Südkorea steckt 420 Milliarden in Chip-Industrie

29. Juni 2026 um 12:46
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Foto: Daniel Bernard / Unsplash

Samsung Electronics und SK Hynix sollen nach dem Willen von Präsident Lee Jae Myung im Südwesten des Landes neue Chipfabriken für umgerechnet 420 Milliarden Franken bauen.

Im globalen Wettbewerb um die Technologieführerschaft hat Südkorea einen Investitionsplan im dreistelligen Milliardenbereich vorgelegt, um seine Zukunft als zentrale KI-Macht zu sichern. So soll im Südwesten des Landes mit Hilfe von Unternehmensinvestitionen in Höhe von umgerechnet rund 420 Milliarden Franken ein neues Halbleiterökosystem entstehen, wie Präsident Lee Jae Myung in Seoul ankündigte. Demnach werden die führenden Tech-Konzerne Samsung Electronics und SK Hynix jeweils zwei neue Chipfabriken errichten. Ebenso sollen Investitionen in Rechenzentren und Robotik folgen.
Bislang dominieren US-Konzerne wie Nvidia, AMD und Broadcom den Markt der Chips für KI-Rechenzentren. Sie lassen in grossem Umfang ihre Halbleiter bei der Taiwan Semiconductor Manufacturing Company (TSMC) herstellen. Anbieter aus Südkorea sind vor allem stark im Bereich der Hochleistungsspeicher, die auch in KI-Rechenzentren verwendet werden.
"Wir starten ein neues Kapitel in der Geschichte Koreas", sagte Präsident Lee: "Wir müssen uns die Schlüsselelemente der Künstlichen Intelligenz schneller sichern als jedes andere Land." Der industriepolitische Plan soll Südkorea von einem der führenden Produktionsstandorte für Halbleiter zusätzlich zu einem globalen Akteur im Bereich KI transformieren, wie Südkoreas amtliche Nachrichtenagentur berichtete.

Südkorea zwischen China und USA

Das Projekt wird auch als Versuch Südkoreas gewertet, sich im Zuge des verschärfenden Technologiewettbewerbs zwischen den zwei Weltmächten USA und China behaupten zu können. Sowohl Washington als auch Peking investieren derzeit Milliardensummen, um sich als führende Macht im Bereich KI zu etablieren und globale Standards setzen zu können.
Für Südkorea entstehen dadurch auch Chancen: Grosse Teile der internationalen Staatengemeinschaft dürften ein starkes Interesse daran haben, dass Zukunftsbranchen wie KI weder von den Vereinigten Staaten noch der Volksrepublik China dominiert werden. Seoul möchte sich als alternative Tech-Nation zu den zwei Weltmächten positionieren.
Doch bislang existiert der kühne Plan von Präsident Lee Jae Myung vor allem rhetorisch. "Die heutige Präsentation war eher eine Zukunftsvision als ein konkreter Investitionsplan", sagte Yang Jun Sok, Wirtschaftsprofessor an der Catholic University of Korea, dem Fernsehsender 'Arirang'. Laut dem Ökonomen Yang fehle es noch an konkreten Zahlen und Daten, die jedoch bald folgen dürften. Unklar ist etwa, in welchem Zeitraum die Chipfabriken gebaut werden sollen.

Speicherchip-Produktion verdoppeln

Zweifelsohne jedoch hat Präsident Lee das Projekt, Südkoreas technologische Infrastruktur zukunftsfähig zu machen, zur Chefsache erklärt. Laut Angaben der Regierung strebt man etwa an, dass die Unternehmen des Landes ihre Kapazitäten für die Produktion von DRAM-Speicherchips in den nächsten fünf Jahren verdoppeln werden. Samsung Electronics und SK Hynix sind die weltweit grössten Produzenten von Speicherchips und haben im Zuge des KI-Booms von einer massiv gestiegenen Nachfrage profitiert. SK Hynix ist der wichtigste Zulieferer von Speicherchips für den US-Marktführer Nvidia.
Die rasante Entwicklung lässt sich insbesondere an der Börse ablesen. Der südkoreanische Leitindex Kospi zählt trotz hoher Volatilität seit letztem Jahr zum erfolgreichsten unter allen grossen Leitindizes weltweit. Und der Erfolg wird vor allem von den Kursexplosionen von Samsung Electronics und SK Hynix getragen. Allein seit Jahresbeginn ist der Aktienkurs von SK Hynix um rund 300% gestiegen.

Junge Arbeitslose und schlechte Stimmung

Doch die riesige Fokussierung der Volkswirtschaft auf die Halbleiterbranche hat in Südkorea auch eine öffentliche Debatte über eine gerechte Verteilung des Erfolgs ausgelöst. Denn während einige wenige Unternehmen Rekordgewinne einfahren und auch bisher nie erreichte Jahresboni an ihre Mitarbeitenden auszahlen, entwickeln sich weite Teile der südkoreanischen Volkswirtschaft eher schleppend und profitieren praktisch nicht vom KI-Boom.
Ganz im Gegenteil: Der Siegeszug von KI wird auch mit dafür verantwortlich gemacht, dass junge Südkoreanerinnen und Südkoreaner es derzeit schwer haben, einen Eintritt in den Arbeitsmarkt zu finden. Die Arbeitslosigkeit für unter 30-Jährige ist zuletzt gestiegen und befindet sich bei 7,2%.
Dass der südkoreanische Präsident einen weitgehend aus Firmengeldern bestehenden Investitionsplan vorstellt, der die zwei konkurrierenden Chip-Produzenten des Landes versammelt, mag auf den ersten Blick überraschen. Doch in Südkorea herrscht seit jeher eine symbiotische Beziehung zwischen Regierung und den Grosskonzernen, die von wechselseitigen Loyalitäten profitieren. Während Samsung Electronics und SK Hynix dem Investitionsaufruf von Präsident Lee folgen, dürfen sie im Gegenzug vereinfachte Regulierungen und Sondergenehmigungen beim Bau ihrer Chipfabriken erwarten.
Hinzu kommt, dass der 62-jährige Lee Jae Myung derzeit unter den niedrigsten Umfragewerten seit Beginn seiner gut einjährigen Amtszeit leidet. Daher dürfte er besonders motiviert sein, der südkoreanischen Öffentlichkeit eine pompös inszenierte Vision für die Zukunft des Landes zu präsentieren.

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