Prantl behauptet: Wachstum geht auch ohne neues Personal

29. November 2022, 08:23
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Inside-IT-Kolumnist Urs Prantl

Die Rahmenbedingungen für überdurchschnittliches Wachstum sind nahezu perfekt, aber viele Unternehmer behaupten, ohne zusätzliches Personal sei dies gar nicht möglich. Kolumnist Urs Prantl behauptet das Gegenteil.

Unserer Branche bieten sich in ihrer Geschichte einmalige Chancen für gesundes Wachstum. Diese Wachstumsopportunitäten werden durch starke Trends gestützt. Zum Beispiel:
  • ein nach wie vor massiver Nachholbedarf bei der Digitalisierung
  • der Mangel an IT-Fachleuten auch in allen Nicht-IT-Branchen
  • eine sich ankündigende Neuordnung der Weltwirtschaft und der Lieferketten
  • der Klimawandel
  • die zunehmende Konzentration in unserer Branche und ein hohes Interesse seitens Investoren
Ich bin davon überzeugt, solange keine gröbere Rezession über uns hereinbricht, bleiben diese Wachstumschancen absolut intakt. Dies vor allem deswegen, weil der Nachholbedarf (und damit auch die konkrete Nachfrage) in Sachen professioneller digitaler Lösungen in Wirtschaft und im öffentlichen Sektor nach wie vor immens ist. Bis sich hier ein einigermassen ausbalancierter Zustand eingestellt haben wird, wird es noch viele Jahre dauern.
Die Rahmenbedingungen für überdurchschnittliches Wachstum sind also nahezu perfekt. Doch, es gibt ein gröberes Problem!
Wenn ich mich an die vielen Gespräche mit IT-Unternehmerinnen und Unternehmern in diesem Jahr erinnere, dann erinnere ich mich primär an eine Aussage, die unisono immer – und stets auch gleich zu Beginn des Gesprächs gemacht wurde: Wir könnten deutlich mehr Business machen, wenn wir die dafür nötigen Fachleute hätten.
Im weiteren Verlauf der Diskussionen gewann ich dann meist den Eindruck, dass Unternehmenswachstum eins zu eins mit Personalwachstum gleichgesetzt wird. Anders ausgedrückt: Wir können nur dann wachsen, wenn wir auch mehr qualifiziertes Personal finden. Die Unternehmen fühlen sich also durch den Fachkräftenotstand faktisch in ihren Wachstumsvorhaben ausgebremst und auf ihren Status-Quo zurückgebunden.
Das ist allerdings viel zu kurz gedacht! Natürlich ist die Mehrzahl der Schweizer IT-Firmen Dienstleister und benötigen dafür als primäre Ressource die "menschliche Arbeitskraft". Allerdings ist das Personal nicht – wie viele offensichtlich denken – einfach proportional an den Output gekoppelt. Das heisst, Wachstum lässt sich auch ohne oder mit stark unterproportionalem Fachkräftewachstum bewerkstelligen. Höchste Zeit also, dass sich hiesige IT-Unternehmer dieser Tatsache bewusstwerden.

