Die IT-Abteilung im Bundesamt für Gesundheit (BAG) hat seit Beginn der Corona-Krise viel Kritik einstecken müssen. Der Klassiker: Die
Faxgeräte, die einige Ärzte und Spitäler zu Beginn der Krise noch für die Übermittlung von Daten benutzten. Dazu endlose Excel-Tabellen, unübersichtliche Webseiten,
Registrierungsprobleme für Impfwillige oder eine private Organisation, die sich der Koordination der freien Betten in der Schweiz annehmen muss.
Die Schweiz sei digital nicht optimal auf eine Pandemie vorbereitet gewesen, sagt Sang-Il Kim, Leiter digitale Transformation im BAG.
Kim nahm seine Arbeit im Bundesamt für Gesundheit am 1. April 2020 auf. "Damals kochte gerade die Frage über die Übermittlung der Corona-Testresultate hoch", sagte er im Gespräch mit der Nachrichtenagentur 'Keystone-SDA'. "Wir hatten sehr viele Fax-Dokumente, die abgearbeitet werden mussten, ich erlebte dabei die Digitalisierungsprobleme im Gesundheitswesen aus erster Hand."
Die fehlende Digitalisierung wird von Externen kritisiert. Die Versäumnisse der letzten Jahre könne man nicht innert wenigen Wochen aufholen, sagt Alfred Angerer, Professor an der ZHAW. "Und als dann das Haus brannte, war es schon zu spät", so der Gesundheitsökonom zur Nachrichtenagentur.
Seit Beginn der Pandemie sei dem BAG deshalb "nichts anderes mehr übrig geblieben, als Feuerwehr zu spielen", ergänzt Andreas Wicht, ein promovierter Medizin-Informatiker und Experte für Digitalisierung im Gesundheitswesen bei Synpulse. Was gefehlt habe, sei ein gesamtheitlicher Ansatz, "den gesamten Prozess digital zu denken".
Covid-App als Musterbeispiel
Kim war von der Post ins BAG geholt worden, um die Einführung des elektronischen Patientendossiers (EPD) umzusetzen. Doch dann kam die Corona-Krise und mit ihr verschoben sich die Prioritäten: Kims erster Auftrag: Eine Covid-App für das Contact-Tracing bauen zu lassen.
Das Unterfangen sei aus Informationssicht gelungen, sagt Angerer. "Eine zentral angestossene Aktion, unter Beteiligung dynamischer Softwareunternehmen und mit einer Lösung für die sensiblen Daten, offen kommuniziert und umgesetzt unter Einbezug der Sorgen der Menschen."
Das Beispiel der App zeige, dass gute IT-Lösungen nützlich seien, es aber immer auch den Willen der Bevölkerung brauche, diese gut zu nutzen, so die Bilanz von Kim.
Agiler und mit mehr Hilfe vom Markt
Die Forderung sei nicht, dass das BAG in der Pandemie perfekt hätte funktionieren müssen, so Angerer. Er kritisiert aber, "dass es kein System geschaffen hat, das agil auf Unvorhergesehenes reagieren kann". Die Dringlichkeit sei da gewesen und die Gelddiskussion sei nicht im Vordergrund gestanden. "Man hätte schnell über unkonventionelle Lösungen nachdenken sollen". Er hätte zum Beispiel einen Hackathon vorgeschlagen, einen Ideenwettbewerb, um das Wissen der Experten in der Schweiz "abzusaugen", abseits der Politik.
Dem stimmt auch Wicht zu. In der Schweiz gebe es so viele Technologie-Anbieter, das Know-how sei vorhanden. Das BAG hätte schneller auf innovative Player zuzugehen müssen, um gemeinsam mit diesen Ideen voranzutreiben und umzusetzen, so Wicht zur Nachrichtenagentur.
Die Kritik, das BAG habe bei der digitalen Bewältigung der Krise nicht genügend mit externen Partnern oder der Wirtschaft zusammengearbeitet, weist Kim zurück. Das BAG habe sehr wenig selber entwickelt, sondern meist auf bestehenden Lösungen der Privatindustrie aufgebaut, zum Beispiel beim Impftool, welches das BAG den Kantonen zur Verfügung stellt.
Gleichzeitig räumt der BAG-Kadermann auch Fehler ein: So hätte man gewisse Anbieter von IT-Systemen trotz des Zeitdrucks besser prüfen müssen. Die Impfplanung sei nicht einfach gewesen, weil kein Monitoring-System in Echtzeit existierte.
Covid-Krise führt zum Digitalisierungsschub
Kim zeigte sich überzeugt, dass man für eine mögliche nächste Pandemie besser gerüstet sein werde. Denn im BAG und anderen Teilen der Bundesverwaltung habe die Krise einen Digitalisierungsschub ausgelöst. Doch "bis zum Optimum" fehle "noch einiges". Vor allem die Datenflüsse und die -Qualität der wichtigen Akteure im Gesundheitswesen müssten verbessert werden.
Was die Digitalisierung der Leistungserbringer anbelangt, zeigt sich Kim skeptisch. Denn dazu bräuchte es einen Investitionsschub mit einem Anreizsystem und den Willen aller Beteiligten, nachhaltig in neue IT zu investieren.