Schweizer Studie: Welche Risiken birgt die Blockchain-Technologie?

24. Juni 2020 um 15:01
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Die Stiftung für Technologiefolgen-Abschätzung TA-Swiss nennt Chancen und Risiken und benennt sinnvolle und weniger sinnvolle Einsatzgebiete.

Die Blockchain, die etwa bei der virtuellen Währung Bitcoin angewendet wird, ist ein Register, das Einträge dezentral, sicher und unabänderlich speichert. Der hohen Vertrauenswürdigkeit aufgrund unabänderlicher Eingaben steht allerdings laut einer Schweizer Studie das Risiko gegenüber, dass die Blockchain gegen das Recht auf Vergessen, wie es der Datenschutz vorsieht, verstossen könnte.
Mit der Blockchain, die durch die Fortschritte der Verschlüsselungstechnologie ermöglicht wurde, zielten deren Entwickler darauf ab, Aufgaben staatlicher Stellen oder privater Unternehmen zu ersetzen, schreibt die Stiftung für Technologiefolgen-Abschätzung (TA-Swiss) in ihrer Studie.
Anstelle von oft demokratisch legitimierten Institutionen, die einen korrekten Ablauf aller Vorgänge garantieren, tritt bei der Blockchain das Vertrauen aller am System Beteiligten in ein transparentes und (theoretisch) absolut verlässliches technologisches System.
Als Folge davon lassen sich Blockchain-basierte Systeme kaum auf staatlicher Ebene regulieren, vielmehr seien international abgestimmte gesetzliche Grundlagen und Massnahmen erforderlich, schreiben die Autoren. Wie der Einsatz der Blockchain gestaltet werden solle, müsse im Interesse der Allgemeinheit diskutiert werden. Diesem Zweck will die Studie dienen.

Mit Fallstudien Anwendungen untersucht

Anhand von zwölf Fallstudien untersuchte TA-Swiss, wo Blockchain-Anwendungen gegenüber herkömmlichen Anwendungen im selben Bereich einen Vorteil bringen oder (noch) nicht wirklich überzeugen. Die Beispiele reichen von Zahlungssystemen in Flüchtlingslagern über die Energieversorgung bis zur Grundstücksverwaltung.
Bei der Grundstücksverwaltung etwa zeigte sich, dass Blockchain-basierte Systeme vor allem in Ländern einen Mehrwert bringen, wo der Staat wenig Vertrauen geniesst. Wenn er die Sicherheit und Verlässlichkeit der Grundstücksverwaltung hingegen garantieren könne, bringe ein digitales Landregister kaum zusätzlichen Nutzen, heisst es in der Studie.

Kaum als alternative Währungen geeignet

Die virtuelle Währung Bitcoin war die erste Anwendung der Blockchain. Und sie hat laut TA-Swiss am stärksten zum zweifelhaften Nimbus der neuen Technologie beigetragen. "Bei nüchterner Betrachtung schneiden gerade virtuelle Währungen eher bescheiden ab", heisst es in der Studie. Als Alternativen zu klassischen Währungen seien sie bisher kaum geeignet.
Der durchschnittliche tägliche Transaktionswert sei um mehrere Grössenordnungen kleiner, die Wertstabilität miserabel und als alltägliches Zahlungsmittel seien die bisher bestehenden rund 3000 virtuellen Währungen noch kaum akzeptiert. Auch beim Versuch, traditionelle Systeme des Zahlungsverkehrs zu ersetzen, überzeugten sie nicht. Mit Bitcoin etwa liessen sich weltweit nur etwa sieben Transaktionen pro Sekunde ausführen, während Zahlungen mit PayPal praktisch augenblicklich erfolgten.
Die Schweiz hat sich laut Studie entschieden, auf das Potenzial der Blockchain-Technologie zu setzen, insbesondere was innovative Ansätze im Finanzmarkt betrifft. Um den Blockchain-Standort zu stärken und weiter auszubauen, rief der Bund 2017 eine Taskforce ins Leben und ist bestrebt, die Rechtssicherheit rund um Blockchain-Anwendungen mit Gesetzesanpassungen zu erhöhen.

Einsatz sinnvoll bei Vertrauenslücken

Der Einsatz der Blockchain ist laut Studie vor allem dort sinnvoll, wo sie eine Lücke füllt, wo etwa das Vertrauen, das die Basis jedes Leistungstransfers ist, nicht gegeben sei.
Im Flüchtlingslager Azraq in der jordanischen Wüste setzt das Welternährungsprogramm (WFP) Blockchain-Technologie ein, um Lebensmittel an rund 10'000 syrische Flüchtlinge zu verteilen. Sie erhalten Geld oder Prepaid-Karten, um selber einzukaufen. Das fördert unter anderem die lokale Wirtschaft und spart Logistik-Kosten.
Oft überzeugt die Blockchain auch, wenn sie auf einen lokalen Kontext begrenzt bleibt. Als Beispiel nennen die Autoren ein Mikro-Stromnetz, das autorisierte Bewohner des New Yorker Stadtteils Brooklyn erstellten.
Sie produzieren auf den Dächern Sonnenenergie für den Eigenverbrauch. Zudem möchten sie Energieüberschüsse zu fairen Preisen ins Netz speisen und bestimmen können, welchen Preis sie bezahlen, wenn sie Strom von Nachbarn benötigen. Das gelingt mithilfe des Brooklyn Microgrids, einer mit Smart Contracts kombinierten sogenannten privaten oder permissioned Blockchain-Plattform, die die Stromverteilung gemäss Angebot und Nachfrage steuert. Die Preise werden mithilfe von Smart Contracts in automatischen Auktionen bestimmt.
Als nicht unumstritten bezeichnen die Autoren die Blockchain-Technologie schliesslich aus ökologischer Sicht. Denn um die Sicherheit zu garantieren, müssten zahlreiche Computer komplexe Rechnungen lösen. Das brauche viel Strom, der keineswegs immer aus erneuerbaren Quellen stamme.
Dies gilt aber primär für Public Blockchains, die jedermann offenstehen um beispielsweise Bitcoin-Transaktionen abzuwickeln, halten Verfechter von Enterprise-Lösungen fest.

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