Das Gesicht als Boarding-Karte bei der Swiss

27. April 2023 um 10:35
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Werbebild der Firma Sita für ein Projekt am Flughafen in Peking.

"Your Face is your Boarding Pass", wirbt die Genfer Firma Sita. In den USA werden ihre Systeme bereits breit eingesetzt – auch für Swiss-Flüge.

Oliver Bendel staunte nicht schlecht, als er am Flughafen von San Francisco ins Flugzeug der Swiss einsteigen wollte. Auf dem Rückflug nach Zürich musste der Informatik-Professor der Fachhochschule Nordwestschweiz vor ein Gesichtserkennungssystem treten und seine biometrischen Merkmale erfassen lassen. Bendel liess sich widerwillig abfotografieren, um ins Flugzeug zu gelangen.
Auf eine Anfrage beim Kundendienst hiess es von Swiss: Das Facial Recognition System sei nicht obligatorisch, ein Mitarbeiter könne den Check auf Nachfrage auch manuell durchführen. Ein Hinweis auf einen alternativen Boarding-Prozess ohne die Gesichtserkennung habe aber gefehlt, sagt Bendel zu inside-it.ch. Auch habe er keine Informationen darüber erhalten, was mit seinen persönlichen Daten geschehe.
Die Fluggesellschaft relativiert den Prozess auf Anfrage. "Eine allfällige Gesichtserkennung beim Boarding in den USA findet unabhängig von Swiss und Star Alliance statt und läuft über die dort zuständigen Behörden, die bei einer Einreise die biometrischen Daten erfassen. Der Name eines mittels Gesichtserkennung identifizierten Fluggasts wird dann – wie auch beim manuellen Scannen der Bordkarte – mittels Schnittstelle an Swiss übermittelt", schreibt die Pressestelle.
Vielflieger Bendel sieht die Swiss aber in der Pflicht, Passagiere vor Ort über ihr Recht aufzuklären – auch wenn das Gesicht nicht im System der Fluggesellschaft gespeichert wird. Schliesslich handelt es sich um das Boarding und nicht um einen Grenzübertritt. Die Datenschutzgrundverordnung (DSGVO) der EU sieht in einem solchen Fall eine freiwillige Zustimmung vor, die Kenntnis der Prozesse voraussetzt.

Facial Recognition in San Francisco

In den USA ist das anders. Wer in das Land einreist, kennt es: Man schaut in eine Kamera, während ein Zollbeamter ernst auf den Bildschirm blickt. Der US-Kongress hat bereits kurz nach den Terroranschlägen am 11. September 2001 einem entsprechenden Gesetz zugestimmt (PDF). Zudem haben Transportsicherheitsbehörden der USA begonnen, im Land stärker auf biometrische Verfahren zu setzen. Im letzten Dezember wurden entsprechende Systeme an 16 US-Flughäfen getestet, wie die 'Washington Post' berichtete.
Der internationale Flughafen von San Francisco (SFO) hat ebenfalls ein Projekt zum biometrischen Verfahren vom Check-in bis zum Boarding angekündigt. Zum Einsatz kommt hier "Sita Smart Path". Das System erfasst die Gesichtszüge der Passagiere und vergleicht das Bild mit einem gespeicherten Bild, etwa einem Passfoto. "Your Face is your Boarding Card", lautet der Werbeslogan der Herstellerfirma Sita.
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Aus dem Werbematerial zu "Sita Smart Path".
Diese wirbt mit einer Beschleunigung der Einstiegszeiten um 30%. 240 Passagiere würden in 10 Minuten ins Flugzeug befördert. Zudem würden 90% der Passagiere dem biometrischen Verfahren zustimmen, schreibt Sita im Werbematerial. Die Firma wurde 1949 von 11 Fluggesellschaften als Genossenschaft gegründet, ihren Hauptsitz hat sie in Genf. Für die Swiss sitzt die Juristin Dominique Fehlmann im 10-köpfigen Verwaltungsrat.

Facial Recognition bei der Swiss

"Wir bewegen uns auf eine Zukunft zu, in der die Passagiere überall hinreisen können, ohne jemals Reisedokumente vorlegen zu müssen, um ihre Identität zu bestätigen", sieht Sita voraus. Die Pandemie hat diesen Trend beschleunigt. Die Umsatzeinbrüche haben die Suche nach Massnahmen zur Rationalisierung angetrieben. Dazu gehört auch das automatisierte Check-in mit möglichst wenigen menschlichen Mitarbeitenden. Das sagte laut 'New York Times' Jason Van Sice, Vizepräsident für Luftfahrt bei der NEC Corporation, die ebenfalls Gesichtserkennungssysteme anbietet.
Auf den Anbieter NEC setzt auch Swiss. Ab Herbst 2020 haben Lufthansa und Swiss für Kunden des Vielfliegerprogramms "Miles & More" mit dessen Hilfe ein digitales Gesichtserkennungssystem eingeführt. Passagiere konnten an den Flughäfen Frankfurt und München kontaktlos Sicherheitskontrollen und Boarding-Gates passieren, wo eine spezielle Infrastruktur aufgebaut wurde. Kunden könnten, falls gewünscht, dem Programm "Star Alliance Biometrics" beitreten, hiess es damals. Persönliche Daten – etwa Fotos und andere Identifikationsmerkmale – würden verschlüsselt und innerhalb der Plattform sicher gespeichert, versicherte die Star Alliance.
Die Facial-Recognition-Technologie der NEC Corporation kommt mittlerweile für die Gesellschaften der Star Alliance in München, Frankfurt, Hamburg und Wien zum Einsatz. "Biometrische Angebote werden in der Lufthansa Group zunehmend für vereinfachte und effizientere kontaktlose Prozesse an den Flughäfen sorgen und damit das Reiseerlebnis unserer Passagiere deutlich verbessern", freute sich Lufthansa-Manager Frank Durm im letzten Frühling in einer Mitteilung.

Die Zukunft von Facial Recognition

Auch die Swiss testet und verbessert die Systeme. Es gebe derzeit aber keine konkreten Pläne für die Ausweitung von Gesichtserkennung, schreibt die Pressestelle der Swiss. Man tausche sich dazu jedoch regelmässig mit der Lufthansa, dem Flughafen Zürich und mit weiteren Flughäfen aus. Schliesslich beobachte man die Entwicklung und prüfe eine Optimierung des Angebots.
Derzeit will Swiss ein neues System testen, das die Anzahl der Passagiere zählen soll. Mit Hilfe von Künstlicher Intelligenz soll die Auslastung der Flüge überwacht und die Genauigkeit der Passagierzählung verbessert werden. Dafür kommen in der Kabine Kameras zum Einsatz – ohne Facial Recognition, wie die Swiss angibt. Ab April würde auf ausgewählten Flügen ab Zürich das Einsteigen der Fluggäste aufgezeichnet. Dazu heisst es: "Die Aufnahmen dienen dazu, die KI für den Boardingprozess zu trainieren."

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