Vom Adnovum-CEO zum Unternehmer

4. März 2020, 09:35
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Chris Tanner wird Mitbesitzer und CEO der Interlakner Xplain. Mit dem Mitgründer Andreas Löwinger erklärt Tanner uns exklusiv, warum.

Xplain hat drei grosse Herausforderungen: Das Wachstum managen, neue Märkte erobern und die Nachfolge regeln.
Für diese Herausforderungen hat die Interlakner Software-Firma einen prominenten Mann gefunden: Chris Tanner, früherer CEO von Adnovum. Er wird gleichberechtigter Partner und gleichzeitig CEO der Firma, die sich auf Software für die innere Sicherheit spezialisiert hat.
Andreas Löwinger, Mitgründer und seit 2000 auch Xplain-CEO, erklärt beim Redaktionsbesuch, genau dieses Profil habe man gesucht. "Wir wollten keinen Jung-Manager, sondern eine mit Wachstum erfahrene Person, die sich auch am Unternehmen beteiligt und nicht nur angestellter CEO ist."
Chris Tanner, über elf Jahre bei Adnovum, erklärt seinerseits, dass ihn das Unternehmertum reize und dies ein wichtiger Grund sei, sein Sabbatical zu beenden und bei Xplain einzusteigen.
Xplain? Die Firma ist wenig bekannt, denn sie hat in den letzten 20 Jahren nicht oft kommuniziert, wie Löwinger zugibt. Sie hat in diesen Jahren aber ein ansehnliches Portfolio mit selbst entwickelten Standard-Software-Lösungen auf den Markt gebracht.
Was mit Tanner in eine nächste Phase geht, begann 2017. Damals positionierte sich Xplain neu und schrieb sich den grösseren Markt "innere Sicherheit" auf die Fahnen. Statt primär Lösungen für die Polizei-Informatik zu bauen, zählt Xplain heute 30 Organisationen aus Polizei, Strafverfolgung, Justiz, Vollzug und Migration zu seinen Kunden. Darunter finden sich auch das Bundesamt für Justiz und, ein weiterer Grosskunde, das Grenzwachtkorps.
Was bedeutet "innere Sicherheit" konkreter? Das könnte auch den Geheimdienst als Kunde mitmeinen. "Wenn dies so wäre, dann dürfte ich Ihnen dies nicht sagen", erklärt Löwinger.

Starkes Wachstum seit 2017

Was Löwinger hingegen sagen darf und will: 2017 begann die grosse Wachstumsphase von Xplain, die Firma hat nämlich ihre Mitarbeiterzahl seither verdoppelt. Das musste sie auch, um grosse Zuschläge zu erhalten und die Umsetzung stemmen zu können. Der eine Kunde ist der Kanton Aargau, der bei Xplain für über 5,3 Millionen Franken eine automatisierte elektronische Geschäfts- und Dossierverwaltung für die Strafverfolgung, den Strafvollzug sowie das Migrationsamt beschafft. Und 2018 gewann Xplain den Zuschlag der Polizei des Kantons Waadt mit einem 9,2 Millionen-Franken-Auftrag für ein neues Gever.
Im selben Jahr entstand auch direkter Kontakt zwischen Löwinger und Tanner bei der Erarbeitung eines Angebots ihrer jeweiligen Firmen. Es ging um die Ausschreibung des Justizdepartements zur Erneuerung der Systemplattform Biometriedatenerfassung (ESYSP). Xplain erhielt den Zuschlag für einen eDocument-Viewer, während Adnovum leer auszugehen schien. Nachträglich, vor wenigen Tagen, gewann auch Adnovum ein ESYSP-Los, nachdem der initiale Zuschlag an Unisys widerrufen worden war.
"Dieses Wachstum müssen wir nun organisatorisch bewältigen", sagt Löwinger. Das heisst zum Beispiel, dass man in Aarau ein Projektbüro eröffnet hat, um der Firmenphilosophie folgend, nahe beim Kunden zu sein. Für den Waadtländer Grossauftrag wird ein Xplain-Büro in Lausanne angesiedelt. Gleichzeitig will man sich von Interlaken aus weitere Aufträge sichern und die mit Erstkunden entwickelten Xplain-Standardlösungen in der ganzen Schweiz ausrollen. Xplain sei dafür "sehr gut positioniert und hat grosses Wachstumspotential", sagt Chris Tanner im Rahmen einer kleinen SWOT-Analyse.
Die Stakeholder im Schweizer Markt sind überschaubar. Die Kundenzielgruppe umfasst geschätzte 100 Namen, und es gibt drei, vier spezialisierte Schweizer Mitbewerber, die sich im Bereich innere Sicherheit tummeln. "Alle anderen kamen und gingen", sagt Löwinger mit einem Lächeln. Ausländische Firmen könnten irgendwann in den Schweizer Markt eintreten, aber vielen Ideen steht der US-Cloud-Act noch im Weg. Preisdruck gebe es wegen WTO trotzdem, sagt Löwinger. Diesem begegnet man bei Xplain wie anderswo mit Nearshoring: In Deutschland werden Biometrie-Lösungen entwickelt, in Spanien Server- und Clientkomponenten sowie mobile Systeme.

