MS 365: Höllenloch oder Produktivitäts-Hilfe?

30. November 2020, 16:21
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Microsoft wird kritisiert wegen eines neuen "Produktivitäts-Scores". Angedacht ist zudem ein "Meeting System", das Entsetzen oder Hoffnung weckt.

"Gewinnen Sie einen Einblick, wie Ihr Unternehmen mit Microsoft Productivity Score arbeitet", wirbt der Konzern für ein neues Tool, das mit Microsoft 365 eingesetzt werden kann.
Es geht um ein Tool, dass aus unterschiedlichen Informationen einen Wert errechnet. Beispielsweise an wie vielen Tagen ein Microsoft-365-Nutzer E-Mails oder Nachrichten versandt und Sharepoint oder Teams genutzt hat. Die Daten werden, wie in einem Werbe-Video von Microsoft zu sehen ist, personalisiert gespeichert. Konkret werden ihre Namen, die Zugehörigkeit von Firmen-Gruppen und Standorte festgehalten. Aus den gesammelten Daten wird dann ein Produktivitäts-Score für einzelne Mitarbeitende errechnet.
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Personalisiert gespeicherte Daten. Grafik: Microsoft
Datenschutz-Aktivisten und prominente Tech-Vertreter nennen den neuen "Productivity Score", der Teil von "Workspace Analytics" ist, ein Überwachungstool und David Heinemeier Hansson, Erfinder von Ruby On Rails und Partner sowie CTO von Basecamp twitterte: "Das Wort 'dystopisch' ist bei weitem nicht stark genug, um das neue Höllenloch zu beschreiben, das Microsoft gerade geöffnet hat."
Er kommentierte damit einen Tweet von Wolfie Christl, einem Forscher von Cracked Labs, einem unabhängigen "Institut für kritische digitale Kultur" in Wien.
Auch Schweizer Gewerkschaften haben Vorbehalte. "In der Schweiz sind dem Arbeitgeber gesetzliche Schranken gesetzt. Gemäss Arbeitsgesetz darf der Arbeitgeber das Verhalten der Arbeitnehmenden nicht überwachen." Zudem seien die persönlichen Daten der Arbeitnehmenden und ihre Privatsphäre am Arbeitsplatz zu schützen, so eine Syndicom-Sprecherin auf Anfrage.
Ein Microsoft-Verantwortlicher schreibt dazu: "Lassen Sie mich eines klarstellen: Productivity Score ist kein Werkzeug zur Arbeitsüberwachung. Beim Productivity Score geht es darum, neue Arbeitsweisen zu entdecken und Ihren Mitarbeitern eine grossartige Zusammenarbeit und Technologieerfahrung zu bieten."

Das Meeting der Zukunft soll patentiert werden

Inwiefern der "Productivity Score" den geltenden Datenschutzanforderungen genügt und er tatsächlich die Produktivität steigern kann, wird sich zeigen.
Microsoft ist überzeugt davon und lässt sich schon die nächsten Produktivitätssteigerungs-Tools patentieren, wie 'Geekwire' recherchiert hat. Konkret geht es um ein "Meeting Insight Computing System".
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Grafik: Patentanmeldung von Microsoft
Die publizierte Patentanmeldung beschreibt ein System zur Ableitung und Vorhersage von "Gesamtqualitätsbewertungen" (“overall quality scores”) für Besprechungen. Dieses soll Daten wie Körpersprache, Gesichtsausdruck, Raumtemperatur, Tageszeit und Anzahl der Personen in der Besprechung analysieren, indem Kameras, Sensoren und neuartige Software eingesetzt werden. Die Lösung soll unter anderem bestimmen können, "wie viel ein Teilnehmer zu einer Besprechung beiträgt im Vergleich zur Durchführung anderer Aufgaben (z.B. SMS schreiben, E-Mails abrufen, im Internet surfen)".
Der erhoffte Nutzen für künftige Microsoft-Kunden: Heutigen Terminplanungssystemen fehle "der reale Kontext", sodass Meetings nicht optimal geplant würden, "die bestenfalls unproduktiv sind. Im schlimmsten Fall können sich solche Meetings negativ auf die Gesundheit der teilnehmenden Meeting-Teilnehmer auswirken, z.B. wenn Temperatur, Luftzusammensetzung, Helligkeit, Geräuschpegel usw. des Meeting-Raums nicht optimal sind."
Aber man will auch zu lange, schlecht besuchte und wiederkehrende Sitzungen identifizieren, welche modifiziert oder gar abgeschafft werden könnten. Als Nummer 9 von 20 Use Cases wird in der Anmeldung als Beispiel ein Treffen von HR-Leuten genannt.
Es ist unklar, ob und wann Microsoft dieses "Meeting Insight Computing System" ausrollen wird, oder ob die Verantwortlichen von internen Ethik-Gremien oder Datenschützern gebremst werden.
Natürlich könnte man ohne dieses Microsoft-Tool heute schon in der Führungsausbildung lehren, wie man effiziente und effektive Meetings organisiert.
Aber auch Microsoft selbst hat Luft nach oben: Der Produktivitäts-Score des rund 12-minütigen Werbevideos zum "Productivity Score" liegt, subjektiv ermittelt, bei höchstens 60/100. Der Konzern hätte nämlich viele zeitverschwendende Floskeln weglassen können, welche nun die Produktivität beim Zuschauenden senken. Aktuell verschwendete der Konzern bei rund 23'000 Video-Views geschätzte 60'000 Minuten der Zuschauenden, also etwa 1000 Stunden Arbeitszeit.

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