Public Cloud: Die Eidgenossenschaft holt Chinesen ins Land

24. Juni 2021 um 14:15
image

Die riesige Public-Cloud-Ausschreibung des Bundes resultiert in 2 Überraschungen: einem Sieger und einem prominenten Verlierer.

110'000'000 Franken will der Bund für Public Clouds ausgeben. Nun sind die Zuschläge der viel diskutierten Ausschreibung auf Simap publiziert worden.
8 Anbieter hatten sich im offenen Verfahren um den prestigeträchtigen Grossauftrag beworben.
5 Anbieter erhielten vom Bereich Digitale Transformation und IKT-Lenkung (DTI) des früheren Informatiksteuerungsorgans des Bundes (ISB) den Zuschlag. Sie sollen auf Abruf in Aktion treten und maximal 110 Millionen Franken in Rechnung stellen:
4 der 5 Gewinner laut Simap:
  • Microsoft Schweiz: Der Azure-Konzern erhielt die höchste Punktzahl für die bereits aufgebauten Rechenzentren in der Schweiz.
  • Oracle Software (Schweiz) erhielt den Zuschlag wegen der angebotenen besten Preise und Volumenrabatte.
  • IBM Schweiz bot "die höchst mögliche Akzeptanz von Vertragsbedingungen sowie attraktive Preise und Volumenrabatte".
  • Für AWS sprach die "höchst mögliche Akzeptanz von Vertragsbedingungen sowie die hohe Punktzahl bezüglich Rechenzentren". Die Rechnungsadresse liegt in Luxemburg.
Zwischenbilanz: Oracle und IBM – keine führenden Hyperscaler – mussten also stärker über den Preis gehen, um ihre Chancen zu wahren. Zudem will AWS offenbar in grösserem Stil in den Schweizer Markt eindringen, wenn auch nie bekannt wurde, wo denn all die RZs überhaupt sein werden. Aber angekündigt ist, dass die AWS-Region Europa (Zürich) in der zweiten Hälfte des Jahres 2022 eröffnet werden soll. In Frankreich, Deutschland, Irland, Italien, Schweden und Grossbritannien hat der Hyperscaler schon Regionen in Betrieb.

Zwei Überraschungen

Alibaba.com (Europe) erhält den Zuschlag wegen der "von ihr angebotenen sehr attraktiven Preise".
Dass die Newcomer in der Cloud-Schweiz über den Preis gehen müssen, ist klar. Aber dass die Eidgenossenschaft einen chinesischen Hyperscaler bevorzugt, ist doch bemerkenswert. Der Konzern hat laut Handelsregister nur eine Rechnungsadresse in London. Die Firma hat in 2020 nur RZs in China eröffnet und ist in Europa nur mit Standorten in London und Frankfurt präsent. Das reicht vorderhand laut Ausschreibung auch aus, wenn Alibaba  24 von 32 geforderten Services so erbringen kann. Konnte die Firma eine Roadmap für georedundanten Betrieb aus der Schweiz vorlegen, so gab das maximal 10 Punkte, aber ausschlaggebend war dieses Kriterium laut Ausschreibungsunterlagen nicht.
Des Weiteren wurde verlangt: "Der Ort der Datenhaltung kann nach Regionen festgelegt werden. Insbesondere kann festgelegt werden, dass die Daten in einem Land, in dem ein 'angemessener Schutz für natürliche Personen' gemäss der Staatenliste vom EDÖB gewährleistet ist, gehalten werden." Das schliesst aktuell natürlich die USA aus, jedoch Grossbritannien und die EU ein.
Der prominente Verlierer ist hingegen Google Cloud, immerhin seit einiger Zeit auch in der Schweiz präsent. Der Konzern hat entweder keine Offerte eingereicht, kein konkurrenzfähiges Angebot gemacht oder konnte die Bedingungen nicht erfüllen.

Keine Überraschung: kein Franken für Infomaniak & Co.

Ob aus der Schweiz überhaupt Angebote eingingen, ist unklar. Aber dass kein Schweizer Public-Cloud-Anbieter gewinnen würde, war ziemlich klar. Unter den Anforderungen war nämlich: "der Anbieter verfügt über Rechenzentren auf mindestens 3 Kontinenten (inkl. Europäischem Wirtschaftsraum) und stellt seine Public Cloud Services einer internationalen Kundschaft zur Verfügung." Dieser Passus führte zu Unmut beispielsweise bei Infomaniak. Aber es gab auch weitere Kritikpunkte im Voraus.
Die Schweizer Public-Cloud-Anbieter sind also nicht gross und leistungsfähig genug für den Bund, so das definitive Fazit dieser Beschaffung. Der Bund ist zu global verankert für "local heroes".
Ausser, Anbieter würden ein Recht in Anspruch nehmen: "Gegen diese Publikation kann gemäss Art. 30 BöB innert 20 Tagen seit Eröffnung schriftlich Beschwerde beim Bundesverwaltungsgericht, Postfach, 9023 St. Gallen, erhoben werden."

Loading

Mehr erfahren

Mehr zum Thema

image

BSI kauft österreichisches Fintech

Mit der Übernahme von Riskine will der Schweizer Softwarehersteller im Ausland weiter Fuss fassen. In Österreich entsteht ein neuer Standort.

publiziert am 15.5.2024
image

Adnovum-Umsatz stagniert

Das Schweizer Software-Unternehmen hat trotzdem wieder zusätzliches Personal eingestellt und meldet eine hohe Nachfrage im Security-Bereich.

publiziert am 15.5.2024
image

AWS und Microsoft investieren Milliarden in Europa

Es fliessen viele Big-Tech-Milliarden nach Deutschland und Frankreich. Auch die Schweiz geht nicht leer aus.

publiziert am 15.5.2024
image

Softwareone steigert Umsatz und Gewinn

Im ersten Quartal 2024 konnte der Stanser IT-Dienstleister gute Zahlen präsentieren. Ein Verkauf des Unternehmens an Bain Capital wird wahrscheinlicher.

publiziert am 15.5.2024