Für viel Geld kauft Microsoft das US-Unternehmen Nuance Communications, wie diese Woche bekannt wurde. Der Deal beläuft sich auf 19,7 Milliarden Dollar und ist nach Linkedin der grösste in der Firmengeschichte der Redmonder.
Nuance ist auf KI und Spracherkennungssoftware spezialisiert und steckt beispielsweise hinter der Technologie von Apples Siri. Nuance war auch der Anbieter der Voice-to-Text-Software für Windows und hat sich inzwischen auf künstliche Intelligenz gestützte SaaS-Angebote für die Gesundheitsbranche spezialisiert, die auf Microsoft Azure basieren.
Ein für die Redmonder wohl interessantes Produkt ist Dragon Ambient Experience, kurz DAX. Die Anfang 2020 veröffentlichte Software nehme Ärzten administrative Arbeit ab, beschreibt Nuance das Produkt. Bei jedem Besuch zeichne das System die Gespräche zwischen Arzt und Patienten auf, nutze KI, um den richtigen Kontext für die Gespräche zu finden, und erstelle automatisch detaillierte klinische Dokumentationen. Statt eigene Reporte zu erfassen, müssten die Ärzte die Aufzeichnungen nur noch überprüfen und visieren.
An der letzten Bilanzmedienkonferenz erklärte Nuance laut 'Bloomberg'-Bericht, dass der Umsatz mit DAX von geschätzten 15 Millionen Dollar in diesem Jahr auf bis zu 250 Millionen Dollar im Jahr 2023 ansteigen könnte – Wachstum von dem nun Microsoft profitieren kann.
"Das Gesundheitswesen ist ihre dringendste Anwendung"
Microsoft hat seine Bemühungen beschleunigt, branchenspezifische Cloud-Angebote bereitzustellen. Dazu gehört auch die Cloud for Healthcare, die auf die Bedürfnisse der Gesundheitsbranche zugeschnitten ist. Die Übernahme von Nuance fügt sich somit in diese Strategie ein.
Der Gesundheitssektor – nicht nur hierzulande noch stark Papier-basiert – ist ein interessanter Markt für Softwareanbieter. Der Bedarf nach Digitalisierung ist gross und hat sich zuletzt durch die Covid-Pandemie verstärkt.
Nuance sei ein Pionier bei der praktischen Anwendung von KI in Unternehmen, erklärte Satya Nadella, CEO von Microsoft, in der Mitteilung zur Übernahme. "KI ist die wichtigste Priorität der Tech-Branche, und das Gesundheitswesen ist ihre dringendste Anwendung."
Auch über den Gesundheitssektor hinaus
DAX ist vor allem in den USA weit verbreitet. Laut dem Anbieter wird es dort von 55% aller Ärzte und 77% aller Krankenhäuser genutzt. Auch wenn sich das Produkt an eine bestimmte Branche richtet, kann die Technologie auch in anderen Bereichen eingesetzt werden.
Laut Zahlen des Marktforschers IDC werden bis 2024 die Ausgaben für KI über 110 Milliarden Dollar betragen, wobei fast die Hälfte davon auf das Gesundheitswesen, die Finanzbranche und die Fertigung entfällt. Übrigens alles Bereiche, für die Microsoft Branchen-spezifische Clouds angekündigt hat.
Das 1992 gegründete Unternehmen Nuance verfügt auch über das Gesundheitswesen hinaus über Expertise in den Bereichen Spracherkennung, KI und bietet Customer-Engagement-Lösungen und virtuelle Assistenten. Von diesem Know-how kann Microsoft profitieren, um Lösungen für Unternehmen aus anderen Branchen zu entwickeln.
Ob und inwiefern die "Conversational AI"-Technologie in Microsofts eigene Lösung Cortana einfliessen soll, ist noch nicht bekannt. Mit Cortana ist Microsoft seit einigen Jahren in diesem Bereich aktiv. Das Unternehmen hat es aber nicht geschafft, Cortana als Alternative zu Googles Assistant oder Amazons Alexa zu positionieren. Seit einiger Zeit versuchen die Redmonder nun, die Software im Unternehmensbereich zu etablieren.
In einem Kommentar zur Übernahme schreibt Jürg Schleier, DACH-Chef des Schweizer Sprachlösungsanbieters Spitch, dass er hierzulande kurz- und mittelfristig keine Veränderungen im Markt erwartet. Nuance spiele in der Schweiz aktuell keine Rolle. In Deutschland hingegen habe Microsoft mit der Übernahme den Hauptkonkurrenten von Spitch aus dem Markt genommen.