Housing-Business im Schweinezyklus?

4. September 2009, 15:04
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Das Rennen zwischen neutralen Rechenzentren, möglichst schnell möglichst viel neuen RZ-Platz anzubieten, ist in vollem Gang. Die grosse Frage: Wer ist wo und vor allem wann bereit? Und welches Projekt wird versanden?

Angebot und Nachfrage im Schweizer Housing-Markt. Skala links: Neu nachgefragter / angebotener Rechenzentrums-Platz in Quadratmetern. Unten: Zeitachse. (c) by Urs Bühler
In den letzten Monaten wurden neue Rechenzentrums-Kapazitäten von über 50'000 Quadratmetern in der Schweiz angekündigt. Der Bau eines neutralen RZs mit 10'000 Quadratmetern kostet etwa 100 Millionen Franken - alleine in der Schweiz wollen die verschiedenen Anbieter (Swisscom, Green, Equinix, Interxion, E-Shelter und andere) in den nächsten Jahren also eine halbe Milliarde Franken investieren.
Tatsache ist, dass aktuell mehr neutraler RZ-Platz (siehe Grafik) nachgefragt wird, als es Angebote gibt. Doch kann der Markt die geplanten, gigantischen neuen Flächen absorbieren? Oder gerät das Geschäft mit neutralen Housing-Centers in einen klassischen "Schweinezyklus"?
Experten rechnen mit einem Wachstum der Nachfrage von jährlich 34 Prozent, eine Zahl, die angesichts der Wirtschaftslage höchstwahrscheinlich etwas zu hoch gegriffen ist. Trotzdem, der Bedarf wird unbestritten in den nächsten Jahren dramatisch wachsen. Für den Schweizer Markt geht man von einem jährlichen Zusatzbedarf von 6'000 bis 8'000 Quadratmetern in neutralen Rechenzentren aus. Doch nicht nach Quadratmetern gelüstet es die Kunden: immer grössere Anforderungen an sicherer Stromversorgung, Kühlung, Verfügbarkeit und Redundanz werden die Nachfrage bestimmen. Jeder Quadratmeter RZ-Fläche entspricht deshalb einer zusätzlichen Leistung von mindestens zwei kVA. Um diesen Bedarf abzudecken, ist der Bau von neuen, den neuesten Technologien entsprechenden Rechenzentren eine absolute Notwendigkeit, denn selbst das Rechenzentrum von Interxion, heute noch als eines der besten bezeichnet, ist mittlerweilen in die Jahre gekommen (Baujahr 1999).
Das grosse Potential für die Anbieter liegt bei Grossunternehmen. Mit der Einmietung in ein Rechenzentrum und/oder Backleasing-Verträgen kann dringend benötigtes Eigenkapital freigeschaufelt werden. Mit welchen potentiellen Unternehmen Green und e-Shelter, die beide Neubauten planen, verhandeln, ist selbstverständlich absolut geheim. Der Erfolg dieser Verhandlungen ist jedoch für beide Player eine unabdingbare Voraussetzung, denn die benötigten Kredite, man spricht von insgesamt über 350 Millionen Franken, werden nur getätigt, wenn klare Absichtserklärungen potentieller Kunden vorliegen.
Die alternative Taktik: Schritt für Schritt ausbauen
Diesbezüglich konnten wir - wenig erstaunlich - weder von Green noch von e-Shelter verbindliches in Erfahrung bringen. Kleinere Brötchen werden bei Interxion gebacken. Wohl gibt man sich beeindruckt von der angekündigten Dimension und Qualität der geplanten Rechenzentren von e-Shelter (20'000 Quadratmeter in Rümlang) und Green (10'000 Quadratmeter in Lupfig), doch beunruhigt ist man kaum.
2008 gelang es Interxion neue Kunden auf einer Fläche von über 1000 Quadratmetern unter Vertrag zu nehmen. Profitiert hat man dabei sicher vom Mangel an anderen Möglichkeiten am Markt und den bis anhin unbestrittenen Qualitätsvorteilen. Im ersten Quartal 2010 werden bei Interxion weitere 700 Quadratmeter bereitstehen, Anfang 4. Quartal 2010 kommen 650 Quadratmeter dazu, die 2011 mit weiteren 1200 Quadratmetern ergänzt werden können. Damit setzt Interxion unbeirrt seinen Wachstumspfad von jährlich ca. 25 - 30 Prozent fort, zumal man strategisch nicht um jeden Preis nach weniger profitablen Grossprojekten (über 500 Quadratmeter) giert.
Auch bei Equinix (ehemals IXEurope, ehemals Telehouse) wird man (noch) nicht nervös. Equinix kündigte per 1. Quartal 2010 Ausbauten der bestehenden Infrastruktur in Zürich um 1000 Quadratmeter an und gibt am Standort Genf (1000 Quadratmeter) noch eines oben drauf. Für die nahe Zukunft liebäugelt Equinix zudem damit, sich auch qualitativ mit den von e-Shelter und Green vorgelegten Standards mit einem neuen Rechenzentrum in Engstringen mit der Dimension von 12'000 Quadratmetern zu messen.
Kippt der Markt?
Für die grossen Projekte (Green, e-Shelter und Equinix) liegen noch keine Information über den Baustart und die geplante Fertigstellung vor. Der Grund dafür lässt sich leicht ausrechnen: Die Finanzierung dieser für schweizerische Verhältnisse beinahe gigantischen Projekte muss erst sichergestellt werden. Mit den beiden von Interxion und Equinix versprochenen Ausbauten wird aber die erste Spitze des Nachfrageüberhanges gebrochen. Doch was passiert, wenn alle angekündigten Projekte umgesetzt werden? Wird der Markt für neutrale RZ-Dienstleistungen von einem Anbieter-Markt in einen Nachfrager-Markt kippen?
Man darf gespannt sein was in den nächsten Wochen kommuniziert wird. Fortsetzung folgt! (Christoph Hugenschmidt, Recherche: Urs Bühler)
(Interessenbindung: e-shelter und Interxion sind als "Sponsoren" gute Werbekunden unseres Verlags. Urs Bühler ist ehemaliger Geschäftsführer von Interxion Schweiz.)
Grafik: Angebot und Nachfrage im Schweizer Housing-Markt. Skala links: Neu nachgefragter Rechenzentrums-Platz in Quadratmetern. Unten: Zeitachse. (c) by Urs Bühler

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