Lex Laux: Gefühle und IT – geht ja doch

8. Februar 2021, 10:57
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Gefühle vermögen zu mobilisieren, Gefühle können auch den Blick vernebeln. Das zeigt sich gerade im Abstimmungskampf zur E-ID, so unser Kolumnist Christian Laux.

"Feelings, nothing more than feelings." So hat es in den Siebziger Jahren Morris Albert besungen. Der als Sohn einer österreichischen Einwandererfamilie geborene Brasilianer wurde mit dem Song weltberühmt und viele Musiker und Musikerinnen haben es ihm nachgesungen: Gefühle!
Gefühle haben in der IT nichts zu suchen. Jedenfalls wäre das die erste Assoziation. IT – eine staubtrockene Materie. Man stellt sich Serverfarmen mit langen Gängen vor. In Gedanken schreitet man vorbei an den Kästen, die da stehen, alle bestückt von unten bis oben mit eingeschobenen Servern. Und sie verlangen nach Ehrfurcht, wie sie da stehen: Regungslos und fast soldatisch, in Reih' und Glied. Dass sie am Weltgeschehen teilhaben, sieht man nur den bunt leuchtenden Lämpchen an.
Wie soll man nur über IT reden? Wenn man IT-Produkte anbietet, wie soll man nur verkaufen? Wenn man einer Entscheiderin IT erklären muss, wie soll das nur gehen? Und jetzt: Wenn man über IT abstimmen soll, wie soll man da nur den eigenen Standpunkt durchbringen?
Morris Albert scheint zu singen: "bloss Gefühle". Als ob sie wenig Wert hätten. Dann würde man antworten: "nur, aber immerhin". Es ist nicht "nichts", worum es gehen könnte. Immerhin um Gefühle.
Nun, der laufende Abstimmungskampf zur E-ID lehrt uns: Hossa!, Gefühle sind supergute Zugpferde für den eigenen Abstimmungskampf.
Da sprechen die Gegner vom digitalen Schweizer Pass. Man schaut wehmütig auf das rote Büchlein, das man vor zwei Jahren noch so gern bei der Fernreise der Zöllnerin vorgelegt hat. Und man war etwas stolz. Und wir wissen auch, dass es viele gäbe in der weiten Welt, die auch gern so einen roten Pass hätten. Und der soll jetzt in die Hände von Privaten kommen? Wie bitte? Niemals! Gefühlsreaktionen haben den Vorteil, dass sie schneller rauskommen. Gewissermassen eine Abkürzung. Die Direttissima zum Entscheid. Das hat schon Kahnemann erforscht.
Die Befürworter sagen: Hey, lasst uns auf die Fakten schauen. Es ist ein Login.
Und drüben rumort es, mal mit Entrüstung, mal mit komplettem Unverständnis und Kopfschütteln oder mit persönlichen Anwürfen. Diese Login-Antwort – ein Affront!
Auch die Befürworter können Gefühle, natürlich. Man hört Folgendes: Wenn man der E-ID am 7. März 2021 nicht zustimme, dann komme sie (gefühlt) niemals. Übersetzt heisst das: Frühestens in 5 Jahren, vielleicht auch erst später. Angst jedenfalls ist auch ein Gefühl, auch wenn blosse Sorge die Mutter des Gedankens ist.
Der Abstimmungskampf wogt. Wenn man Twitter hören könnte, man würde tosende Wogen der Entrüstung vernehmen. "Mumpitz", "grotesk", "plump" und Ähnliches ist da zu lesen. Teilweise werden die Aussagen dann später wieder gelöscht. Manchmal offenbar deswegen, weil auf dem Linkedin-Kanal, mit dem man eigentlich NEIN-Stimmen sammeln wollte, eine sachliche Stimme zu lesen war, die das NEIN in Frage gestellt hat.
Gefühle vermögen zu mobilisieren. Natürlich!, das weiss ja jeder. Gefühle können auch den Blick vernebeln. Faszinierenderweise geht das sogar in der IT. Oder vielleicht ist IT auch besonders anfällig dafür. Man glaubt, der Sachverhalt sei zu komplex, um ihn zu erläutern. Oft hört man Autobeispiele, wenn man einer Diskussion über IT zuhört, hier ein Beispiel eines Verkäufers für einen Softwarewartungsvertrag: "Wenn ich deine Software warte, dann wechsle ich mal den Scheibenwischer aus und mal das Vorderrad."
Das Autobeispiel ist die Flucht in die Abstraktion, die zwar plausibel klingt, aber dem Faktencheck oft nicht standhält. Mit Abstraktion meine ich Vergleiche aus dem Alltag ausserhalb der IT. Die praktische Anwaltstätigkeit hat uns gelehrt, dass (gefühlt! …) zwei Drittel aller Autobeispiele in einem Gespräch mit IT-Bezug nicht aufgehen. Oder umgekehrt: Wenn jemand nur eine Abstraktion beschreibt, lohnt es sich besonders, genauer hinzuhören.
Der Monat Februar ist jedenfalls ein guter Monat zum Zuhören. Wer gefühlte Bedenken äussert, sollte nicht lächerlich gemacht werden. Sehr oft ergeben sich aus geäusserten Bedenken sehr gute und weiterführende Erkenntnisse, die später mal noch wichtig werden. Übertragen auf die laufende E-ID-Diskussion heisst dies Folgendes: Den Bedenken, die man jetzt hört, sollte man im Rahmen der Verordnungsgebung grossen Raum geben (sofern die Abstimmung am 7. März 2021 denn auch mit einem JA ausgeht). Und man sollte sich dann die Mühe machen, Bedenken zu widerlegen. Dies im Bewusstsein, dass jedes erklärbare Risiko wert ist, behandelt zu werden, und mittels technischer und organisatorischer Massnahmen adressiert werden muss. Natürlich, wenn es zu hypothetisch oder spekulativ wird, darf man dann irgendwann auch mal über etwas hinweghören.
Morris Albert besang Gefühle und war erfolgreich damit. Doch obwohl die von ihm gesungene Geschichte uns so vertraut vorkommt: Er konnte sich mit seinem Hit nicht langfristig halten. Im Jahr 1988 konnte der Liederschreiber Loulou Gasté nachweisen, dass auch Morris Albert eine Abkürzung genommen hat. Er hatte das Stück von Monsieur Gasté abgekupfert. Morris Albert – Fact checked.
Faktenchecks: Das braucht es halt, wenn Gefühle die öffentliche Wahrnehmung prägen.

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