IT-Misere der Armee: Das sagt die Beschaffung

25. November 2021, 10:28
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Im Gespräch schildert Bernhard Knechtenhofer von Armasuisse die IT-Probleme der Armee aus Beschaffungssicht. Er sagt: "Der Flaschenhals ist die IKT-Leistung der FUB."

Die schlechten Nachrichten über IT-Projekte der Schweizer Armee und des Verteidigungsdepartements (VBS) häufen sich. Kürzlich haben wir ein Interview mit Thomas Fankhauser veröffentlicht. Der Chef des IT-Dienstleisters des VBS schilderte dort seine Sicht. 
Das Bundesamt für Rüstung (Armasuisse) ist für den grössten Teil des Einkaufs von IKT-Ressourcen für die Schweizer Armee zuständig. Der entsprechende Kompetenzbereich Führungs- und Aufklärungssysteme wird von Bernhard Knechtenhofer geleitet. Er hat vor seinem Stellenantritt direkt unter der obersten VBS-Leitung Projekte, Informatik und Controlling geführt. Der Betriebswirtschafter gab uns Einblicke, wie die IT-Beschaffungen vonstattengehen, was man verbessern muss und wie er die aktuellen Probleme beurteilt.
Knechtenhofer empfängt inside-it.ch im Hauptsitz von Armasuisse in Bern. Das Hochhaus steht auf einem stacheldrahtbewehrten Gelände, auf dem auch das Fedpol und die Bundesanwaltschaft untergebracht sind.
Herr Knechtenhofer, wie gross ist das Team, das die IT für das Militär beschafft?
Wir zählen im Kompetenzbereich Führungs- und Aufklärungssysteme rund 150 Mitarbeitende. Meine Mitarbeitenden sind im Rahmen von Beschaffungen in den Bereichen Computersysteme, Führungssysteme, Kommunikation sowie Aufklärung und Überwachung in der technischen und kommerziellen Evaluation federführend. Dazu haben sie verschiedene berufliche Hintergründe und Qualifikationen. So finden sich neben Einkäufern etwa auch technische IT-Projektleiter und Spezialisten für die Qualitätskontrolle.
Haben Sie auch mit fehlenden Fachkräften zu kämpfen?
Ja, gerade die beiden letztgenannten Rollen sind Mangelware auf dem Arbeitsmarkt. Für jene Stellenausschreibungen erhalten wir wenige Bewerbungen. Gegen die Löhne in der Privatwirtschaft kommen wir nicht an, aber wir suchen schliesslich auch Mitarbeitende, die ihren Beitrag an die Sicherheit der Schweiz leisten wollen. Das ist bei uns ein wichtiges, sinnbringendes Argument für den Job.
Hat der Mangel an diesen Profilen Auswirkungen auf den Beschaffungsprozess?
Noch verzögern sich deswegen keine Beschaffungen. Aber ich muss betonen: noch.
Beim FUB, dem IT-Dienstleister des VBS, wurde die Masse an Projekte als Problem ausgemacht. Merken Sie das auch bei der Beschaffung?
Derzeit laufen Beschaffungen für rund 400 Projekte über meine Abteilung. Die Projekte sind vom Aufwand her aber sehr unterschiedlich: Das reicht von High-End-Feldstechern, die heute auch Software enthalten, bis hin zur IT-Ausrüstung von riesigen Rechenzentren. Wie Sie sich vorstellen können, ist das Beschaffen von bereits bestehenden Funkgeräten keine grosse Herausforderung. Aber sobald wir Fähigkeiten in unsere eigenen IT-Systeme integrieren müssen, beginnt es schnell komplex zu werden.
Das riesige Projekt Fitania mit seinen drei Rechenzentren und der neuen Kommunikation ist hochkomplex… und hat sich bereits mehrfach verzögert. Wie sieht hier die Aufgabenteilung zwischen Armasuisse und FUB aus?
Die FUB-Spezialisten und -Vertreter haben die IT-Fachführung inne. Sie erhalten die Anforderungen ans System ihrerseits von den Auftraggebern, wie zum Beispiel der Luftwaffe oder dem Heer. Die FUB definiert dann, was von IT-Seite her konkret gefordert ist. Etwa die Architektur oder im Fall der erwähnten Rechenzentren auch, ob man etwa ein SaaS-Modell bevorzugt oder der Leistungsbezieher Racks mieten soll. Noch tut man sich teilweise schwer, diese Anforderungen klar zu definieren. Hier müssen wir gemeinsam noch stärker an den Prozessen und der Standardisierung arbeiten.
