Arbeitnehmende in der ICT-Branche brauchen mehr transparente Informationen zu Chancen und Risiken von KI – sie beeinflusst nämlich direkt ihren Arbeitsalltag. Laut einer Studie von Ecoplan im Auftrag von Syndicom verändern sich zwar die einzelnen Tätigkeiten, die bisher noch schwer zu automatisieren waren, aber nicht der Beruf an sich. Auch wenn die Technologien viele Prozesse vereinfachen, würden gleichzeitig komplexere und anspruchsvollere Aufgaben die Anforderungen kontinuierlich steigern. Davon seien vor allem Unternehmen betroffen, die digitale Technologien und KI-Anwendungen entwickeln, integrieren oder betreiben und sie selbst in eigenen Arbeitsprozessen einsetzen.
Laut Syndicom soll KI nicht nur den Unternehmen nutzen. Auch die Arbeitnehmenden, die den digitalen Wandel mittragen, sollen genug ausgebildet und informiert werden sowie fair von den erzielten Effizienzgewinnen profitieren und über ihre Arbeitsbedingungen mitbestimmen dürfen. Die Ergebnisse der Studie zeigen die Auswirkung von KI aus Sicht der Mitarbeitenden.
Weiterbildung und Mitspracherecht erwünscht
Im Zentrum stehe nach wie vor Fachwissen, Urteilsfähigkeit und kontinuierliches Lernen. Deshalb würden Mitarbeitende und Syndicom unter anderem mehr Aus- und Weiterbildungsmöglichkeiten verlangen. Denn bisher eignen sich laut der Studie 87% der Befragten ihr Wissen und Fähigkeiten im Umgang mit KI durch Ausprobieren bei der Arbeit an. Zudem sei der Wunsch da, an Workshops und Kursen während der Arbeitszeiten teilzunehmen und sich gezielt auf neue oder veränderte berufliche Rollen im Zusammenhang mit KI vorbereiten zu können.
Die Studie zeigt zudem, dass viele Befragte grossen Wert auf Mitwirkungsmöglichkeiten zum Umgang mit KI legen: Wenn KI-Anwendungen sie direkt betreffen, ist es für 71% sehr oder eher wichtig, dass die Sozialpartner einbezogen werden. Und 74% wünschen sich Mitwirkungsmöglichkeiten wie Feedback-Runden und die Mitgestaltung von KI-Prozessen.
Die zunehmende Arbeitsverdichtung durch Digitalisierung und KI führe zu Entlastungsmassnahmen wie Arbeitszeitverkürzungen. Deshalb gewinnt der Schutz der Arbeitsplätze und faire Arbeitsbedingungen immer mehr an Wichtigkeit. "Der Einsatz von KI muss sozialverträglich erfolgen und die Interessen der Arbeitnehmenden ins Zentrum stellen", meint Carol Ghiggi, ICT-Zentralsekretärin bei Syndicom.
Klare Regeln und Informationen erforderlich
Viele Unternehmen haben bereits Regeln für den Einsatz von KI. Gleichzeitig nutzen Mitarbeitende aber auch externe, selbst gewählte Tools. Die tatsächliche Nutzung von KI lasse sich deshalb nicht auf die offiziell vom Unternehmen bereitgestellten Werkzeuge beschränken. Ob diese zusätzliche Nutzung erlaubt ist oder gegen interne Vorgaben verstösst, wurde in der Studie nicht untersucht. Die befragten Führungskräfte nennen Datenschutz und Compliance, den Schutz vertraulicher Informationen, die Sensibilisierung der Mitarbeitenden sowie die Qualitätssicherung als grösste Herausforderungen.
Für die Beschäftigten geht es um mehr als um geeignete Tools und klare Regeln. Besonders wichtig seien ihnen transparente Informationen über Chancen und Risiken von KI sowie rechtliche und ethische Leitplanken. Dazu fordert Syndicom gezielte Bestimmungen zu den Rechten der Arbeitnehmenden sowie zu den Pflichten der Betriebe in Bezug auf KI-Fehler und Datenschutz. Diese sollen in Gesamtarbeitsverträgen und betrieblichen Regelwerken festgehalten werden. "Die Verantwortung für KI-Fehler darf nicht einseitig auf die Arbeitnehmenden abgewälzt werden. Eine persönliche Verantwortung darf nur dann geltend gemacht werden, wenn Arbeitnehmende ausreichend Zeit, die notwendigen Informationen und die realistische Möglichkeit hatten, die Ergebnisse der KI zu überprüfen", heisst es in der Mitteilung.
Austausch zwischen Gewerkschaft und Branche
Zu diesem Thema lud Syndicom Vertreterinnen und Vertretern von Swisscom, Sunrise und Microsoft zu einer Diskussion in Bern ein. Die ICT-Branche und Syndicom sind sich laut Mitteilung einig: Angesichts der derzeit fehlenden gesetzlichen Regelungen und des wachsenden Einflusses von KI sei der Austausch unter Sozialpartnern essenziell, um die nötigen betrieblichen Regelungen festzulegen und um eine klare Kommunikation in den Betrieben zu gewähren.
Laut Anne-Thérèse Morel, Head of B2O Operations & Executive Vice President bei Swisscom B2B, setzt Swisscom KI nach klaren Datenschutz-, Ethik- und Governance-Grundsätzen ein und legt Wert auf Transparenz gegenüber Kundinnen und Kunden sowie Mitarbeitenden. Weiterbildung, Umschulung und ein sozialverträglicher Übergang, damit Mitarbeitende die Transformation aktiv mitgestalten können, würden dabei auch eine wichtige Rolle spielen.
Sunrise hingegen lege den Fokus auf das eigenständige Testen neuer Technologien, das smarte Arbeiten und das Erschliessen neuer Potenziale, erklärt Andreas Gertsch, Vice President Consumer Platforms, Sunrise. "Neben adäquaten Tools und gezielten Trainings ist vor allem die Entwicklung eines kritischen Urteilsvermögens entscheidend: Die Fähigkeit, Ergebnisse zu hinterfragen, ihre Belastbarkeit zu prüfen und sie verantwortungsvoll in die Praxis zu übertragen, macht den Unterschied."