Von Hensch zu Mensch: Die Geheimsprache der PR-Leute

13. September 2022, 07:30
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Wenn Firmen Mühe bekunden, ihre Mitarbeitenden passend zu beschreiben.

Eine der beliebtesten Ratgeberkolumnen in den Mainstream-Medien, aber auch in Fachmagazinen, segelt unter dem Titel "Geheimsprache der Personalchefs" und widmet sich in sonst nachrichtenarmen Zeiten den versteckten Codes, welche Personalverantwortliche in Arbeitszeugnissen verstecken sollen. Und so sind wir uns nun alle bewusst, dass eine Arbeitsleistung "zur vollen Zufriedenheit" des Arbeitgebers eine schlimme Abwertung darstellt, da es bei wirklich guten Zeugnissen zur "vollsten" Zufriedenheit heissen müsste. Noch tödlicher ist die Formulierung, wonach sich ein Mitarbeitender "stets bemüht" habe, womit klar ist, dass er es eben nie geschafft hat. Und jemand, der "für die Belange seiner Mitarbeiterinnen immer viel Einfühlungsvermögen" zeigte, ist mindestens ein Schürzenjäger – wenn nicht Schlimmeres.

Abgänge sind kein Problem

Versteckte Codes kann es allerdings auch in anderen Bereichen geben. So untersuchte ich die mir näherstehende Unternehmenskommunikation auf solche geheimen Botschaften. Denn wenn jemand geht, muss dies auch intern und öffentlich kommuniziert werden, spätestens dann, wenn die Nachfolge bekannt gegeben wird. Allerdings muss man hier gar nicht erst zur Geheimsprache greifen, gibt es doch zwei Formulierungen, mit denen jede öffentliche Qualifikation der ausscheidenden Person durch den Arbeitgeber vermieden werden kann: Die Trennung im "gegenseitigen Einvernehmen", wobei "Stillschweigen" vereinbart wurde. Eine interessante Variante ist das "positive Einvernehmen", kürzlich bei inside-it.ch gesichtet. Für Aussenstehende bedeutet es in der Regel, dass der Ausscheidende zwar nicht länger erwünscht ist, dass er aber so viel weiss oder so viel verbrochen hat, dass jede Aussage zu seiner Person unweigerlich zu einem Reputationsverlust für das Unternehmen führen würde.

Neuzugänge richtig vorstellen

Anders ist es jedoch bei Einstellungen oder Beförderungen. Hier geht es darum, der entsprechenden Person mit den blumigsten Worten Vorschusslorbeeren zu geben, um als Unternehmen gut dazustehen. Nur leider geben es die Lebensläufe der Personen nicht immer her – gerade in Zeiten der Personalknappheit muss man sich auch mal mit zweiklassigen Kandidaten zufriedengeben, damit der Laden weiterläuft. Blanke Lügen sind in Zeiten des Internets keine Option, also ist Kreativität gefragt.
"Nach längeren Studien an verschiedenen Universitäten im In- und Ausland …", kann zum Beispiel darauf hinweisen, dass die Person in der Schweiz alle Prüfungen versemmelt hat und es auch andernorts nicht schaffte, einen Abschluss zu erreichen.
"Für das Digitalisierungs-Ökosystem bringt er langjährige Expertise im Bereich Customer Communications mit", bedeutet vielleicht, dass die Person nicht viel mehr geleistet hat, als in einem Call-Center Versicherungen zu verkaufen.
"Er hat seine Leitungsfunktion abgegeben, steht aber dem Unternehmen weiterhin als Berater zur Verfügung", heisst wohl im Klartext, dass der Mensch ein lausiger Chef war, aber so viel über das Business weiss, dass man nicht auf sein Know-how verzichten kann.
"Insgesamt hat sie 20 Jahre Berufserfahrung in zahlreichen Positionen", ist eventuell ein Hinweis darauf, dass sie als Job Hopperin nirgends richtig Fuss gefasst hat. Womit in Kürze die nächste Medienmitteilung aus dem gleichen Haus zu erwarten ist …

Wenn alles nichts hilft

Aber manchmal ist Hopfen und Malz verloren und so bleiben in den PR-Texten noch solche Formulierungen: "Er hat nachweislich Ergebnisse erzielt, indem er digitale Plattformen genutzt hat, …" oder "Diverse Praktika in der Unternehmens- und Geschäftsentwicklung." Zum Schluss noch: "Hier ist er beispielsweise an der Entwicklung der SwissCovid-App beteiligt gewesen."
Die Frage stellt sich natürlich, wie Redaktionen auf solche Formulierungen reagieren. Dies lässt sich ganz einfach nachprüfen, da ich obige Beispiele 2022 bei inside-it.ch gefunden habe. Nun, bei diesem Medium zumindest, dokumentieren die Journalistinnen und Journalisten die Relativität solcher Aussagen durchaus, indem sie die PR-Sprüche konsequent in den Konjunktiv setzen und sich so davon distanzieren. Oder sie weisen in Klammern darauf hin, dass die im obigen Absatz erwähnte Pandemie-App krachend gescheitert ist.
Jean-Marc Hensch ist seit 2012 Kolumnist von inside-it.ch und inside-channels.ch. Als Verwaltungsrat, Startup-Investor und Coach ist er in der ICT- sowie in weiteren Branchen engagiert. Er äussert hier seine persönliche Meinung und twittert als @sosicles.

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