Swisscom, die Steuern und das Glas

22. Mai 2009, 15:20
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Und hier noch unser Freitagabend-Kommentar.

Und hier noch unser Freitagabend-Kommentar.
"Wenn du einen Artikel zu Swisscom machst, und danach Sepp Huber (der Sprecher) NICHT anruft, dann hast du etwas falsch gemacht," so das Bonmot, das ein bekannter Wirtschaftsjournalist letztes Jahr an einem Apéro fallen liess.
Offenbar hatte ich nicht alles falsch gemacht: Wenige Stunden, nachdem ich den - zugegebenermassen polemischen - Artikel Swisscom als (erfolgreicher) Steuereintreiber brachten.
Trotzdem bleiben wir dabei: Die Erträge von Swisscom sind - wie diejenigen, die Microsoft aus dem Verkauf von Office erwirtschaftet - nicht einfach Gewinne, sondern eine Art Steuern. Schauen wir die Sache nochmal im Detail am Beispiel des profitabelsten Segments an:
Swisscom machte im Q1 im KMU-Segment einen Umsatz (inklusive interner Umsatz) von 282 Millionen Franken. Davon blieben - vor Netzwerkkosten, Abschreibungen, Wertberichtigungen, Schuldzinsen und Steuern - 214 Millionen Franken als "Gewinn" oder "Deckungsbeitrag" hängen. Damit kommt Swisscom auf eine EBITDNA-Marge (das Wort haben wir eben erfunden - "N" steht für Netzwerkkosten) von fantastischen 75,9 Prozent. Auch wenn wir die Netzwerkkosten (Schätzung Anteil des KMU-Segments: 79 Milllionen Franken) samt Abschreibungen berücksichtigen, so blieb immer noch ein DB von 135 Millionen Franken, also 47 Prozent bei Swisscom hängen.
Von jedem Franken, den Schweizer KMU an Swisscom bezahlen, gehen also 47 Rappen an den Konzern. Dieser bezahlt damit Steuern und finanziert Abschreibungen (die meisten stecken aber schon im Betrag für die Netzwerkkosten) sowie Schuldzinsen. Und schüttet Dividenden an seine Aktionäre aus und kauft Aktien zurück. Mehr als die Hälfte der Dividenden und dem Geld aus Aktienrückkäufen ging in der Vergangenheit an den Bund - also an "uns".
Und jetzt das Glas (und die Marktwirtschaft)
Swisscom macht mit dem schönen Geld aber auch noch andere Dinge: Der Konzern investiert. Swisscom plant, in den kommenden sechs Jahren insgesamt rund 8 Milliarden Franken lanciert. Die Motive hinter der Kampagne waren klar: Swisscom hatte eben viel Geld in die Aufrüstung seiner Kupfer-Infrastruktur (VDSL) ausgegeben und wollte seine Investitionen, aber auch die Alleinstellung als Besitzerin der "letzten Meile" schützen.
Kaum begannen Zürich und andere Städte aber ernsthaft mit dem Bau der Glasfaser-Infrastruktur, entdeckte auch Swisscom die Segnungen von "Fibre-to-the-Home" und packte den grossen Geldknüppel aus. Möglich war (und ist) dies, weil Swisscom in anderen Geschäftsfeldern enorm profitabel ist.
Mit den riesigen, in hohem Tempo getätigten Investitionen von Swisscom können die lokalen EWs, selbst die reiche Stadt Zürich, nicht mithalten. Sie laufen Gefahr, zum Schluss auf dunklen Glasfasernetzen zu sitzen, da Swisscom schweizweit wesentlich mehr Haushalte und Büros wird bedienen können und damit höhere Skalenerträge erzielen wird. Ausserdem kann es sich Swisscom als einziger Anbieter in der Schweiz leisten, über lange Zeit viel Geld in den Aufbau eines Marktes zu investieren, wie 'Bluewin TV' gezeigt hat.
Swisscom argumentiert zudem gegen die EWs, dass der Wettbewerb auf der Infrastruktur-Ebene stattfinden müsse und versucht (erfolgreich) die EWs davon zu überzeugen, immer mehrere Glasfasern (eine ist für Swisscom) in die Haushalte zu legen. Was Swisscom in dieser Argumentation nicht sagt: Der Telco ist die einzige Firma in der Schweiz, die überhaupt einen Wettbwerb auf der Infrastrukturebene finanzieren kann.
Marktwirtschaft, wie die NZZ unlängst in einem langen Kommentar meinte? Ein Bereich, aus dem der Staat sich heraushalten sollte und die EWs eh die Risiken nicht einschätzen können? Oder eben doch die Verteidigung eines de-fakto-Monopols mittels den Erträgen aus eben diesem?
Wir neigen zu letzterem Schluss. Wobei: Mir ist ein de-fakto-Monopol der politsch beeinflussbaren Swisscom lieber, als dasjenige von Cablecom, die ihrem Besitzer noch immer den hohen Preis für sich selbst zurückzahlen muss oder die dänische Sunrise-Mutter TDC, die die hohen Gewinnerwartungen der investierten Beteiligungsgesellschaften zu befriedigen hat. (Christoph Hugenschmidt)

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