Ein aktuelles Bild der Schweizer Banken-IT

6. Dezember 2007, 12:57
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IBIS, Avaloq und Finnova sind unter den Bankensoftware-Anbietern führend. Daran dürfte sich in einigen Monaten etwas ändern. Bei der Wahl zwischen Avaloq und Finnova gibt es einige Punkte zu beachten.

IBIS, Avaloq und Finnova sind unter den Bankensoftware-Anbietern führend. Daran dürfte sich in einigen Monaten etwas ändern. Bei der Wahl zwischen Avaloq und Finnova gibt es einige Punkte zu beachten.
Das Zürcher Beratungs-unternehmen Active Sourcing hat im neusten "Handout Swiss Banking" ein aktuelles Bild der Schweizer Banken-IT gezeichnet. 2007 haben sich (bis Ende November) 19 Banken für einen Wechsel ihrer Kernbankenplattform entschieden. Ein Jahr zuvor waren es zehn. Marktführer bei Kernapplikationen im Gesamtmarkt ist die Lösung IBIS, die vom Berner IT-Dienstleister und Softwarehersteller RTC entwickelt wird (siehe Grafik).
Active Sourcing sammelte Daten von 162 Banken. Gemäss aktuellen Angaben der Eidgenössischen Bankenkommission (EBK) gibt es in der Schweiz 403 "bewilligte" Banken und Effektenhändler (ohne Raiffeisenbanken und ausländische Banken). Nur noch zehn dieser 162 Banken setzen ausschliesslich auf Eigenentwicklungen. 124 der von Active Sourcing untersuchten Banken beschäftigen weniger als 500 Mitarbeitende, 38 beschäftigen mehr.
IBIS noch marktführend
Schaut man sich die beiden Gruppierungen separat an, entsteht ein anderes Bild: Bei den kleineren Banken ist IBIS mit einem Marktanteil von 42 Prozent immer noch klar führend. Es folgen Finnova mit 22 Prozent, Avaloq mit 15 Prozent und Olympic mit 7 Prozent. 3 Prozent sind Eigenentwicklungen und 11 Prozent sind Übrige. Bei den grösseren Banken dominiert hingegen Avaloq mit einem Marktanteil von 40 Prozent, vor Eigenentwicklungen (18 Prozent), IBIS (13 Prozent), Finnova (8 Prozent) und Olympic (5 Prozent). 16 sind Übrige.
Der hohe Marktanteil von IBIS ist mit Vorsicht zu geniessen, zumal die beiden unabhängigen Branchengrössen Avaloq und Finnova kontinuierlich neue Deals abschliessen und ihren Marktanteil in den kommenden Monaten erheblich steigern dürften. Im Gegensatz zu den Lösungen von Bankenkooperationen haben Avaloq und Finnova den grossen Vorteil der freien Verfügbarkeit am Markt:
Sie können Allianzen mit Implementierungspartnern und Outsourcing-Anbietern eingehen.
Zwei Beispiele zeigen, dass Avaloq und Finnova mit ihrer Flexibilität Erfolg haben: Einerseits führte der Entwicklungsstopp innerhalb des RBA-Verbunds dürfte dazu führen, dass die 50 Regionalbanken von IBIS auf Finnova oder Avaloq wechseln werden.
Avaloq vs. Finnova
Schon in wenigen Monaten dürfte deshalb die Schweizer Bankensoftware-Landschaft anders aussehen. Avaloq bleibt wohl bei den grösseren Banken führend, während Finnova vermehrt auf kleinere Banken schielt. Aus einer aktuellen Fachpublikation von Active Sourcing geht hervor, dass die beiden Softwareanbieter zwar ähnlich sind, sich aber in einigen Punkten wesentlich unterscheiden. Active Sourcing ist der Meinung, dass der Anbieter, dem es besser gelingt, die Umsysteme in die Kernbankenlösung zu integrieren, langfristig das Rennen machen wird. Idealerweise sollte eine Bank die Anzahl ihrer Umsysteme reduzieren, da die entsprechenden Funktionen zukünftig direkt in die Corebanking-Lösung integriert werden können.
Ein weiterer wichtiger Aspekt für Kunden dürfte die Krux beim Change- und Release-Management sein. Avaloq und Finnova unterscheiden sich in diesem Punkt gemäss Active Sourcing sehr deutlich: Bei Finnova dominieren kleine, dafür häufige Servicepacks, welche den Aufwand des Application-Managements signifikant erhöhen. Weil mit der hohen Kadenz von Servicepacks das Testen nicht im gewünschten Umfang möglich ist, kommt es bei der Inbetriebnahme oft zu Fehlern und Störungen. Bei Avaloq ist die Situation gerade umgekehrt: Das Unternehmen bündelt die Patches weitgehend in rund vier jährlich ausgelieferten Servicepacks. Diese bringen derart grosse Veränderungen mit sich, dass die Banken mit hohen Kosten auf dem Niveau eines Implementierungsprojektes konfrontiert werden.
Die Auswahl einer geeigneten Bankensoftware ist das eine, die Wahl des Implementierungs- und Betriebspartners das andere. Die Betriebskosten sind von zahlreichen Faktoren abhängig. Vor allem das gewählte Lizenzierungsmodell, aber auch die unterschiedlichen Preismodelle von Support und Wartung beeinflussen die Betriebskosten. Allerdings lassen laut Active Sourcing sowohl Avaloq als auch Finnova nur einen bescheidenen Verhandlungsspielraum zu. "Die starke Marktposition der beiden Anbieter führt für die betroffene Bank zu Nachteilen gegenüber weniger verbreiteten Lösungen", so das Beratungsunternehmen. Wenn es darum geht, "Gaps", - also Lücken zwischen dem Standardprodukt und der Wunschvorstellung des Kunden – zu schliessen, kann das schnell einmal 5, 10, oder sogar 20 Millionen Franken kosten. Deshalb ist die Anwendung von Modellbanken so wichtig, die sowohl bei Avaloq wie auch bei Finnova zum Einsatz kommen. Damit profitiert man von den Investitionen einer anderen Bank. Diese lässt sich dafür eine Lizenz bezahlen. Allerdings sollte man beachten, dass der zukünftige Unterhalt der im Implementierungsprojekt realisierten Anpassungen die Betriebskosten wesentlich beeinflusst.
Potenzial bei Privatbanken
In der Schweiz sind Swisscom IT Services und Comit auf der einen Seite und T-Systems auf der anderen immer noch klar marktführend beim Betrieb von Bankenlösungen. Heute lagern die meisten Banken sowohl den Rechenzentrumsbetrieb (66 Prozent) als auch das Application-Management (61 Prozent) an den gleichen Partner aus. 70 Prozent aller Banken in der Schweiz haben mindestens Teile der Informatik ausgelagert. Dabei fällt auf, dass je grösser die Bank ist, desto weniger wird outgesourct.
Die Frage stellt sich, wo es in der Schweizer Bankenlandschaft noch Potenzial gibt für Anbieter von Bankenlösungen und IT-Services. Die Antwort ist ganz klar: Abgesehen von einigen Kantonalbanken gibt es immer noch viele Privatbanken, die ihre IT noch nicht ausgelagert haben. Ist einmal die Migrations-Welle abgeebbt, geht es darum, die Betriebskosten der Bankenapplikationen nachhaltig tief zu halten – keine einfache Aufgabe.
(Maurizio Minetti)
Der Branchenreport von Active Sourcing kann online unter www.handout-swiss-banking.com für 900 Franken bestellt werden.

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