22-Jahre Opacc: Die Geschichte - die Strategie

10. Dezember 2010, 12:52
image

Opacc-Gründer und -Chef Beat Bussmann im grossen Interview: Warum der Software-Hersteller 22 Jahre in Unabhängigkeit überlebte und wie es weiter gehen soll

Opacc-Gründer und -Chef Beat Bussmann im grossen Interview: Warum der Software-Hersteller 22 Jahre in Unabhängigkeit überlebte und wie es weiter gehen soll.
Die Schweizer Software-Industrie wird erwachsen. Die St. Galler Abacus feierte dieses Jahr das 25-jährige Jubiläum mit einer rauschenden Party, die Luzerner Opacc wurde dieses Jahr 22-jährig. Opacc ist eine Erfolgsstory: Für uns ein Grund zu einem längeren Gespräch mit Opacc-Gründer Beat Bussmann (Foto) über die Geschichte und Zukunft nicht nur seiner Firma, sondern des helvetischen Software-Schaffens überhaupt.
Wieso kamen Sie vor 22 Jahren auf die Idee, ausgerechnet eine Software-Firma zu gründen?
Beat Bussmann: Wir hatten damals das Glück, dass wir noch nicht voraussahen, in was wir uns einliessen und wie komplex unser Geschäft werden würde. Aber es ist eine spannende Branche, in der man viel Gestaltungsfreiheit hat und es deshalb relativ lange aushalten kann. Und man muss weder Mitarbeitende misshandeln, Kunden über den Tisch ziehen oder die Umwelt vergiften, um erfolgreich Software herzustellen.
Einverstanden: Unsere Branche bietet eine hohe Lebensqualität. Trotzdem: Wie lange werden Sie Opacc noch führen und was kommt danach?
Beat Bussmann: Ich bin 52 - habe also noch 13 Jahre vor mir. Im Ernst: Es gehört zu meiner Aufgabe, meine eigene Nachfolge zu regeln. Es soll Opacc noch geben, wenn "Bussi" nicht mehr am Ruder ist.
Es gibt verschiedene Strategien dafür - mein Favorit ist, dass Opacc von einem Team geführt wird, das auch Mehrheitsbesitzer der Firma ist. Unsere Kunden und Mitarbeiter haben alle mitgeholfen, dass es Opacc und mir gut geht und so ist es nicht mehr als korrekt, dafür zu sorgen, dass die Firma für Kunden und Mitarbeiter Bestand hat.
Jeder Hersteller von Business-Software in der Schweiz hatte ein Übernahmeangebot auf dem Tisch oder wurde vor dem New-Economy-Crash gefragt, ob er nicht an die Börse wolle. Warum haben Sie nie verkauft?
Beat Bussmann: Ich konnte in jungen Jahren meine erste Firma, welche ich zusammen mit einem Partner aufgebaut habe, verkaufen. Das brachte zwar etwas Geld, aber auch die Erfahrung, dass der Akt des Verkaufens selbst sehr reizvoll ist, was danach kommt dann aber weniger.
Waren Sie in den zweiundzwanzig Jahren der Geschichte von Opacc einmal an einem Punkt, an dem Sie nicht mehr weiter wussten? An dem nicht klar war, ob die Firma überleben wird?
Beat Bussmann: Es gab kritische Phasen. Wir hatten vor 10 Jahren unterschätzt, was es bedeutet, eine grosse Zahl von Kunden zu betreuen. Wir konzentrierten uns auf das Neugeschäft und vernachlässigten die bestehenden Kunden. In der Konsequenz mussten wir in der Firma das Neugeschäft organisatorisch vom Service-Business mit bestehenden Kunden trennen. Diese Korrektur hat sich dann sehr schnell sehr positiv ausgewirkt.
Auch bei der Software-Entwicklung machten wir Fehler, zum Beispiel als wir versuchten, OpaccOne mit SmallTalk neu zu entwickeln. Das einzige, was wir in den 18 Monaten herausgefunden hatten, war, dass es die falsche Umgebung für ein Produkt wie OpaccOne ist. Dieses Projekt haben wir dann abgebrochen.
Man sagt, dass die kritische Grösse, die ein Softwarehersteller braucht, um zu überleben, laufend gewachsen sei. Weil die Lösungen immer komplexer werden, wird es immer schwieriger, mit der technologischen Entwicklung Schritt zu halten. Wie lange kann Opacc da noch mithalten?
Beat Bussmann: Die Aussage von der kritischen Grösse würde ich nicht unterschreiben. Es stimmt zwar, dass unsere Lösung massiv mehr Funktionen und die Komplexität in diesem Sinne zugenommen hat. Doch die Entwicklung von Software ist nicht primär eine Frage der finanziellen Ressourcen, sondern eine der intellektuellen. Es liegen Welten zwischen begnadeten und nur durchschnittlichen Softwareingenieuren und zwischen grundsätzlich richtigen und falschen Software-Architekturen. Es gibt ja viele Beispiele von Software-Projekten, in denen trotz sehr viel Geld keine brauchbare Software entstand.