5 Wachstumshebel ohne zusätzliches Personal

Doch, welche "ausserpersonale" Hebel zur Steigerung des Wachstums lassen sich in Bewegung setzen? Ich will einige aufzählen.
Neue Geschäftsmodelle: Neue Geschäftsmodelle gibt es nicht nur im Retail, bei der Nutzung individueller Mobilität oder in der Finanzwirtschaft, sondern auch in der IT- und Software-Industrie. Zum Beispiel die Migration von Daten und Anwendungen in die Cloud, und damit weg von den einzelnen Usern und ihren Inhouse-Servern. Oder der Wechsel von Kauflizenzen hin zur Nutzung mittels Subscriptions, die neben dem Nutzungsrecht auch gleich noch eine Reihe von einkalkulierten Zusatzdienstleistungen enthält. Diese beiden Beispiele, sowie viele weitere auch, unterstützen Wachstum, ohne dass dafür die Belegschaft vergrössert werden muss. Sie nutzen einfach bestehende Ressourcen deutlich effizienter und effektiver.
Automatisierung durch Digitalisierung: Was für Kunden gut ist, würde sich oftmals auch für deren Lieferanten selbst lohnen. Nach wie vor beobachte ich nämlich ein hohes Mass an manuellen Prozessen in IT-Unternehmen. Da liegt zweifelsohne noch einiges an Effizienzsteigerungspotenzial brach. Die so frei werdenden Ressourcen liessen sich anschliessend in Wachstum investieren, ohne dass dafür neue Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter eingestellt werden müssten.
Standardisierung und Skalierung: Insbesondere projektorientierte IT-Dienstleister arbeiten heute oft noch "wie zu Gotthelfs Zeiten". Jedes Zusatzprojekt, jeder ausserplanmässige Kundenauftrag führt dort reflexartig zur Überzeugung, dass dafür neue Leute gesucht werden müssen, da die Bestehenden ja bereits voll ausgelastet sind. Kaum jemand denkt daran, das Projektvorgehen konsequent zu standardisieren, mit klaren Prozessen zu hinterlegen, eine einheitliche Methodik mit entsprechenden Tools einzusetzen und nicht jedes Mal die Welt wieder von Neuem zu erfinden. Standardisierung und daraus folgend Skalierung funktionieren nicht nur mit Produkten, sie können auch sehr erfolgreich bei Dienstleistungen angewendet werden. Und zwar ohne zusätzliches Personal.
Wachstum durch Zukäufe: Wachstum muss nicht ausschliesslich organisch erfolgen, es kann auch anorganisch mithilfe von strategisch passenden Zukäufen forciert werden. Das ist eine Tatsache, derer sich viele Unternehmen – vor allem in KMU – nicht wirklich bewusst sind. Beispiele wie Boss Info zeigen jedoch, dass es durchaus funktionieren kann.
Nearshoring, Offshoring und Erweiterung des Mitarbeiter-Marktes: Wieso alles in der hochpreisigen Schweiz mit hier schwer zu findenden IT-Fachleuten machen? Es gibt auch gute Informatikerinnen in Spanien, in Portugal, in Lettland, auf den Philippinen oder sonst wo. Meist sind sie dort auch deutlich einfacher zu finden. Gut gemanagt ermöglichen sie überproportionales Wachstum.

Employer Branding und Ausbildung sind Trumpf

Der Vollständigkeit halber möchte ich zwei Personal-Hebel zur Steigerung des Wachstums an dieser Stelle doch auch noch erwähnen. Vor allem deswegen, weil sie einerseits hochwirksam sind und andererseits, weil sie noch viel zu wenig genutzt werden.
Fachkräfte selbst ausbilden: Um den Fachkräftemangel – wenn nicht gar Notstand – wirksam zu bekämpfen, müssen wir unsere Fachleute von morgen auch selbst ausbilden wollen. IT-Lernende und Praktikantinnen und Praktikanten gehören daher ab einer gewissen Unternehmensgrösse zum Pflichtprogramm.
Stärkung Arbeitgebermarke: Last but not least gehört heutzutage eine starke Arbeitgebermarke (mit entsprechender Strategie) zum Pflichtprogramm einer jeden IT-Firma, egal in welcher Grösse. Und zwar inklusive der Einführung eines professionellen Personal-Managements von der Akquise bis zum Austritt.
Um die einmaligen Wachstumschancen voll ausnutzen zu können, bieten sich also zahlreiche Lösungen an. Es muss nicht immer reflexartig "mehr Personal" sein. Im Gegenteil. Gesundes Wachstum ohne zusätzliches Personal hat sogar den angenehmen Nebeneffekt, dass Margen und Rentabilität steigen und bereits bestehende Arbeitsplätze sicherer werden. Die neusten Massenentlassungen bei Meta, Amazon und Twitter lassen grüssen.

In eigener Sache

Die nächste "Focus on Future"-Veranstaltung am 23. Januar 2023 in Baden "Wachstumschancen ohne Ende, doch uns fehlen die Leute dazu" beschäftigt sich mit dem gleichen Thema und präsentiert mit Gabriela Keller von Ergon und Claudio Pietra von Vertec zwei erfahrene Vertreter von „Wachstum geht auch ohne mehr Personal“.
Urs Prantl war über 20 Jahre als Softwareunternehmer tätig. Seit 2012 begleitet er IT- und Software-Unternehmen auf ihrem Weg zu nachhaltig gesundem Wachstum und ist als M&A-Transaktionsberater in Nachfolgesituationen tätig. Er äussert als Kolumnist für inside-it.ch seine persönliche Meinung.

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