Von Hensch zu Mensch: Jetzt werde ich mal energisch

11. Oktober 2022, 08:48
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Die Schweizer Energiepolitik schwankt gegenwärtig zwischen Doomsday-Szenarien und Leugnung des Problems.

Mittlerweile sprechen alle über die Energiekrise in unserem Land. Also auch ich. Es ist allerdings unbegreiflich, wieso das Thema erst jetzt die Öffentlichkeit erreicht hat. Schon seit mehreren Jahren zeichnet sich Strommangel ab – die zuständige Behörde Elcom hat schon vor vier Jahren sehr energisch darauf hingewiesen. Allerdings haben Exekutiven und Parlamente dies geflissentlich überhört, und auch die Medien haben es als Panikmache abgetan. Schon klar: Es passte nicht ins Narrativ des Atomausstiegs und der Priorisierung der erneuerbaren Energien.
Selbst nach dem 24. Februar haben viele das Problem kleingeredet. Doch jetzt plötzlich kann man angesichts des nahenden Winters auch in der Tagespresse nachlesen, was passiert, wenn es zum Blackout kommt. Mich persönlich durchgerüttelt haben zwei Erlebnisse: Vor einem Monat gingen bei uns im ganzen Quartier in Zürich gegen Abend die Lichter aus – für sage und schreibe drei Stunden. Und vor ein paar Tagen befand ich mich an der US-Ostküste im Auge des Hurrikans Ian und sah aus dem Fenster, wie die tobenden Elemente an den überirdisch verlegten Stromleitungen zerrten. Zum Glück ging alles gut.
Das Problem bei der Energiepolitik ist, dass sie alle Branchen ganz massiv betrifft. Gerade wir in der ICT-Wirtschaft sind derart abhängig von Strom, dass wir uns unter allen Umständen für eine konsistente und tragfähige Energiepolitik einsetzen müssen. Ich wünschte mir daher, dass die entsprechenden Verbände hier stärkere Akzente setzen würden. Wir dürfen das Thema keinesfalls den Energieversorgern und -importeuren allein überlassen, welche sich vor allem um ihre eigene Kasse sorgen.

Elektrizität ist nicht alles

Wenn von Energie gesprochen wird, meint man in der Schweiz sehr oft nur Elektrizität. Wir sind dann sehr stolz auf unsere weitgehend CO2-freie Stromproduktion. Weil Strom jedoch nur 25% des gesamten Energieverbrauchs ausmacht und der Rest in hohem Mass aus fossilen Quellen stammt, ist weniger als ein Drittel der Energie hierzulande CO2-frei. Und auch bei der Elektrizität ist nicht alles eitel Sonnenschein, denn im Winter importieren wir massiv Kohlestrom aus Deutschland.
Strom ist die effizienteste polyvalent einsetzbare Energieform, doch sie kommt nicht in der Natur vor und muss daher zuerst produziert werden. Mittlerweile ist zum Beispiel allen klar geworden, dass Gas für die Stromproduktion in Europa zentral ist. Ganz generell hängen die Energiemärkte zusammen: Wenn der Ölpreis steigt, wird auch dessen Substitutionsenergie Gas teurer, womit auch der Kohlepreis steigt, und dann der Preis für Brennholz ebenfalls (was sich dann sogar auf Bauholz auswirken kann). Dies wird sich im Verlauf der Zeit ändern, aber erst, wenn erneuerbare Energie den Markt für Gesamtenergie wirklich dominiert und das Problem der Speicherung von Strom spürbar besser gelöst ist.
Damit komme ich zum Problem der internationalen Abhängigkeiten. Ein national autarkes Energiesystem ist zwar theoretisch auf der Basis rein erneuerbarer Energien möglich, würde aber eine massive Skalierung der Produktionsmittel bedingen. Eine Vervielfältigung der Anlagen stösst jedoch an Grenzen bezüglich Akzeptanz. Schon heute wird beklagt, dass Solaranlagen oder höhere Staumauern die Alpen verschandeln, dass Windräder Bergkämme verunzieren und Vögel zerhacken, oder dass Tiefengeothermie die Erdbebengefahr erhöht und Grundwasserströme beschädigt. Immerhin beweisen die Entscheide des Parlaments der letzten Tage, dass Bewegung in die Sache kommt und man endlich den Ernst der Lage erkannt hat.

Schlechtere CO2-Bilanz kurzfristig verschmerzbar

Natürlich müssen wir in Wirtschaft und Privathaushalten massiv sparen. Aber das wird nicht reichen. Die Schweizer Politik muss die ideologischen Scheuklappen ablegen, um dem drohenden Energiemangel zu begegnen. Dies bedeutet, dass in dieser aktuell kritischen Zeit sicher keine laufenden Kernkraftwerke heruntergefahren werden dürfen, wie es in Deutschland diskutiert wird (und wie wir es leider in der Schweiz schon getan haben). Es bedeutet auch, dass wir das Notkraftwerk im Kanton Aargau erstellen und in Bereitschaft halten müssen und dass bei Bedarf auch Abstriche bei den Restwassermengen möglich sein sollten.
Wir werden damit in den nächsten ein, zwei Jahren eine schlechtere CO2-Bilanz aufweisen. Dies ist nicht gut, aber nötig und auch verschmerzbar, denn der aktuelle Energieschock insbesondere beim Gas sowie die allgemeine Erhöhung der Energiepreise werden dazu führen, dass die erneuerbaren Energien massiv Marktanteile gewinnen und sich unsere Klimabilanz sehr rasch deutlich verbessern wird.

Was soll die ICT-Branche tun?

Für mich ist auch klar, dass Energieschleudern wie Bitcoin bzw. alle Kryptowährungen auf der Basis von Proof of Work keine Zukunft haben können. Natürlich betrifft die aktuelle Energiekrise primär "nur" Europa, aber die Auswirkungen auf andere Kontinente und insbesondere auf Entwicklungsländer werden nicht auf sich warten lassen.
Damit bleibt die Frage, was die ICT-Unternehmen neben dem politischen Einsatz ihrer Verbände noch tun können. Es ist sicher begrüssenswert, dass die grossen Cloud-Anbieter über sehr gute Notstromversorgungen verfügen. Aber damit ist es nicht getan: Jedes ICT-Unternehmen muss sich schnellstens überlegen, was es selbst und bei seinen Kunden unternehmen kann, um Energie einzusparen oder effizienter zu nutzen. Dies gehört zwar auf die Traktandenliste jeder Unternehmensleitung, aber unsere Branche ist ganz besonders herausgefordert.
Jean-Marc Hensch ist seit 2012 Kolumnist von inside-it.ch und inside-channels.ch. Als Verwaltungsrat, Startup-Investor und Coach ist er in der ICT- sowie in weiteren Branchen engagiert. Er äussert hier seine persönliche Meinung und twittert als @sosicles.

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