Sage ist auf dem Weg zu einer nativen Cloud-Lösung

27. Januar 2022, 10:32
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Die Sage-Brands werden verschwinden und in Infoniqa-Produkte umfirmiert. "Aus juristischen Gründen", wie Länderchef Thomas Hersche im Interview verrät. Zudem spricht Infoniqa-CEO Léon Vergnes über die Strategie.

Nach der Übernahme von Sage sowie Run my Accounts durch Infoniqa stellen sich die jeweiligen Geschäftsführer Thomas Hersche und Thomas Brändle sowie Léon Vergnes, CEO von Infoniqa, erstmals den Medien. Im Interview mit inside-channels.ch wird erklärt, weshalb der Name Sage nicht mehr im Portfolio vorkommen darf, wie viele Kunden von Abacus abgeworben wurden, und wie die 130 Mitarbeitenden von Sage Schweiz mit der Transformation umgegangen sind.
Was ist der Hintergrund des Rebrandings der bekannten Sage-Produkte Start, 50 und 200?Hersche: Bestandteil des Übernahme-Deals war die Abmachung, dass wir den Namen "Sage" spätestens ab Ende April 2022 nicht mehr im Portfolio führen dürfen.

Vergnes: Wir haben versucht, die neuen Namen Infoniqa ONE Start, Infoniqa ONE 50 und Infoniqa ONE 200 so nah wie möglich am Original zu lassen und hoffen dadurch, dass nach wie vor klar ist, was wo drin ist.
Haben Sie bereits Rückmeldungen zu den neuen Markennamen erhalten?Hersche: Wir erhielten einige Rückmeldungen. Die meisten unserer Kunden und Partnern fragten genauso wie Sie nach dem Hintergrund des Entscheids.

Wie weit ist die Integration der Sage-Produkte in Infoniqa abgeschlossen? Es ist bald April…Hersche: Hier unterscheiden wir zwischen Rebranding und der Integration der heutigen Sage-Lösungen ins Portfolio. Wir stellen nicht von heute auf morgen ein neues Produkt hin, das wäre für unsere Kunden und Partner nicht tragbar.

Vergnes: Wir investieren stark in unseren Kundenservice und die bestehenden Produkte. Einerseits binden wir unsere HCM-Lösung an Sage 200 Extra an. Andererseits vereinfachen wir die Zusammenarbeit zwischen Treuhänder und Endkunde mit einem neuen Add-on für Sage 50 Extra.

'Sage' darf ab Mai nicht mehr im Portfolio vorkommen


Nochmal: Werden Sie rechtzeitig fertig?Hersche: Mit dem Rebranding werden wir rechtzeitig fertig. Die Integration ins Portfolio hat gerade erst begonnen. Da gibt es einen klaren Fahrplan. Die ersten Kundinnen und Kunden testen bereits die HCM-Integration .

Welches waren die grössten Herausforderungen beim Umbau?Hersche: Am schwierigsten war die richtige Strategie zu erarbeiten, dazu zählt die Definition der Themen, Ziele und der Zielgruppen sowie die Festlegung von Marktsegmenten. Wichtig ist aber auch die Priorisierung: Wie schnell muss etwas gemacht werden? Und wann? Ist der Kundenwunsch wichtiger oder die Innensicht auf die Roadmap?

Wofür haben Sie sich am Schluss entschieden, für den Kundenwunsch oder für die eigenen Prioritäten?Hersche: Es ist eine Mischung aus beidem geworden. Weder ist unsere Strategie völlig abgehoben, noch sind die Wünsche unserer Kunden völlig weltfremd. Der Deckungsgrad ist relativ hoch.

Wie würden Sie die gefasste Strategie in wenigen Sätzen zusammenfassen?Vergnes: Software und Services wachsen zusammen. Die Professionalisierung von HR und Buchhaltung sorgt dafür, dass viele Prozesse in Buchführung, Lohnbuchhaltung oder Reporting immer stärker automatisiert werden. Dementsprechend wollen wir eine modulare Saas-Plattform und entsprechende Services anbieten, nicht nur in der Schweiz, sondern mittelfristig auch in Deutschland und Österreich.

Also wird die On-Premise-Software von Sage in die Cloud verfrachtet?Hersche: Die Software-Produkte sind bereits heute in der Cloud verfügbar, jedoch gehostet und nicht als native Cloudlösungen. Angebot und Technologie von Run my Accounts sorgen dafür, dass wir hier rasch neue Lösungen lancieren können.

Gibt es dafür ebenfalls einen Fahrplan?Hersche: Wir sind auf dem Weg zu nativen Lösungen. Prioritär sind jetzt die HCM-Integration und die Erweiterung des Angebots für Treuhänder.

Den Service-Aspekt bringt Run my Accounts in die Mischehe mit.Thomas Brändle: Richtig. Sage bringt die Software, wir den Service. Der Fachkräftemangel ist Realität in den Bereichen Treuhand und Buchhaltung. Unser Produkt automatisiert viele Standardprozesse und ermöglicht die Buchführung mit weniger Ressourcen.

