Vor 40 Jahren: Der PC sticht Andropov, Reagan und Thatcher aus

23. Dezember 2022, 12:58
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Der frisch gewählte Zürcher Stadtrat Willy Küng freut sich 1982 über die PCs in der Verwaltung. Foto: ETH-Bibliothek Zürich, Bildarchiv / Fotograf: Comet Photo AG (Zürich) / Com_LC1500-0440-002 / CC BY-SA 4.0

1982 kürte das Magazin 'Time' erstmals keine Person des Jahres, sondern eine "Machine of the Year". Die Prophezeiung "der Personal Computer zieht ein" sollte sich in Vielem bewahrheiten.

Kurz nach seiner Gründung 1923 begann das US-Magazin 'Time', zum Jahresende einen "Man of the Year" zu ernennen und aufs Titelblatt zu setzen. Jeder US-Präsident schaffte es mindestens einmal, unzählige andere, männliche Politiker ebenso. Eine "Woman of the Year" gab es mit Wallis Simpson (1936) und Queen Elizabeth II (1952) bis 1982 nur zweimal. Manchmal wurden auch Gruppen wie die Baby-Boomer, US-Wissenschaftler oder "American Women" aufs Titelblatt gesetzt. Doch am 26. Dezember 1982 passierte Historisches.
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Screenshot: Time.
Erstmals trug die 'Time'-Jahresendausgabe den Titel "Machine of the Year". Man hätte auch US-Präsident Ronald Reagan, KPdSU-Generalsekretär Juri Andropow, die britische Premierministerin Margaret Thatcher oder das Baby Prinz William wählen können, hiess es in der Einleitung zum Magazin-Sonderteil. Aber, "eine neue Welt bricht an – der Personal Computer zieht ein", argumentierte die Redaktion.
Commodore-Werbung 1982. Video: Youtube.

Die PC-Verkäufe verdoppelten sich jährlich

Die rapide steigenden PC-Verkäufe waren ein Argument: 1980 wurden in den USA 724'000 Personal Computer abgesetzt. Seither hatte sich die Zahl jedes Jahr verdoppelt. Am Ende des Jahrhunderts würden 80 Millionen Geräte in den USA in Gebrauch sein. Bei dieser Prognose täuschte sich das Magazin. Laut einer Erhebung waren es im Jahr 2000 dann fast 170 Millionen. Mit anderen Voraussagen lag 'Time' aber sehr richtig.
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Kassette mit PLATO-Programm.
Erschwingliche Software verspreche einen fast grenzenlosen Markt. Also "all jene vorbespielten Programme, die dem willigen, aber geistlosen Computer sagen, was er zu tun hat", erklärte 'Time' die Software-Funktionsweise. "Diese Discs und Kassetten reichen von John Wiley & Sons' Investement-Analyseprogramm für $59,95 (einige kosten bis zu $5'000) über die PLATO-Programme von Control Data, die Spanisch oder Physik lehren ($45 für die erste Lektion, $35 für die folgenden), bis hin zu einer Fülle von Weltraumkriegen, Schatzsuchen und anderen elektronischen Spielen."
Werbung für den TI 99 von Texas Instruments, 1982. Video: Youtube.

Die bedauernswerten "Gweeps" an den Maschinen

Der PC ist an sich schon eine Maschine mit beeindruckenden Fähigkeiten, war weiter zu lesen, "für die Erstellung von Tabellen, Modellierung oder Aufzeichnung". Diese Fähigkeiten könnten fast unbegrenzt vervielfacht werden durch den Anschluss an ein Netz von anderen Computern. "Dies geschieht im Allgemeinen durch den Anschluss eines Tischgeräts an eine Telefonleitung (auch Zweiwgekabel und Erdsatelliten kommen zum Einsatz). Man kann dann eine elektronische Datenbank anwählen, die nicht nur alle möglichen Informationen liefert, sondern auch Nachrichten sammelt und weiterleitet: die elektronische Post." Noch ohne entsprechende Bezeichnung sah 'Time' schon den Massengebrauch von E-Mails und Internet voraus.
Ergänzt wurden diese Betrachtungen zur neuen PC-Weltordnung und dem Anbrechen des Informationszeitalters mit Artikeln zur Computer-Geschichte und mit einer Kurzanleitung zum Programmieren. Auch mit "Glork! A Glossary for Gweeps": Was versteckt sich hinter "Cuspy", "DWIM" oder "Gweep"? Letzteres steht für einen Hacker, der unter Überarbeitung leidet. Ein IT-Problem, das in den kommenden Jahren stark zunehmen sollte. Wobei der Begriff Hacker damals noch durchwegs positiv konnotiert war. Nachzulesen ist das alles im 'Time'-Archiv.
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Screenshot: Time.

Steve Jobs dachte, er sei "Man of the Year"

Auch über einen jungen, aufstrebenden IT-Unternehmer schrieb das Magazin: Steve Jobs. Es kündigte an, dass von Apple wohl Revolutionäres zu erwarten sei. Was mit den Modellen "Lisa" und "Mackintosh", welche die Maus mit einer grafischen Benutzeroberfläche verbanden, auch bald eintraf. Jobs, so eine Anekdote, sei allerdings sehr enttäuscht gewesen, als er im Dezember 1982 das druckfrische Heft zugeschickt bekam. Nach dem ausgedehnten Besuch des 'Time'-Journalisten hätte er erwartet, "Man of the Year" zu werden. Immerhin: Er hatte es schon im Februar 1982 auf das Cover einer normalen Ausgabe geschafft. Bill Gates gelang dies erst im April 1984.
Werbung für den Apple Lisa, 1983. Video: Youtube
Die 'Time'-PC-Ausgabe machte Eindruck, wie sich danach in den Leserzuschriften zeigte. Die Kommentare gingen von ironisch, sarkastisch über euphorisch bis zu schwer empört. "Wenn Maschinen Auszeichnungen erhalten, klatschen dann andere Maschinen?", fragte ein Leser. Eine "Abscheulichkeit" sei das Heft gewesen, schrieb ein anderer. Zum ersten Mal sei er mit der Wahl zum Jahresende einverstanden, freute sich ein dritter. "Computer sind da, um zu bleiben und das Leben zu verbessern." Tatsächlich, die "willigen, aber geistlosen" Geräte waren eingezogen und hatten sich gleich mal ein Mietrecht für ewig gesichert.
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Marc Benioff (vorne).
Zum Schluss eine Notiz am Rande der Geschichte: Am 3. März 2023 feiert 'Time' seinen hundertsten Geburtstag. Den Birthday-Cake anschneiden und die Kerzen ausblasen wird dann ein IT-Unternehmer. Seit 4 Jahren gehört das Magazin Salesforce-Mitgründer Marc Benioff. Seine Ehefrau Lynn und er haben es Ende 2018 für 190 Millionen US-Dollar gekauft.

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