Parlamentsdienste kriegen kein neues Informationssystem

29. Juni 2020, 15:54
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Das Projekt mit Namen "Soprano" ist eingestellt worden. Auf Anfrage bestätigt auch die beauftragte Firma Cognita den Abbruch.

Für knapp 7,9 Millionen Franken haben die Parlamentsdienste im Februar 2018 das IT-Projekt Soprano an die Firma Cognita als günstigstem Anbieter vergeben. Der Auftrag an die SaaS-Spezialisten für Themen- und Medienmonitoring war klar: Mit Soprano sollten die Parlamentsdienste ein neues Informationssystem (IS) "zum Monitoring von Inhalten (Medien, Blogs, interne Publikationen, etc.), welche für die Arbeit des Parlamentes relevant sind" erhalten. Dazu sollten relevante Informationen, die aus internen und externen Datenquellen stammen, den Parlamentariern bereitgestellt werden.
Jetzt haben die Parlamentsdienste gegenüber dem 'SonntagsBlick' den Abbruch des Projektes bestätigt. Auf Anfrage von inside-it.ch bestätigt auch Cognita, dass der Betrieb auf Ende Mai 2020 eingestellt worden sei. Mehr war zu dem Projekt nicht zu erfahren, nicht einmal, ob es sich um die SaaS-Lösung Bluereport handle. Auch den Bericht der Zeitung wollte man bei dem Unternehmen nicht kommentieren.
Dort hatte es geheissen, Soprano hätte bereits im August 2019 in Betrieb gehen sollen, sei dann "aber um mehr als ein Jahr … auf Oktober 2020" verschoben worden. "Einige Zeit später erklärte der Lieferant, dass auch dieser Termin nicht einzuhalten sei" und die Parlamentsdienste zogen "die Reissleine". Weiter wird aus internen Dokumenten zitiert, in denen von "wiederholten Verzögerungen seitens des Lieferanten" die Rede sei, von Zusatzkosten "in unbekannter Höhe" und von technischen Mängeln.

Parlamentsdienste wollen getätigte Zahlungen zurückfordern

Ob die Vorwürfe stimmen, können wir nicht beurteilen. Laut Unterlagen die dem Bericht zugrunde liegen, bestehe "der Lieferant noch auf der Begleichung von weiteren zwei Millionen Franken für bereits getätigte Leistungen". Und die Parlamentsdienste sollen schon bezahlte 1,8 Millionen Franken zurückfordern. Laut Auftraggeber sind die "finanziellen und vertraglichen Auswirkungen zurzeit in Abklärung". Zudem würde überlegt, welche Lehren zu ziehen sind und in welcher Form die Anforderungen umgesetzt werden sollen.
Interessant dürfte das Projekt aber allemal sein. Denn Soprano versprach den Politikern in National- und Ständerat eine Übersicht über eine Vielzahl an politischen Geschäften sowie damit zusammenhängenden Berichten, Gesetztestexten und Medienmitteilungen. "Ein praktisches digitales Werkzeug also im immer noch ­papierüberfrachteten parlamentarischen Prozess", so die Zeitung.
In der Ausschreibung waren denn auch inhaltsanalytische Funktionalitäten genauso gefragt wie "die intellektuelle Erschliessung der in das IS importierten Dokumente und Daten, sodass daraus personalisierbare Informationsdienstleistungen (Newsletters, etc.) generiert werden können". Gefordert war zudem "ein nutzerfreundliches GUI". Realisiert werden sollte das "auf dem Housing-Prinzip" basierte Projekt vor Ort in Bern.

Kosten bis zu einer halben Million bei einem Prozess

Eine Einigung über Nach- oder Rückzahlungen konnte laut 'SonntagsBlick' bislang nicht erzielt werden. Die Parlamentsdienste würden davon ausgehen, dass bei einem Prozess erstinstanzliche Verfahrenskosten von bis zu einer halben Million anfallen könnten. Nun soll eine "juristische Zweitmeinung" eingeholt werden, um "Chancen und Risiken einer Klage" gegen den Lieferanten besser beurteilen zu können.

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