Zum zweiten ist es eine Frage des Fokus. Man muss genau wissen, was man macht. So gibt es auch heute noch sehr viele erfolgreiche und eben sehr fokussierte Startups auch bei Business-Software.
Aber es stimmt schon: Man braucht eine gewisse Menge an Kunden und eine gewisse Position im Markt, denn die Kunden kaufen heute nicht mehr jedem ein lebenswichtige Business-Lösung ab.
Bestehendes Marktsegment noch lange nicht augeschöpft
Opacc hat in seinem Kundensegment in der Schweiz eine recht starke Stellung. In welchen Märkten kann Opacc noch wachsen? Wann versuchen Sie den Schritt ins Ausland?
Beat Bussmann: Wir haben das von uns angesprochene Segment in den letzten Jahren mit der Einführung von Funktionalitäten für Produktion, Feld-Services und Dienstleistungen auf rund 5000 Unternehmen in der Schweiz verdoppelt. Davon haben wir etwa knapp 10 Prozent als Kunden, womit klar ist, wo unser Wachstumspotential und unser Fokus liegt.
Ein zweites Wachstumsfeld ist, dass wir den bestehenden Kunden mehr IT-Dienstleistungen anbieten wollen. Gerade Firmen mit 20 bis 500 Mitarbeitern machen sich heute Gedanken, ob Sie den Informatik-Betrieb outsourcen sollen. Da sehen wir viele Chancen um, Kundennutzen zu generieren.
Bleibt es beim Geschäftsmodell, eher nicht über Reseller an die Kunden heranzutreten?
Beat Bussmann: Wir bleiben - mit wenigen Ausnahmen - dabei. Wir wollen, dass die Qualität stimmt und der Kunde weiss, dass das System, das er kauft, funktionieren wird. Das können wir faktisch garantieren. Uns ist klar, dass wir mit einem indirekten Modell den Marktanteil schneller steigern könnten. Unser Fokus liegt aber bei der Qualität und nicht bei der Quantität.
Mit "Gottardo" werden einige wichtige Funktionen von OpaccOne für die Lieferung im SaaS-Modell vorbereitet. So können die Funktionen für den Aussendienst künftig "als Service" von Opacc bezogen werden. Will Opacc selbst als SaaS-Anbieter auftreten?
Beat Bussmann: Der Zusammenhang mit unserer Strategie, den Kunden vermehrt Services anzubieten, liegt auf der Hand. Unsere Vorstellung ist, dass Kunden unsere Lösungen ohne IT-Kenntnisse bedienen können. Leider wird auch der Betrieb von Business-Software-Lösungen technisch immer komplexer. Das SaaS-Modell ist deshalb eine Massnahme, um unsere Vorstellung zu verwirklichen.
Mit "Gottardo" entwickeln wir ein komplett neues Enterprise-CRM, das wir ausschliesslich im SaaS-Modell anbieten und selber betreiben werden. Damit richten wir uns primär an unsere bestehenden Kunden, welche diese Anwendungen sehr schnell und einfach nutzen können, da die notwendigen Daten ja bereits vorhanden sind.
Ich habe den Eindruck, dass Umsysteme wie BI-Lösungen für ERP-Anwender immer wichtiger werden. Kernprozesse werden von den bestehenden Systemen recht gut abgedeckt, Lücken gibt es hingegen bei Lösungen für Datenanalyse, für CRM, für Prozesse mit Partnern und ähnliches. Stimmt diese Einschätzung?
Beat Bussmann: Unsere Strategie ist, dass der Kunde wertschöpfende Prozesse, also etwa Produktion, Auftragsbearbeitung und Logistik mit unseren Systemen abwickeln können soll. Bei Hilfsprozessen, zum Beispiel die Finanzbuchhaltung, wollen wir bestehende Lösungen integrieren. Wir haben weiterhin keine Pläne, selbst eine Finanzbuchhaltung zu entwickeln.
Business Intelligence ist hingegen ein anderes Thema. Wir haben ein eigenes, neues Online Management Information System in OpaccOne und können beliebige Auswertungen anbieten. Wir sind immer davon ausgegangen, dass der Kunde die so genannte "kurzfristige Erfolgsrechnung" nicht in der Buchhaltung, sondern im OpaccOne machen will.
Auch Collaboration, die Steuerung der Prozesse zwischen Partnern und Kunden, ist für uns ein wichtiges Thema. Mit "Gottardo" schaffen wir die Grundlage dafür, dass der Kunde die Lösungen für die Zusammenarbeit über die Firma hinaus selbst in OpaccOne bauen kann.
