basis für klinische Entscheidungen sowie elektronische Verordnungen. Das Projekt in der Klinik in Nottwil, wo jährlich rund 1500 Personen stationär behandelt werden, startete 2017 mit einem Zuschlag an Polypoint. Das Softwarehaus aus dem Bernischen Gümligen entwickelt seit über 30 Jahren Software für das Gesundheitswesen, ist aber laut zwei unabhängigen Quellen nicht mehr aktiv im KIS-Geschäft.
Funkstille bei Medienstelle, Direktor und Stiftungsrat
Das Projekt mit Polypoint stand unter einem schlechten Stern: Das System wurde nie fertiggestellt. Warum genau, will das Paraplegiker-Zentrum nicht sagen. Die Klinik in Nottwil will nicht mal offenlegen, welches KIS heute genutzt wird. Ein Branchenkenner sagt, es sei jenes von Nexus.
Der Direktor des Paraplegiker-Zentrums, Luca Jelmoni, wollte dazu ebenfalls keine Stellung nehmen. Er schob unsere Anfrage 2 Monate lang hinaus. "Er sei derzeit sehr eingespannt", hiess es aus der Kommunikationsabteilung mehrfach.
Die Schweizer Paraplegiker-Stiftung finanziert sich primär über Mitgliedsbeiträge und Spenden: 2021 erhielt sie fast 89 Millionen Franken. Das Zentrum in Nottwil ist eine hundertprozentige Tochter der Stiftung. Stiftungsratspräsidentin Heidi Hanselmann verweist uns dennoch an die Medienstelle, die bekanntlich nichts zum vorliegenden Fall sagen will.
KIS wurde immer wieder verzögert
Statt Medienauskünften findet man im
Jahresbericht 2021 (PDF) einen Satz: "Die Abgänge unter Betriebssoftware beinhalten eine ausserordentliche Wertbeeinträchtigung im Zusammenhang mit dem KIS-Projekt in der Klinik." Insgesamt setzte das Paraplegikerzentrum laut dem Bericht dafür 1,2 Millionen Franken in den Sand. Im Jahr darauf heisst es im
Bericht (PDF), das System sei nicht mehr in Betrieb. Es bleibt also bloss der finanzielle Schaden.
"Die Spezifikationen für das KIS und die Prozesssteuerung werden Anfang 2018 fertiggestellt; im Anschluss beginnt die Realisierung", hatte der IT-Dienstleister Polypoint zu Projektstart in einer Mitteilung erklärt. Zwei Jahre später, im Jahr 2020, hätte das Projekt fertig sein sollen. Doch es wurde immer wieder verzögert, bis der Vertrag – wahrscheinlich von alleine – auslief.
Einzig dazu gab die Medienstelle eine dürre Auskunft: "Das KIS-Projekt wurde im Rahmen der vertraglich vereinbarten Bedingungen beendet. Polypoint und das SPZ pflegen in verschiedenen Teilbereichen und in den Planungsprozessen weiterhin eine enge Zusammenarbeit." Wie und weshalb die beiden Parteien das Vorhaben beendet haben, bleibt aber offen. Auch Polypoint wollte sich nicht äussern.
Gesundheitswesen kämpft mit der Digitalisierung
Das Paraplegiker-Zentrum ist kein Einzelfall: Spitäler und Kliniken haben häufig mit
KIS-Systemen und der Digitalisierung zu kämpfen, wie wir jüngst in einer Analyse aufgezeigt haben.
Sind die Systeme aber inadäquat, kann es zu unerwünschten Folgen kommen, heisst es in einer von der 'Schweizerischen Ärztezeitung' publizierten Studie. So kämpfen Ärztinnen und Ärzte etwa mit zusätzlicher Arbeit, die Arbeitsabläufe werden erschwert und neue Arten von Fehler können passieren, was sogar zu Problemen bei der Patientensicherheit führen kann.