KI: Unispital Genf wird Watson bei Krebsbehandlung einsetzen

12. September 2019, 09:11
  • innovation
  • schweiz
  • künstliche intelligenz
  • medizin
image

"Watson for Genomics" soll die Mediziner unterstützen, die individuell beste Therapie zu ermitteln.

"Watson for Genomics" soll die Mediziner unterstützen, die individuell beste Therapie zu ermitteln.
Kein Tumor gleicht dem anderen. Die personalisierte Medizin verspricht, die individuell bestmögliche Therapie für jeden Patienten zu finden. Anhand von Mutationen im Erbgut der Tumorzellen lässt sich der Tumor qualifizieren und dadurch bestimmen, welche Therapien am vielversprechendsten wären.
Unterstützung dabei bekommen Ärzte am Universitätsspital Genf (HUG) künftig von "Watson for Genomics": Das auf Künstlicher Intelligenz (KI) basierende Tool von IBM Watson Health verknüpft Informationen aus dem riesigen Datenpool aus Fachartikeln und klinischen Studien mit Erbgutanalysen des Tumors eines Patienten und erstellt daraus einen Bericht für Ärzte, teilte das HUG mit.
Das HUG sei damit das erste europäische Universitätsspital, das "Watson for Genomics" einsetzt, hiess es weiter. Es werde den Ärzten helfen, individuellere Krebsbehandlungen anzubieten, liess sich Rodolphe Meyer, stellvertretender Chief Information Officer am HUG zitieren. Ausserhalb Europas, insbesondere in den USA, wird dieses Tool bereits mancherorts eingesetzt.
Besser als das kritisierte "Watson for Oncology"?
Die KI soll insbesondere eine Zeitersparnis bei der Suche nach der bestmöglichen Therapiestrategie bringen: Das Tool erstelle den Bericht binnen zehn Minuten, eine manuelle Suche würde rund 160 Stunden in Anspruch nehmen, sagte Nathan Levitan von IBM Watson Health.
Das Unternehmen hat verschiedene KI-basierte Tools für personalisierte Medizin entwickelt. In Kritik geriet dabei "Watson for Oncology" nach Berichten, dass das Tool falsche oder gar gefährliche Therapievorschläge produziere. Dieses Tool soll mittels Textanalyse aus medizinischer Fachliteratur und den Patientenakten lernen und Therapiestrategien entwickeln.
Die Datengrundlage erwies sich jedoch als sehr komplex für die Analyse durch die KI. Gerade in Patientenakten liegen die Informationen nicht immer so klar vor, wie es eine KI bräuchte.
Zudem zeigte sich als Hürde, dass sich die auf Statistik beruhende "Denkweise" der KI, um Datenmengen zu durchforsten und Informationen zu gewichten, von der eines erfahrenen Mediziners unterscheidet. Letzterer findet relevante Information für Therapieentscheide mitunter in einem Nebensatz oder bemerkt, dass sein Patient einer kleinen Gruppe von Sonderfällen angehört, bei denen eine Therapie wirksam ist. Für eine nach Statistik-gewichtende KI sind Sonderfälle hingegen nicht relevant.
"KI liefert Zusatzinformationen"
Bei "Watson for Genomics" liegt der Fall etwas anders: Genomische Daten sind weit strukturierter als Patientenakten. Genmutationen sind unmissverständlich vorhanden oder nicht. Durch Textanalyse mit Natural Language Processing (NLP) durchforstet das Tool Fachliteratur und klinische Studien nach bestimmten Aussagen zu diesen Mutationen und lenkt so womöglich die Aufmerksamkeit auf neue Medikamente oder gerade begonnene klinische Studien, von denen ein Patient allenfalls profitieren könnte.
In einer Studie im Fachblatt "The Oncologist" aus dem Jahr 2017 lieferte die "Watson for Genomics"-KI bei rund 30 Prozent von etwa 1000 Patienten wertvolle Zusatzinformationen, die Fachleuten bei der Analyse der Mutationen und der Entwicklung einer Therapiestrategie entgangen waren. Eine Studie aus dem Jahr 2018 im Fachblatt "Frontiers in Medicine" bestätigte dies: Bei einer Analyse mit knapp 200 Patienten schlug das Tool 88 der 104 Therapieoptionen vor, die auch von Fachleuten gelistet wurden, aber lieferte zusätzliche 225 Therapieoptionen. (Angelika Jacobs, Keystone-sda/mag)

Loading

Mehr zum Thema

image

In der Schweiz geht IT-Novum in Allgeier auf

Hierzulande verschwinden die Marke und das Firmenkonstrukt des im letzten Jahr von Allgeier gekauften Open-Source-Spezialisten. IT-Novum Deutschland und Österreich sind nicht betroffen.

publiziert am 19.5.2022
image

Ransomware-Report: Vom Helpdesk bis zur PR-Abteilung der Cyberkriminellen

Im 1. Teil unserer Artikelserie zeigen wir, wann der Ransomware-Trend entstand und wie die Banden organisiert sind. Die grossen Gruppen haben auch die kleine Schweiz verstärkt im Visier.

Von publiziert am 18.5.2022
image

Bauteil für Computer nach Vorbild des Gehirns

Forschende von ETH Zürich, Universität Zürich und Empa entwickelten ein neues Material für ein Computerbauteil, das sich am menschlichen Gehirn orientiert.

publiziert am 18.5.2022
image

Kundenkommunikation für Versicherer: Chats und Chatbots verbreiten sich langsam

Aber die Mehrheit der Schweizer Kundinnen und Kunden bevorzugt weiterhin E-Mail oder Telefon.

publiziert am 16.5.2022