Opacc hat in meiner Wahrnehmung immer mit technologischen Schlagwörtern operiert. Man sprach von "Objekt orientiert", von "WebServices" und nun von "SaaS". Gleichzeitig heisst es, Opacc verwende im Kern alte Technologien, zum Beispiel eine alte Datenbank. Was stimmt nun?
Beat Bussmann: Beides stimmt. Aber wir sind nicht die Firma, die mit jedem Modewort operiert - da kenne ich ganz andere Beispiele. Es gibt Technologie-Begriffe, die nur als Köder verwendet werden und solche, hinter denen mehr steckt. Es stimmt, dass wir immer schon mit einer objektorientierten Entwicklungsumgebung gearbeitet haben und wir haben heute eine serviceorientierte Architektur. SOA ist für uns ein Schlüssel für die Umsetzung unserer Strategie.
Wir unterscheiden zwischen Architektur und Werkzeugen. Unsere SOA- Architektur ist topmodern, während wir bei den Werkzeugen sehr konservativ sind und nicht unbedingt modern sein müssen. Unsere Werkzeuge müssen vor allem stabil und kugelsicher sein. Es mag also durchaus so sein, dass unsere Datenbank seit 30 Jahre auf dem Markt ist.
Ist der Schritt zu Microsoft SQL Server als Datenbank, den Opacc mit "Gottardo" angekündigt hat, nun also "spät" oder einfach "nicht früh"?
Beat Bussmann: Die Datenbank gehört zur Technologie. Da haben wir nicht den Anspruch, die ersten zu sein. Früh sind wir hingegen bei der Architektur. Die Schichten unserer Applikation sind gekapselt. Deshalb können unsere Kunden die Datenbank wechseln, ohne dass die Anwender dies bemerken.
Wir waren vor 10 Jahren wohl die ersten, die ein Java-Userinterface gebracht haben. Es ging uns aber nicht um die Technologie, sondern wir wollten einen Thin Client und das Interface vom Rest der Lösung entkoppeln.
Was ist die Bedeutung der neuen Generation "Gottardo", die Opacc Ende Oktober lanciert hat?
Beat Bussmann: "Gottardo" ist der grösste Entwicklungsschritt in der Geschichte unserer Firma. Wir wollen unseren architektonischen Vorsprung verteidigen und ihn dazu benützen, neue und künftige Kunden-Anforderungen zu erfüllen. Den Nutzen von neuer Technologie alleine sehe ich hingegen nicht. Ich habe bis heute noch nicht herausgefunden, was genau der Vorteil von Java als Entwicklungsplattform sein soll.
Das Wort Webservices ist heute aus dem Marketing-Gequake der Grossfirmen mehr oder weniger verschwunden. Es scheint schwierig zu sein, Standard-Web-Services zu entwickeln. Ihr benützt den Begriff aber noch. Warum?
Beat Bussmann: Immer wenn ein neues Konzept auftaucht, werden zuviel Erwartungen hinein projiziert. Im ersten Schritt muss man dann die richtigen und die falschen Erwartungen voneinander trennen. Einen Webservice kann man mit einer SQL-Abfrage, mit der auf Ressourcen zugegriffen wird, vergleichen. Er basiert aber nicht auf der Daten-, sondern auf der Applikationsebene. Das ist eine sinnvolle Sache: Wenn ein Kunde beispielsweise einen Partner einbinden will, kann er dies sehr einfach über Web Services tun. Es ist simpel, sicher und günstig - für uns schlicht genial.
Hingegen ist es Unsinn, zu glauben, man könne mit Webservices inhaltliche Standards festlegen, also je nach Branche und Subbranche genau definieren, was der Service denn machen soll. Es ist eine Illusion, denn die Anwendungen und Unternehmen haben unterschiedliche Modelle. Ich bin riesig froh, dass unsere grossen Mitbewerber so viele Ressourcen in solche Projekte stecken. Denn sie sind eigentlich zum Scheitern verurteilt.
Wie ein kleiner Schweizer gegen die "Grossen" überlebt
Im Vergleich zu Konkurrenten wie Microsoft, Oracle, SAP, Sage, Lawson oder Infor ist Opacc ein Winzling. Was ist Eure Strategie gegen die Marktmacht der Multinationalen?"
Beat Bussmann: Es stimmt schon: Viele unserer stärksten Mitbewerber sind heute globale Anbieter. Aber: Business-Software ist ein Geschäft wie jedes andere auch. Es gibt kleine Anbieter, die sich nicht durchsetzen konnten, es gibt aber auch globale Anbieter, die sich in der Schweiz nicht etablieren konnten. Wir haben den Vorteil, dass man in unserem Geschäft die Probleme der Kunden sehr gut verstehen muss. Da entscheiden sich die Projekte - nicht im Werbebudget. Tatsache ist aber auch, dass SAP und Microsoft mehr Geld für Marketing als für die Weiterentwicklung der Produkte ausgeben können. Sie können also auch mit Marketingbudgets eine bestimmte Kundschaft ansprechen.
