Wird Homeoffice zum Thema in der Politik?

20. August 2020 um 08:30
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Braucht es mit der zunehmenden Verbreitung von Homeoffice neue Regulierungen? Wir haben bei Politikern und Gewerkschaft nachgefragt.

Kürzlich haben unsere Umfragen bei Unternehmen gezeigt, dass bei einigen die Rückkehr ins Büro eine ausgemachte Sache ist, während sich andere auf eine längere und verstärkte Verlagerung ins Homeoffice einrichten. Informatiker unter unseren Lesern hatten das Arbeiten zuhause bereits in einer früheren Umfrage mehrheitlich als vorteilhaft beschrieben. 
Doch wie sehen Politiker, Verbandsvertreterinnen und Gewerkschaften den Trend hin zum Homeoffice, den nicht nur die Corona-Pandemie ausgelöst hat? Braucht es für die Heimarbeit neue Richtlinien, Regulierungen und Gesetze?
"Homeoffice kann je nach Beruf eine wertvolle Möglichkeit sein. Man muss aber klar unterscheiden, ob man einige Stunden, einzelne Tage oder immer Homeoffice macht", erklärt Marcel Dobler, Präsident von ICTswitzerland und Nationalrat (FDP, SG). Im Homeoffice werde die Führbarkeit der Personen schwieriger, Teamgedanke und die Firmenkultur könnten leiden, und die Arbeitsleistung zu messen sei "nicht immer gegeben". Homeoffice könne ein wertvolles Instrument sein, "jede Situation ist aber anders und man muss auch kritisch mit den Nachteilen umgehen", führt der Digitec-Mitgründer aus.

Homeoffice ist nicht immer ein Vorteil

Franz Grüter, Green-VR und Nationalrat (SVP, LU) ist überzeugt, dass dank innovativen Technologien das Homeoffice in vielen Unternehmen breite Anwendung finden wird: "Die Vorteile sind sowohl für die Unternehmen, die Arbeitnehmer aber auch für die Entlastung der Transportinfrastruktur im Land sehr gross." Gerade in der IT-Branche höre er aber oft auch die Feststellung, dass kollaborative und kreative Prozesse nicht zu Stande kommen, wenn Mitarbeiter nur noch im Homeoffice arbeiten würden.
Auch Judith Bellaiche, Swico-Geschäftsführerin und Nationalrätin (GLP, ZH) begrüsst grundsätzlich den Trend, "auch wenn er forciert erfolgte". Sie betont aber: "Allerdings ist Homeoffice nicht für jeden Einzelnen ein Vorteil und kann zu ungewollten Nebenwirkungen führen – sowohl für Arbeitnehmende als auch für Führungskräfte. Die Rahmenbedingungen müssen für alle Beteiligten stimmen." Gerhard Andrey, Mitgründer von Liip und Nationalrat (Grüne, FR), antwortet: "Homeoffice funktioniert offenbar besser, als viele vor Corona gedacht hatten und das freut mich." Für ihn seien aber auch die Einrichtung von "Co-Workingspaces" wichtig, diese würden ein "enormes wirtschaftliches, gesellschaftliches und ökologisches Potential" mit sich bringen.
Bei der Gewerkschaft Syndicom verweist man auf eine eigene Umfrage Ende Mai: "Die Ergebnisse zeigen eine hohe Akzeptanz der Arbeit im Homeoffice bei den Arbeitnehmenden, aber auch klaren Handlungsbedarf auf Arbeitgeberseite." Miriam Berger, Zentralsekretärin Sektor ICT bei Syndicom, weist besonders auf den Bereich Infrastruktur hin, die Beteiligung von Arbeitgebern an Wohnungsmiete oder Gerätebeschaffungen: "Die Kostenverteilung bei Homeoffice ist eine drängende, offene Frage." Nicht überall würden Infrastruktur-Entschädigungen ausbezahlt, "was dringend nötig wäre". 

Gegen "eine grundsätzliche finanzielle Beteiligung"

