Parldigi direkt: Die E-ID ist auch eine Inklusionsfrage

17. September 2025 um 10:22
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Für 1,9 Millionen Menschen in der Schweiz mit einer Behinderung würde die E-ID nicht nur die Behördengänge vereinfachen, sondern auch helfen, ihren Alltag zu verbessern.

Die Debatte um die elektronische Identität wird in der Schweiz gerne technisch geführt: Sicherheit, Datenhaltung, föderale Komplexität. Alles wichtig, keine Frage. Doch ein Aspekt droht dabei unterzugehen – und er betrifft fast zwei Millionen Menschen: die Inklusion. Für Menschen mit Behinderungen ist die E-ID nicht nur ein bequemes digitales Gadget, sondern ein Schlüssel zur Selbstbestimmung.

Mehr Autonomie statt Abhängigkeit

Wer sehend ist, merkt kaum, wie selbstverständlich er oder sie Dokumente unterzeichnet, Passkopien einschickt oder Behördengänge erledigt. Für Blinde oder stark Sehbehinderte ist das oft nur mit Hilfe möglich. Mit einer barrierefreien E-ID können Identitätsprüfungen plötzlich eigenständig durchgeführt werden. Kein Anruf, keine zusätzliche Vertrauensperson, kein Kontrollverlust. Ähnlich bei Gehörlosen: Wer heute ein Amt aufsuchen muss, ist häufig auf Dolmetscher angewiesen. Mit der E-ID lassen sich Geschäfte online erledigen – direkt, selbstbestimmt und ohne Hürden.
Auch Menschen mit körperlichen oder psychischen Einschränkungen profitieren. Ein Gang zum Schalter, das Anstehen im Wartezimmer, die Interaktion mit Fremden – für viele ist das eine enorme Belastung. Mit der E-ID fällt diese Hürde. Für Menschen mit kognitiven Behinderungen gilt dasselbe: Mit Informationen in leichter Sprache und gut gestalteten Interfaces wird der Zugang plötzlich möglich.

Barrierefreiheit ist Gesetz – und Haltungssache

Das Bundesgesetz über die E-ID verpflichtet Anbieterinnen und Behörden laut Artikel 28 explizit zur Barrierefreiheit. Das ist kein frommer Wunsch, sondern Rechtslage. Und: Die Nutzung der E-ID ist freiwillig und kostenlos. Niemand wird ausgeschlossen, aber alle können profitieren.
Damit ist die Schweiz in einer komfortablen Position: Sie kann beim digitalen Identitätsnachweis von Beginn an Standards setzen, die auch international als Vorbild dienen könnten. Aber Achtung: Barrierefreiheit ist kein Abhaken von Checklisten, sondern eine Haltung. Nur wenn Betroffene von Anfang an eingebunden werden, wird aus der E-ID ein inklusives Instrument – und nicht bloss ein weiteres digitales Tor, das neue Barrieren errichtet.

Digitale Teilhabe ist politische Teilhabe

Es geht nicht nur um den Gang zum Amt. Demokratie lebt von Partizipation. Doch Papierformulare beim Abstimmen, beim Referenden-Lancieren oder bei Volksinitiativen sind für viele schlicht nicht barrierefrei. Hier eröffnet die E-ID neue Horizonte: Sie schafft die Grundlage für digitales Unterschriftensammeln, das E-Collecting. Was trivial klingt, ist revolutionär. Plötzlich können Menschen mit Behinderungen, die bisher beim politischen Prozess behindert wurden, gleichberechtigt teilnehmen.
In einer direkten Demokratie, die sich gerne auf die Schulter klopft für ihre Inklusivität, ist das ein längst überfälliger Schritt. Ohne digitale Teilhabe bleibt politische Gleichstellung ein Lippenbekenntnis.

1,9 Millionen Gründe

In der Schweiz leben 1,9 Millionen Menschen mit Behinderungen. Jede und jeder von ihnen ist Grund genug, die E-ID nicht nur als technisches Infrastrukturprojekt, sondern als Gesellschaftsprojekt zu denken. Gleichstellung ist ein Grundrecht, kein Luxus. Wer die E-ID auf Datenschutzfragen reduziert, verkennt ihre gesellschaftliche Dimension.
Natürlich: Sicherheit ist zentral. Niemand will eine unsichere oder zentralisierte Lösung. Aber wer nur über Kryptografie und Serverstandorte spricht, blendet aus, dass es hier um Menschen geht. Für viele bedeutet die E-ID schlicht: Endlich nicht mehr abhängig sein, endlich gleichberechtigt teilhaben.

Fazit: Die E-ID ist ein Lackmustest

Die Schweiz entscheidet mit der E-ID nicht nur über eine technische Lösung, sondern über ein Gesellschaftsbild. Wollen wir ein Land, in dem Menschen mit Behinderungen weiter an Schaltern, Formularen und Systemen scheitern? Oder wollen wir ein Land, das digitale Chancen ernst nimmt und Gleichstellung in Bits und Bytes übersetzt?
Die E-ID ist kein Nice-to-have. Sie ist ein Lackmustest für die digitale Demokratie – und ein Versprechen an 1,9 Millionen Menschen, die seit Jahrzehnten zu hören bekommen: "Das geht nicht."
Mit der E-ID kann die Schweiz endlich zeigen: Doch, es geht!

Über die Kolumne

Jeden Monat äussern sich Politikerinnen und Politiker sowie digital-politisch Engagierte aus allen Lagern zum Geschehen in Bern und in den Kantonen in der "Parldigi direkt"-Kolumne. Heute schreibt Nationalrat Islam Alijaj (SP/ZH).

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