Opacc existiert nun seit 22 Jahren. Was sind die grössten Herausforderungen der nächsten Jahre?
Beat Bussmann: Wachstum und Qualität im Gleichklang zu halten.
Gewinnen Sie den nötigen Nachwuchs?
Wir hatten Glück in den letzten Jahren und konnten sehr gute Leute finden. Wir investieren aber auch selber stark in Aus- und Weiterbildung. Ich glaube, wir müssen selbst für den Nachwuchs sorgen. Der Standort Luzern könnte ein Vorteil für uns sein, denn wer in der Informatik arbeiten will, hat hier zwar Möglichkeiten, aber nicht sehr viele.
Offshore-Enwicklung war für Sie nie ein Thema?
Beat Bussmann: Nein. Die Entwicklung von Business-Software ist komplex. Der Prozess ist iterativ und umfasst das Wissen über Technologie aber auch über Anwendungen. Wenn man Technologie und Anwendung im iterativen Prozess nicht trennen kann, dann kann man auch nicht auslagern. Ich kenne in unserem Umfeld kein erfolgreich ausgelagertes Software-Projekt, aber viele, die in den Sand gesetzt worden sind.
Zum 22. Geburtstag hat Opacc einen Wunsch frei. Was wünschen Sie sich?
Beat Bussmann: Die Schweizer Software-Industrie soll mit KTI-Projekten gefördert werden. Wir brauchen aber weder Subventionen noch Geschenke. Wir brauchen ganz einfach Kunden. Deshalb wünsche ich mir, dass die öffentliche Hand den Schweizer Software-Herstellern auch eine Chance gibt, Software zu liefern.
Denn es gibt ja keinen Grund, dass Gemeinden oder Friedhofsverwaltungen mit SAP arbeiten. Denn beide dürfen in den nächsten 100 Jahren kaum internationalisieren und mit entsprechenden Anforderungen (für welche SAP prädestiniert ist) konfrontiert werden.
Ich will nicht, dass wir bevorteilt werden, sondern wäre schon zufrieden, wenn wir Schweizer Hersteller nicht benachteiligt würden. (Gespräch: Christoph Hugenschmidt)
Opacc: Die Zahlen, die neue Software-Generation
Der Luzerner Software-Hersteller, der aus einem Spinoff der damaligen Also ABC entstand, beschäftigt heute 100 Mitarbeitende und dürfte wohl einen Umsatz von gegen 25 Millionen Franken erzielen. Bussmann mag den Umsatz nicht nennen, sagt aber, seine Firma sei "glücklicherweise seit Jahren" profitabel und eigenfinanziert. Aktuell gibt es 480 Opacc-Kunden und über 10'000 Menschen, die die Software als Anwender benützen.
Mit der neuen Software-Generation "Gottardo", gemäss Bussmann das grösste Entwicklungsprojekt das Opacc je gestemmt hat, verpasst der Luzerner ERP-Anbieter seiner Lösung einen weiteren Modernisierungsschub. Einerseits werden bestimmte Teil-Anwendungen für den Aussendienst fit für mobile Geräte gemacht und es gibt ein neues, SaaS-fähiges CRM-Modul. Ausserdem integriert Opacc mehr Funktionen für "Collaboration", also die überbetriebliche Zusammenarbeit zwischen Partnern. (hc)
(Interessenbindung: Opacc ist ein Werbekunde unseres Verlags.)

Loading

Mehr zum Thema

image

Bazl übernimmt EU-Drohnenregeln

Mit den neuen Drohnen-Regeln will der Bund unter anderem die Privatsphäre der Bevölkerung schützen. Insbesondere im Kanton Zürich wartete man schon lange auf verbindliche Regeln.

publiziert am 25.11.2022
image

Meteoschweiz braucht viel Data-Know-how

Das Bundesamt für Meteorologie und Klimatologie will seine IT-Architektur umstellen und sucht dafür externe IT-Fachleute.

publiziert am 25.11.2022
image

Überwachung: Bundesrat lehnt Motion gegen Chat­kontrolle ab

Eine Motion verlangt, Bewohnerinnen und Bewohner der Schweiz vor Massenüberwachung zu schützen. Die Sorge findet beim Bundesrat aber wenig Gehör.

publiziert am 24.11.2022 4
image

Schweiz-Chef Badoux: "Servicenow ist hierzulande eine Erfolgsgeschichte"

Am "World Forum 2022" zog Alain Badoux Bilanz zum 10. Geburtstag von Servicenow Switzerland. Kunden-, Partner- und Mitarbeiterzahl konnten stetig ausgebaut werden.

publiziert am 23.11.2022