Immerhin sei mit einem Bundesgerichtsentscheid 2019 klargestellt worden, "dass der Arbeitgeber immer dann eine Entschädigungspflicht für die Raumkosten des Homeoffice hat, wenn im Betrieb kein Arbeitsplatz zur Verfügung steht oder wenn Homeoffice angeordnet ist", hält Syndicom fest. Marcel Dobler ist gegen "eine grundsätzliche finanzielle Beteiligung" durch Arbeitgeber – "bei Zwangsmassnahmen kann es Ausnahmen geben". "Grundsätzlich muss das den Vertragsparteien überlassen bleiben", schreibt Judith Bellaiche. "Unternehmen sollten sicherlich die IT-Infrastruktur den Mitarbeitern zur Verfügung stellen", erklärt Franz Grüter. "Weitergehende Zahlungen sehe ich aber nicht, da auch der Arbeitnehmer durch Homeoffice keine Reisekosten an den Arbeitsplatz mehr hat." Für Gerhard Andrey zeigt sich die Wirtschaft "ja auch durchaus offen für solche Ansätze oder wendet diese schon an". Inwiefern der Gesetzgeber eingreifen soll, sei für ihn derzeit noch offen, zumal es bereits gesetzliche Bestimmungen in diesem Zusammenhang gebe.
Alle Befragten sind sich einig, dass im Homeoffice ein verstärktes Augenmerk auf Datenschutz und Datensicherheit gelegt werden müsse. "Klare Regeln an die Datensicherheit und die IT-Sicherheit haben einen hohen Stellenwert", erklärt Grüter. "Hier braucht es aber keine Regulierung, sondern eine IT-Abteilung, die Vorgaben macht und die Mitarbeiter schult", schreibt Dobler. Datenschutz sei unabhängig von Homeoffice ein zentrales Thema der Digitalisierung am Arbeitsplatz, betont Syndicom.
Hat Homeoffice auch Auswirkungen auf Lohnentwicklungen und Veränderungen im Lohngefüge? "Lohnveränderungen aufgrund von Homeoffice sind nicht zu erwarten", so Bellaiche. Etwas kritischer sieht dies die Gewerkschaft: Insbesondere die Infrastruktur-Kostenabwälzung durch den Arbeitgeber könne Konsequenzen auf das Lohngefüge haben.

Im Parlament ist eine Initiative zu Homeoffice hängig

Führen diese mit Homeoffice verbundenen Entwicklungen und ein verstärkter Trend der Arbeitsplatz-Verlagerung nun auch zu neuen politischen Vorstössen? Sie hätten im Parlament zur Zeit nichts dazu geplant, erklären die beiden Nationalräte Dobler und Grüter, auch wenn Grüter je nach Entwicklung "zu einem späteren Zeitpunkt möglichen Handlungsbedarf" sieht. Beide Nationalräte verweisen auf die parlamentarische Initiative "Mehr Gestaltungsfreiheit bei Arbeit im Homeoffice", die der damalige Nationalrat und heutige Ständerat Thierry Burkart (FDP, AG) im Dezember 2016 eingereicht hatte und die in den Räten noch hängig ist.
Die Initiative verlangt eine Ergänzung des bestehenden Arbeitsgesetzes: Sie sieht eine Erstreckung des Zeitrahmens, in der Arbeitnehmende innerhalb eines Tages ihre Arbeit erbringen, von 14 auf 17 Stunden vor. Gelegentliche Arbeitsleistungen von kurzer Dauer sollen die vorgeschrieben Ruhezeit (11 Stunden zwischen zwei Arbeitstagen) nicht unterbrechen. Weiter soll keine Bewilligung erforderlich sein für Sonntagsarbeit, die von Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmern, die ihre Arbeitszeiten zu einem namhaften Teil selber festsetzen können, in ihrer Wohnung erbracht wird.

Weitere parlamentarische Vorstösse sind in Planung

"Ich unterstütze diesen Vorstoss", erklärt Marcel Dobler. Für Syndicom hingegen zielt dieser in die falsche Richtung: "Arbeitnehmende müssen auch im Homeoffice vor Überarbeitung geschützt werden." Die heutigen Regelungen zur Arbeitszeit im Homeoffice würden sowohl für die Arbeitgeber als auch für die Arbeitnehmenden genügend Flexibilität bieten.
Bei Syndicom werde man das Thema Homeoffice deshalb "weiterhin im Rahmen unserer Sozialpartnerschaften" behandeln und Wert auf Gesamtarbeitsverträge legen. "Wir sind überzeugt, dass Homeoffice für Arbeitnehmende und Unternehmen künftig nur dann vorteilhaft sein kann, wenn es sozialpartnerschaftlich und ausgewogen ausgestaltet wird", erklärt Zentralsekretärin Berger.
 Gerhard Andrey verweist auf sein eingereichtes Postulat "Förderung von regionalem Coworking" und schreibt: "Bezüglich der Flexibilisierung der Arbeitszeiten bin ich offen aber gleichzeitig sehr skeptisch."
Für Judith Bellaiche hat Homeoffice mit der Flexibilität von Arbeitsort und Arbeitszeit zu tun: "Das bedingt auch eine Flexibilisierung unseres Arbeitsrechts, das immer noch der Logik der Industrialisierung folgt." Ein politischer Vorstoss, der den eigentlichen Willen der Arbeitnehmerin oder des Arbeitnehmers endlich ernst nehme, stehe deshalb durchaus auf der Agenda.

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