Soko Maier: Geht Software-Entwicklung nicht auch günstiger?

25. Oktober 2023 um 08:49
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Low-Code- und No-Code-Plattformen können bei dafür geeigneten Anwendungen die Entwicklungsaufwände und Kosten signifikant senken. Sie haben aber ihre Grenzen, schreibt unsere Kolumnistin Elisabeth Maier.

Die Entwicklung von passgenau auf die Bedürfnisse einer Zielgruppe zugeschnittenen Software ist oft ein aufwändiges und somit teures Unterfangen. Der aktuelle Arbeitsmarkt verschlimmert die Situation zusätzlich. Gute Software-Entwicklerinnen und -Entwickler sind nur schwer zu finden und deshalb nicht günstig zu haben. Kein Wunder also, dass Generative AI zur automatisierten Erstellung, Verbesserung oder Ergänzung von Code in aller Munde ist. Auf der Suche nach alternativen Ansätzen findet man auch immer wieder Hinweise auf Low-Code bzw. No-Code Entwicklung. Was verbirgt sich eigentlich dahinter?
Was bedeuten Low-Code und No-Code?
Low-Code und No-Code (LCNC) sind neue Paradigmen, um Software ganz ohne oder mit geringen Programmierkenntnissen zu entwickeln. Die Unterschiede liegen im Detail:
Low-Code-Lösungen versprechen die Entwicklung von Software mit überschaubarem Programmieraufwand. Anwenderinnen und Anwender können über eine grafische Entwicklungsumgebung, zum Beispiel mittels Drag-and-Drop, vordefinierte Softwarebausteine kombinieren und konfigurieren. Diese Bausteine bilden häufig benötigte Kernfunktionalitäten ab. Für diese ersten Schritte sind keine Entwicklungskenntnisse erforderlich, der Schwerpunkt liegt vielmehr auf der Modellierung von Prozessen. Softwareentwickler kommen erst dann ins Spiel, wenn ergänzend Code für seltener auftretende Individualanforderungen benötigt wird, für welche (noch) keine Softwarebausteine existieren. Der Vorteil besteht also primär in der Geschwindigkeit, in der Anwendungen entwickelt werden können. Low-Code-Ansätze richten sich in erster Linie an Softwareentwickler bzw. IT-versierte Anwender.
Im Vergleich dazu gehen No-Code Ansätze noch einen Schritt weiter. Primär adressiert an "normale" Anwenderinnen und Anwender versprechen die Plattformen, Lösungen ganz ohne Programmierkenntnisse entwickeln zu können. Es winken die komplette Unabhängigkeit von Entwicklerinnen und Entwicklern und noch schnellere Entwicklungszyklen. Da oftmals keine Option zum Einfügen von Code besteht, bieten No-Code Ansätze jedoch noch weniger Flexibilität im Vergleich zu Low-Code.

Wo sich Low-Code und No-Code lohnt

LCNC-Technologien können Ihnen bei der Entwicklung der unterschiedlichsten Anwendungen helfen. Hierbei punkten diese Ansätze vor allem durch schnelle Entwicklungszeiten und durch die Entlastung von IT-Abteilungen. Passende Einsatzgebiete setzen jedoch einen hohen Grad an Standardisierung des zugrundeliegenden Geschäfts- oder Anwendungsfalls voraus. Zu diesen Anwendungstypen zählen unter anderem CRM-Systeme, Workflow-Tools, E-Commerce Angebote oder Online-Shops, Webauftritte oder Chatbots.

