Mangelnde IT-Ressourcen verzögern Armee-Projekt

7. Oktober 2021, 15:02
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Rund 12 Millionen Franken Mehrkosten sollen beim Flugfunk-Bodensystem anfallen. Die Finanzkontrolle berichtet von "harten Auseinandersetzungen" unter den Involvierten.

 Die Fertigstellung des Flugfunk-Bodensystems 2020 (FBS) der Armee verzögert sich und wird an einem Standort gar sistiert. Der Grund: Probleme mit IT-Ressourcen und -Koordination. Das System wird für die Sprachkommunikation zwischen zivilen und militärischen Flugzeug-Besatzungen und den Partnern am Boden genutzt.
Die Führungsunterstützungsbasis (FUB), der IT-Dienstleister der Armee, nahm das IT-System nicht plangemäss am 7. Mai ab. Dies ergaben Recherchen von 'Keystone-SDA'. Anlass für die Nachforschung der Nachrichtenagentur gab ein Bericht der Eidgenössischen Finanzkontrolle (EFK). Diese hatte das Flugfunk-Bodensystem unter die Lupe genommen und Mängel aufgedeckt. In der Armeebotschaft 2018 sind für das System 126 Millionen Franken budgetiert, wie dem EFK-Bericht zu entnehmen ist.
Die Finanzkontrolle ortet "dringenden Handlungsbedarf" bei Portfolio-Management, Informatik-Koordination und integrierter Gesamtplanung im Departement für Verteidigung, Bevölkerungsschutz und Sport (VBS). Wie sie auf Anfrage von 'Keystone-SDA' mitteilte, war die IT-Architektur nach ihrem Kenntnisstand Mitte August noch nicht durch die FUB abgenommen.

Zankapfel: mangelnde Ressourcen des IT-Dienstleisters 

In ihrem Bericht konstatiert die EFK, dass die FUB neben der nicht erfolgten Abnahme auch fix zugesicherte Ressourcen nicht geliefert habe. Darum kaufte Armasuisse IT-Leistungen extern ein. In einer Stellungnahme von Armasuisse heisst es dazu: "die Leistungen aus der Führungsunterstützungsbasis, waren auch in diesem Projekt seit Jahren ein intensiv diskutiertes Thema". Die mangelnden Ressourcen werden laut EFK-Bericht auch innerhalb des FUB diskutiert. Der armeeinterne IT-Dienstleister weist auf mangelnde Mittel hin. Die Gründe lägen in der finanziellen Situation und einer engen Verflechtung der internen und externen Ressourcen.
Die EFK hält deutlich fest: Aus ihrer Sicht sei es "befremdlich, dass die fehlenden finanziellen Mittel der FUB zur Beschaffung geplanter und dringender externer Ressourcen erst nach massiven negativen Auswirkungen auf einzelne Projekte beim Armeestab und der Armeeführung thematisiert werden".
Die Digitalisierung ist in vielen Projekten der Armee und der gesamten Bundesverwaltung eine Herausforderung, wie zahlreiche Beispiele zeigen. Die Gruppe Verteidigung teilte 'Keystone-SDA' mit, die Ressourcenlage in der FUB sei angespannt weil Fachkräfte fehlten. Abhilfemassnahmen innerhalb der Armee seien in Erarbeitung und Entscheide noch im Herbst zu erwarten. Eine Priorisierung aller IT-Vorhaben laufe.

12 Millionen Franken Mehrkosten

Die aufgelaufenen und geschätzten künftigen Mehrkosten bezifferte Armasuisse-Sprecher Kaj-Gunnar Sievert auf rund 12 Millionen Franken. Sollte die Gruppe Verteidigung, zu welcher die FUB gehört, weitere Leistungen nicht erbringen, würden zusätzliche Kosten anfallen. Die Ressourcensituation sollte darum "raschmöglichst geklärt" werden. Sievert schrieb weiter: "Gegenüber dem ursprünglichen Projektplan mit dem Projektende per Ende 2025 hat das Projekt heute eine Verzögerung von einem Jahr."
In der militärischen Einsatzzentrale in Wangen bei Dübendorf ZH (Air Defence and Direction Center) werde das Bodensystem ein halbes Jahr später als geplant und lediglich eingeschränkt eingeführt, teilte Sievert mit. In der Luftwaffenbasis Payerne VD werde es vorläufig sistiert. Ursprünglich hätte der Systemstart an beiden Standorten Ende 2025 erfolgen sollen.
In Payerne gibt es nun eine Insellösung. Wie Sievert schrieb, funktioniert das zwar, doch ist die Überwachung des Flug-Boden-Funks nur dort und nicht wie ursprünglich geplant effizient aus der zentralen Leitstelle möglich.

EFK-Lob für die Projektleitung

Nebst ihrer Kritik lobt die EFK, dass die Projektleitung richtigerweise die vier Risiken Ressourcen, Systemarchitektur, Anbindung ans übrige Führungsnetz und Betrieb dingfest machte. Im Projektumfeld störten aber diverse Faktoren. Dabei gerieten Armasuisse und die FUB dem Bericht zufolge über Kreuz.
Der Projektleiter habe Risiken intensiv bewirtschaftet und früh eskaliert, schreibt die EFK in ihrem Bericht: "Dieses fokussierte Vorgehen führt(e) zu teilweise erheblichen Spannungen zwischen den Stakeholdern des Projekts." Die Diskussionen über Ursachen der Risiken und Lösungsansätze führten gemäss dem Bericht "zu harten Auseinandersetzungen zwischen den Beteiligten". Dank der Ende 2020 eingeführten Koordinationstreffen glätteten sich die Wogen aber.
Um den Abnahmetermin vom 7. Mai zu retten, wurde um eine Ausnahmebewilligung ersucht. Das FUB wollte aber die Risiken genauer abklären.

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