Die von der Bundeskanzlei durchgeführte Machbarkeitsstudie zeigt, dass quelloffene Arbeitsplatzsoftware für definierte Anwendungszwecke der Bundesverwaltung tragbar wäre. Auf der Grundlage des PoC BOSS (Proof of Concept für eine Büroautomation mit Open-Source-Software) lanciert die Kanzlei ein souveränes Programm für einen sicheren digitalen Arbeitsplatz, wie es in einer Mitteilung heisst.
Die neue Arbeitsplatzsoftware werde Office-Kernfunktionen wie E-Mail, Kalender, Dokumente und Präsentationen, Telefonie sowie Audio- und Videokonferenzen beinhalten. Damit soll sie als eigenständige Lösung bereitstehen und parallel neben Microsoft 365 betrieben werden. Laut Mitteilung richtet sich das Programm an ausgewählte Mitarbeitende aus verschiedenen Departementen und der Bundeskanzlei, die in besonders kritischen Geschäftsprozessen tätig sind. Bis Ende 2027 soll es dann für rund 3000 Nutzerinnen und Nutzer bereitstehen, wie es weiter heisst.
Die Bundeskanzlei schätzt die Kosten für die erste Phase des Programms auf 9 Millionen Franken. Das Geld hat das Parlament bereits für den Aufbau einer Schweizer Open-Source-Plattform für die Büroautomation bewilligt. Die Erkenntnisse dieser ersten Phase sollen zeigen, ob sich die Plattform für einen breiteren Einsatz in der Bundesverwaltung eignet und welche Kosten damit verbunden wären.
Mit dem Projekt will der Bund seine Abhängigkeit von einzelnen Softwareanbietern verringern. Dadurch sollen die digitale Souveränität und Resilienz insbesondere für Krisenfälle gezielt gestärkt und die Handlungsfähigkeit gesichert werden. Der Bundesrat hat die digitale Souveränität deshalb für
2026 zu einem Schwerpunkt der Strategie Digitale Schweiz gemacht.
Machbar, aber aufwendig
Für die Machbarkeitsstudie haben 172 Mitarbeitende aus verschiedenen Departementen eine Open-Source-Lösung getestet. Besonders gut bewertet wurden die Funktionen für Dokumentbearbeitung, Dateiablage, Zusammenarbeit sowie E-Mail und Kalender. Für zentrale Standardaufgaben ist die getestete Browserlösung grundsätzlich geeignet, so die Bundeskanzlei. Auch als Notfalllösung bei einem Ausfall von Microsoft 365 könne sie dienen.
Der Test zeige allerdings auch Schwachstellen: Bei grossen Videokonferenzen mit echter Ende-zu-Ende-Verschlüsselung, tiefen Integrationen in bestehende Fachanwendungen, M365‑spezifischen Automatisierungslogiken und der breiten Linux-Tauglichkeit zentraler Fachkomponenten stösst die Lösung derzeit an ihre Grenzen. Zudem wäre ein vollständiger Umstieg mit erheblichem organisatorischen und finanziellen Aufwand verbunden. Die Plattform müsse weiterentwickelt, Sicherheitsfragen müssten geklärt und zusätzliches Know-how angeeignet werden.
Ob die Bundesverwaltung ihren Arbeitsplatz künftig tatsächlich vollständig auf eine souveräne Lösung umstellen will, ist deshalb noch offen. Eine der grössten Hürden seien die zahlreichen Applikationen und Fachanwendungen, die eng mit der Microsoft-Architektur verbunden sind. Die neue Plattform soll nun zeigen, wie weit sich diese Abhängigkeiten reduzieren lassen.