Expansion nach Deutschland und Österreich geplant



Accounting-as-a-Service für Treuhänder, quasi?Brändle: Quasi. Wir bauen ein Add-On zu den ehemaligen Sage-Produkten angefangen bei Sage 50 Extra, starten noch diesen Monat Pilotversuche und weiten diese im Februar aus. Treuhänder können vor allem repetitive Aufgaben auslagern.

Die angesprochene Expansion nach Deutschland und Österreich dürfte im stark regulierten Finanzsektor nicht ganz einfach sein.Hersche: Die Hürden sind tatsächlich da, wir können nicht dasselbe Produkt in allen drei Märkten anbieten.

Brändle: In den Ländern unterscheiden sich Steuergesetze, Mehrwertsteuerregelungen, Sozialversicherungssysteme und vieles mehr. Mit Run my Accounts sind wir vor 5 Jahren in den deutschen Markt gegangen und sind noch nicht ganz fertig. Der Aufwand, Produkte masszuschneidern, ist enorm.
Vergnes: Deshalb verfolgen wir mit Infoniqa einen anderen Weg. Wir komplettieren unser Unternehmensprofil als Anbieter von modularen Lösungen in Buchhaltung, Payroll, HCM, ERP und "Business Processes"-As-a-Service im DACH-Markt, indem wir strategisch akquirieren. So bringen wir auch Lösungen wie das Add-on schneller in den gesamten DACH-Markt.
Wie beurteilen Sie den Schweizer Markt? Wer sind ihre wichtigsten Mitbewerber?Hersche: Abacus ist der Branchenprimus, da müssen wir keinen Hehl daraus machen. Aber auch internationale Grosskonzerne sind starke Player, namentlich SAP und Microsoft.

Vergnes: Wir bieten modulare Lösungen und die Möglichkeit, Business-Prozesse als Service zu beziehen. Das unterscheidet uns von eben genannten Mitbewerbern.
Ist es richtig, dass Sie viele Treuhänder-Kunden an Abacus verloren haben?Hersche: Abacus hat Kunden von uns Angebote gemacht, welche einige angenommen haben. Wir haben wenige Kunden verloren, das stimmt. Aber das Vorgehen von Abacus hat nicht allen geschmeckt, weshalb einige Partner dafür zu uns gekommen sind.

"Wenige Kunden an Abacus verloren"



Wie viele Kunden sind zu Abacus gewechselt?Hersche: Ich kann die Zahl nicht genau beziffern, es dürften rund zwei bis drei Handvoll gewesen sein.

Ist es einfacher oder schwieriger, Marktanteile ohne den Namen "Sage" zu gewinnen?Hersche: Beides. Die Bekanntheit des Brands Sage ist in der Schweiz noch deutlich grösser als Infoniqa. Aber die Vergangenheit bei Sage war nicht immer optimal. Am liebsten hätten wir die Bekanntheit von Sage und den Start mit Infoniqa auf der grünen Wiese.

Wie wollen Sie die Bekanntheit von Infoniqa steigern?Hersche: Das ist ein Projekt für die nächsten 6-12 Monate und darüber hinaus. Aber wir müssen nicht bei Null anfangen. Wir haben über 21'000 aktive Kunden und wenn wir einen guten Job machen, wird das Branding schneller adaptiert.

Was macht Sie zuversichtlich, dass das klappt?Es geht nicht um den Bekanntheitsgrad per se, sondern darum, dass die Kunden bei uns das finden, was sie suchen. Das ist eine andere Herangehensweise. Bei Sage war die Haltung: "Wir haben ein Produkt. Kauft es." Bei Infoniqa wird der Kunde stärker in den Vordergrund gestellt.

Mit wie vielen Mitarbeitern gehen Sie die Ziele in der Schweiz an? Mein letzter Kenntnisstand sind 130 Mitarbeitende, ist das immer noch so?Hersche: Das ist korrekt, wir sind noch immer 130 Personen, aber wir suchen noch zahlreiche Fachkräfte in vielen Bereichen.

Brändle: Bei Run my Accounts arbeiten 60 Menschen.

Eine andere Zahl, die ich gefunden habe: Die Infoniqa-Gruppe will mit den Zukäufen 60 Millionen Euro Umsatz machen. Erreichen Sie das Ziel?Vergnes: Wir erwarten einen leicht höheren Umsatz.
Im letzten Interview mit uns haben Sie, Herr Hersche gesagt: "Ich würde mich freuen, wenn es weitergeht. Aber da muss man realistisch bleiben: Ein neuer Investor wird die Führungsstrukturen prüfen." Wie haben Sie persönlich die Zeit während des Übernahmeprozederes erlebt?Hersche: Sehr mühsam. Das lag aber nicht an Infoniqa oder Sage, sondern daran, dass zwischen Signing und Closing 6 Monate lagen. Der Aufwand, auch der juristische, war beträchtlich und anstrengend.

Wie erlebten Ihre 130 Mitarbeitenden die Transformation?Hersche: Wir haben es geschafft, sehr wenige Abgänge zu haben. Einen Tag nach der kommunizierten Übernahme standen bei uns die Headhunter auf der Matte. Umso mehr freut es mich, dass wir fast alle Mitarbeitenden halten konnten.

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