Bekannte Plattformen

Es gibt mittlerweile eine Menge unterschiedlicher LCNC-Plattformen. Die geläufigsten Vertreter mit nachgewiesenen Referenzen sind:
  • Microsoft PowerApps ist eine Low-Code-Lösung und Bestandteil von Microsoft 365 Enterprise Abonnements. Gearbeitet wird dabei in einer für Office-Anwender vertrauten Umgebung, welche grundsätzlich keine Programmierkenntnisse erfordert. Firmen ohne Entwicklerinnen und Entwickler können damit zum Beispiel selbst Apps erstellen, die Mitarbeitern und Partnern Zugriff auf einen Teil der Unternehmensdaten gewähren. Durch die Integration von OpenAI-Tools werden Anwender im ChatGPT-typischen Eingabemodus aktiv unterstützt.
  • Bei Bubble handelt es sich um eine der führenden No-Code-Entwicklungsplattformen für Webanwendungen und Apps. Über eine visuelle Entwicklungsumgebung können Nutzerinnen und Nutzer Elemente per Drag-and-Drop platzieren und so das Design ihrer App gestalten. Bubble zeichnet sich durch seine umfangreiche Funktionalität und Flexibilität aus, mittels der Benutzer sogar komplexe Anwendungen erstellen können. Die Plattform hat zudem eine aktive Community und ein Forum für den Austausch für den Austausch.
  • Make (früher Integromat) ist eine Plattform mit der Kernidee, durch die Integration verschiedenster Systeme – von Apps und Anwendungen bis hin zu Schnittstellen und Prozessschritten – Aufgaben zu verknüpfen und so Prozesse zu automatisieren und Zeit zu sparen. Daher bewirbt man das Angebot auch als "iPaaS" – "Integration Platform as a Service".
  • Flowable umfasst eine Low-Code Plattform für Business Process Management (BPM) und Workflow-Automatisierung. Nutzerinnen und Nutzer entwickeln mit der auf Open Source und offenen Standards basierten Technologie Modelle und Anwendungen, die sich den Anforderungen ihres Unternehmens anpassen. Dank der offenen Architektur kann Flowable einfach in jede IT-Landschaft integriert werden. Flowable ist ideal für Unternehmen, die ihre Geschäftsprozesse effizienter gestalten möchten.

Nutzen und Grenzen

Wer sich schon einmal mit dem Aufbau einer eigenen Website mit einer Baukasten-Lösung auseinandergesetzt hat, weiss wahrscheinlich, wo der Haken bei  LCNC-Lösungen liegt: Sie sind stark limitiert im Hinblick auf ihre Flexibilität – vor allem, wenn im Laufe der Zeit zusätzliche, anspruchsvolle Anforderungen umgesetzt werden müssen. Zum Beispiel, wenn das System an neue, zunächst nicht vorgesehene, Vorgaben angepasst werden muss, oder aber, wenn eine Applikation in eine komplexe Infrastruktur integriert werden muss.
Hinzu kommt, dass LCNC-Plattformen bei grossen Projekten selten die erforderliche Skalierbarkeit ermöglichen. Unabhängigkeit von Entwicklerinnen und Entwicklern wird durch eine starke Abhängigkeit von der gewählten Plattform bzw. dem Plattform-Anbieter erkauft. Ist es mit den Vorteilen und Effizienzen bei Low-Code- beziehungsweise No-Code-Ansätzen also doch nicht so weit her?
Wie schon viele Male in dieser Kolumne komme ich auch in diesem Fall zum Schluss, dass Sie den Nutzen selbst einschätzen und beeinflussen können. No-Code- und Low-Code-Ansätze sind dann das Mittel der Wahl, wenn Sie …
  • … schnell und kostengünstig einen funktionalen Prototyp benötigen (z.B. als illustrative Grundlage für die Konzeption eines komplexeren Systems), oder
  • … eine Übergangslösung benötigen, um auszuloten, auf welche Art eine Verknüpfung künftig ausgestaltet werden muss, damit die Investition in die umfangreichere Implementierung durch deren Einsatz besser vorbereitet werden kann.
Low-Code- und No-Code-Plattformen können bei dafür geeigneten Anwendungen die Entwicklungsaufwände und Kosten signifikant senken. Das liegt unter anderem daran, dass auch IT-versierte Business-Expertinnen und -Experten erstaunlich gute Ergebnisse erzielen können. Bei anspruchsvolleren Anwendungen stossen diese mit aber an die Grenzen des Einsatzes der LCNC-Plattform. In einem solchen Fall stehen sie vor den Alternativen einer Ablösung des Systems oder der Erweiterung der Lösung durch qualifizierte Entwicklerinnen und Entwickler.
Soko Maier ist die Software-Kolumne von inside-it.ch. Hier schreibt Karakun-CEO Elisabeth Maier regelmässig über Themen rund um Software und Programmiersprachen.

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