"Hier dreht man keine kleinen Schrauben"

Weil die Sales-Zyklen in diesem Bereich laut Löwinger zwei bis drei Jahre dauern, kann der neue CEO Chris Tanner diese Pläne auch rasch vorantreiben, während er den Markt auch noch besser kennenlernen will und in nächster Zeit viel bei Kunden sein wird.
Das Wachstumspotential sei speziell hoch, ergänzt Tanner, weil gerade Xplain-Zielgruppen erst am Anfang ihrer Digitalisierung stehen. Medienbrüche prägen bis heute den Alltag der Sicherheitsbehörden, das gelte auch für das "Massengeschäft" wie dem Verfassen und Weiterleiten eines Polizeirapports eines Verkehrsvergehens zuhanden der Staatsanwaltschaft.
Es ist dieser "Emerging Market", der Tanner auch intellektuell reizt. "Hier kann man noch viel bewegen und dreht keine kleinen Schrauben", wie er sagt. Die Xplain-Kunden würden im Vergleich zu den Banken noch hintennach hinken.
Die Zukunft, so glauben die Xplain-Verantwortlichen, gehöre auch bei innerer Sicherheit durchgängig digitalen, automatisierten Prozessen, mobilen Systemen und modernen GUIs.

Wie steht es um die Betriebskultur?

Es bleibt ein wichtiger Aspekt anzusprechen, der vielleicht zu den Risiken für Löwinger und Tanner gehören könnte - die Betriebskultur. Adnovum zählt 560 Mitarbeitende, ist eine "städtische Firma" und wird von extern geführt. Xplain hat 50 Mitarbeitende, ist in Interlaken beheimatet und gründergeführt. Wie unterschiedlich sind die Betriebskulturen? Tanner glaubt, dass sie relativ ähnlich sind und will das überprüfen, indem er die Mitarbeitenden und die Firma als Erstes gut kennenlernt.
Löwinger stimmt ihm grundsätzlich zu. Man könne die Kultur bei Xplain etwa mit derjenigen von Netcetera vergleichen, einer Firma, die er gut kennt. "Ein Unterschied ist, dass wir bei Xplain 'Business-Analyse-minded' sind und nicht 'Engineering-minded' wie Netcetera oder Adnovum", sagt er. Ausserdem sei seine Firma, das sei von den Kunden vorgegeben, kein technologischer Early-Adopter, sondern Mainstream-Follower.
Was macht Löwinger, wenn Tanner nun CEO wird? Er will, wenn alles nach Plan läuft, in zwei bis 2,5 Jahren, aus der Geschäftsleitung ausscheiden. "Seit fünf Jahren weiss ich, dass ich mit 62 in den Hintergrund trete, und das werde ich auch tun. Dann übernehme ich bei Xplain Aufgaben, die kein anderer machen will", sagt er mit einem Lächeln. Als da wären? "WTO-Ausschreibungen! Das mache ich gerne."

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