Für wieviel Geld kauft ihre Abteilung jährlich Informatik-Mittel?
Im letzten Jahr haben wir IT-Beschaffungen über rund 700 Millionen Franken abgewickelt. Da war aber ein grosser Teil für das riesige Projekt Fitania dabei. Dieses Jahr werden wir vermutlich auf etwa 500 Millionen Franken kommen. Die konkreten Beschaffungen werden jeweils im Rüstungsprogramm beziehungsweise in der Armeebotschaft festgelegt.
Wie kommen die 100 Millionen Franken zustande, die die Armee im IT-Budget überzogen hat?
Das sind Ressourcen, die wir als Armasuisse für die Armee bei externen Anbietern zusätzlich einkaufen mussten, weil die FUB diese Ressourcen, diese Manpower nicht liefern konnte. Der "Flaschenhals" in den Projekten ist der IT-Dienstleister.
Ist das eigentlich ein Problem für die Armee?
Die Budgetverantwortung liegt innerhalb der Armee. Das zur Verfügung stehende Geld bleibt gleich, aber die Armee muss innerhalb des Budgets umschichten. Für dieses Jahr hat der Chef der Armee, Korpskommandant Thomas Süssli, unter anderem Abstriche bei der Munition gemacht. Weiter mussten Projekte priorisiert oder zurückgestellt werden.
Das Parlament bewilligt mit der Armeebotschaft jährlich Projekte, die dann oft über mehrere Jahre abgewickelt werden. Dabei bezahlen wir jedes Jahr nur das, was tatsächlich auch geliefert wurde. Dies wiederum führt dazu, dass derzeit laufenden Projekte in Zukunft noch Leistungen und Produkte für rund 6 Milliarden Franken beziehen können, auch wenn keine neuen Projekte bewilligt würden.
Kürzlich hat auch die Eidgenössische Finanzkontrolle (EFK) die Beschaffungsstellen der Armasuisse kritisiert. Die Anforderungen seien schlicht zu hoch, die Prozesse zu wenig agil.
Die Anforderungen erhalten wir von den Kunden, den Armeebereichen. Wenn die Armee einen Feldstecher braucht, mit dem man aus grosser Distanz eine Autonummer lesen kann, dann evaluieren und beschaffen wir das gemäss den militärischen Anforderungen. Und wir können kaum risikobehafteter beschaffen: Bei Behörden wird es nicht goutiert, wenn man bei Beschaffungen Geld in den Sand setzen würde. Das fiele dann auf uns zurück. Dadurch werden die Prozesse verlangsamt, weil wir viele Abklärungen treffen müssen.
Liegt die EFK also einfach daneben?
Nein, ich schätze den Aussenblick der Finanzkontrolle und auch ein jüngst veröffentlichter Bericht von Deloitte nannte 9 Empfehlungen. Wir arbeiten an der Verbesserung unserer Prozesse und an der Transparenz. Zudem schulen wir all unsere Mitarbeiter zum neuen Bundesgesetz zu den öffentlichen Beschaffungen. Da ändert sich laufend das eine oder andere. Ab nächstem Jahr müssen wir alle Beschaffungen über 50'000 Franken publizieren. Ausgenommen sind In-House Aufträge an die RUAG und was unter die Bestimmungen zum Schutz der äusseren und inneren Sicherheit in Artikel 10 des Beschaffungsgesetzes fällt.
Haben Sie weitere Massnahmen für die Verbesserung der Prozesse geplant?
Ein grosses Thema ist derzeit sicher die IKT-Gesamtplanung für den gesamten Verteidigungsbereich. Wenn diese Gesamtplanung robust steht, werden wir mehr Klarheit über die verschiedenen IT-Projekte und deren zeitlichen Verlauf haben. Solche wiederholten Planungen sind jedoch für uns sehr ressourcenintensiv. Ich würde ab und zu diesen Aufwand lieber für inhaltliche Aufgaben einsetzen.

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