SATW insights: Der geringe Frauen­anteil in der IT ist proble­matisch

1. Dezember 2022, 11:54
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Iris Hunkeler engagiert sich als Mentorin beim nationalen Förderprogramm Swiss Tecladies der SATW.

Der Frauenanteil in der IT verharrt in der Schweiz auf tiefem Niveau. In ihrer Kolumne erklärt Iris Hunkeler, warum das ein Problem ist und wie sich das ändern könnte.

Die Informatikbranche in der Schweiz wächst seit vielen Jahren kontinuierlich. Neben internationalen Tech-Giganten wie Google, Meta oder Microsoft beschäftigen auch Schweizer Firmen wie Swisscom, Digitec Galaxus oder SIX eine Vielzahl an Informatik-Fachkräften.
Trotz dieses anhaltenden Booms bewegt sich der Frauenanteil auf konstant tiefem Niveau. Im Jahr 2021 lag der Frauenanteil an IT-Fachkräften in der Schweiz bei tiefen 16,3% und damit im europäischen Vergleich im hinteren Bereich. Auch aus eigener Erfahrung kann ich dies bestätigen: Meine Arbeitskollegen sind häufig Männer.
Den geringen Frauenanteil in der Informatik sehe ich aus zweierlei Gründen als problematisch an:
  1. Informatiklösungen sind heute zentral und beeinflussen einen riesigen Teil unseres Lebens. Wenn diese Programme mehrheitlich von Männern entworfen und entwickelt werden, dann wird die Lebensrealität von Frauen weniger gut repräsentiert. Ausserdem finden Teams mit höherer Diversität bessere und kreativere Lösungen.
  2. Die Welt der Informatik ist faszinierend und bietet unzählige spannende, erfüllende und gut bezahlte Berufe. Mehr Frauen sollen von diesen grossartigen Möglichkeiten profitieren können.
Die Ursachen für die ungleiche Geschlechterverteilung liegen zu einem grossen Teil bei Stereotypen, die in unseren Köpfen feststecken: Viele Menschen haben ein Bild von "Informatik" und ein Bild von "Frau" und diese Bilder passen nicht zusammen. Solche Vorurteile bestimmen unser Verhalten und werden auch an jüngere Generationen weitergegeben.
Von vielen Berufskolleginnen höre ich immer wieder Ähnliches: "Ach, ich bin eigentlich per Zufall in der IT gelandet." Doch ich finde es nicht ausreichend, sich auf den Zufall zu verlassen. Die Untervertretung von Frauen in der IT kann und soll aktiv bekämpft werden. Dabei sind verschiedene Bereiche relevant:
  • Mädchen kommen seltener mit technischen Themen in Berührung als Jungs und haben dadurch weniger konkrete Vorstellungen von technischen Berufen. Deswegen werden später häufiger Berufe ausserhalb des MINT-Umfelds bevorzugt. Unternehmen können dem entgegenwirken, indem sie Einblicke in den Berufsalltag von Informatikerinnen für Schülerinnen bieten. Eine Option hierzu sind beispielsweise die "Seitenwechsel"-Angebote im Rahmen des jährlich stattfindenden nationalen Zukunftstages.
  • Viele Frauen entdecken ihre Tech-Leidenschaft erst später. Initiativen zur Unterstützung von Quereinsteigerinnen erleichtern ihnen den Einstieg in die IT. Ausserdem müssen Unternehmen es wagen, auch mal Kandidatinnen ohne entsprechenden Studienabschluss zum Interview einzuladen.
  • Im Alter zwischen 30 und 40 verlässt eion grösserer Anteil der Frauen als der Männer die IT-Branche . Ein häufiger Grund ist die fehlende Gleichberechtigung in der Unternehmenskultur. Unternehmen sind gefordert, ihre Löhne, Beförderungspraktiken sowie den allgemeinen Umgangston mit dem Ziel der Diversität zu gestalten, wenn sie ihre weiblichen Fachkräfte behalten wollen.
Als besonders wichtig sehe ich den ersten Punkt: Mädchen sollen möglichst früh und in einem geeigneten Rahmen Erfahrungen mit Technik sammeln und Vorurteile abbauen können (oder besser gar nicht aufbauen). Auch ich konnte meine ersten Technik-Erfahrungen als Schülerin machen: Ich nahm an einer Veranstaltung an der ZHAW in Winterthur teil, um gemeinsam mit anderen Mädchen sowie der Unterstützung eines Studenten einen Roboter zu bauen und so zu programmieren, dass er seinen Namen schreiben konnte. Als ich wenige Jahre später vor der Berufswahl stand, konnte ich mir unter dem Begriff «Informatik» etwas Konkretes vorstellen und habe mich für eine entsprechende Lehre entschieden.
Was können wir also tun für ein ausgeglicheneres Geschlechterverhältnis in der Informatik? Auf individueller Ebene müssen wir alle unsere eigenen Vorurteile anerkennen, reflektieren und ihnen bewusst entgegenwirken. Das beginnt bereits damit, welches Spielzeug wir unseren Kindern zur Verfügung stellen und wie wir uns als Vorbilder im Umgang mit technischen Themen verhalten. Auf Unternehmensebene müssen wir bereit sein, uns bewusst für Diversität zu entscheiden, und dürfen den nötigen Aufwand zum Aufbrechen der bestehenden Strukturen nicht scheuen. Denn nur mit dem Abbau von veralteten Vorurteilen ebnen wir den Weg in eine gleichberechtigte Zukunft.

Über die Autorin:

Iris Hunkeler arbeitet als Software Engineer und Consultant bei Netlight. Dabei unterstützt sie die Kund:innen aus verschiedenen Branchen mit eleganten technischen Lösungen bei deren täglichen Herausforderungen. Sie ist gelernte Softwareentwicklerin und studierte berufsbegleitend Wirtschaftsinformatik an der ZHAW (BSc) und FHNW (MSc). Ihre Interessen liegen in der Backend-Entwicklung, Cloud und DevOps. Als Mentorin des nationalen Förderprogramms Swiss Tecladies der SATW möchte sie ihre Begeisterung für Informatik an Mädchen weitergeben.

Zu dieser Kolumne:

SATW insights: Unter diesem Titel berichten Mitglieder der Schweizerischen Akademie der Technischen Wissenschaften SATW regelmässig für unsere Leserinnen und Leser über relevante, aktuelle Schweizer Technologie-Fragen. Die Meinung der Autoren muss sich nicht mit derjenigen von inside-it.ch decken.

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