DSI Insights: An der UZH die digitale Transfor­mation studieren

18. März 2024 um 09:40
  • kolumne
  • dsi insights
  • uzh
  • ausbildung
image
Titus Neupert

An der Uni Zürich startet ein neues Programm, in dem sich Studierende aus verschiedenen Fachrichtungen mit Chancen und Risiken der digitalen Transformation auseinandersetzen.

Kübra Parmaksiz ist erleichtert: Die Präsentation ihres Teams zum Thema "Artificial Digital Imaginations and the Human Body" ist gut gelaufen. Sie steht vor staunenden Gesichtern eines Publikums, das sich von Maturandinnen und Maturanden bis zum Professor für theoretische Physik erstreckt. Einen wissenschaftlichen Vortrag für eine so breite Zuhörerschaft verständlich zu machen, war noch eine der kleineren Hürde für Kübra und ihre Kolleginnen und Kollegen.
Kübra hat mit ihrem Team an einem Angebot teilgenommen, das aktuell an der Universität Zürich (UZH) erprobt wird und ab Herbst 2024 fixer Bestandteil des Lehrangebots sein wird. Darin arbeiten Studierende problemorientiert und kooperativ an interdisziplinären Fragestellungen, die im Zusammenhang mit der digitalen Transformation stehen. Unter der Anleitung von Prof. Dr. Janna Hastings befasste sich Kübras Team beispielsweise damit, wie anatomische Fehler in Bildern, die mit generativer Künstlicher Intelligenz (KI) erzeugt wurden, qualitativ und quantitativ ausgewertet werden können. Ergebnis des Teams war ein "Score", mit dessen Hilfe verschiedene Algorithmen objektiv verglichen werden können. Zusätzlich hat das Team einen Algorithmus getestet, der mit gezieltem Training die Ergebnisse der KI-Bildgenerierung verbessern soll. Beispielsweise um Fehler wie einen ungewünschten sechsten Finger oder ein fälschlicherweise schief angesetztes Bein zu verhindern.

Ein Nebenfach für alle

Projekte wie dieses verbinden Elemente einer klassischen akademischen Abschlussarbeit mit problemorientierten Herangehensweisen, die sich in der beruflichen Praxis stellen. Dabei setzen die Studierenden digitale Fähigkeiten ein, die sie in anderen Kursen erwerben können — etwa maschinelles Lernen, Open Source Intelligence, oder Blockchain-Technologien. Das beschriebene Teamwork-Setting und die erwähnten Kurse sind Teile des neuen Studien­programms "DSI Minor Digital Skills", welches den Master­studierenden der Universität Zürich in Ergänzung zu ihrem Major offensteht.
Das Studienprogramm "DSI Minor Digital Skills" ist Teil der Antwort der UZH zum Umgang mit der digitalen Transformation, die klassische Bildungs­institutionen auf allen Ebenen vor Herausforderungen stellt. Zum einen wandeln sich die technischen Möglichkeiten so rasch, dass Curricula viel flexibler anpassbar sein müssen. Weiterhin sind nicht alle Disziplinen und nicht alle Studierenden an einer Volluniversität gleichermassen technikaffin. Und schliesslich gibt es für viele Lerninhalte Ressourcen im Internet, die aktuell und hochwertig sind. Unweigerlich gelangt man zu der Frage, was die Kernaufgabe einer Präsenzuniversität in diesem Umfeld ist, und mit welchen Lehrformaten man Inhalte vermitteln kann, die das Internet nicht ohnehin bereits abdeckt.

Den Perspektivwechsel verinnerlichen

Mit Sicherheit gehören das Erlernen von Abstraktionsvermögen, Problem­lösungs­kompetenz, Inter- und Transdisziplinarität und Teamfähigkeit dazu. Darüber hinaus wollen wir unsere Studierenden befähigen, Entwicklungen kritisch zu analysieren und den Blickwinkel zu wechseln: Die Computer­linguistin soll ein Grundverständnis von ethischen und rechtlichen Rahmenbedingungen von KI entwickeln, der Epidemiologe soll Algorithmen genügend gut verstehen, um deren Ergebnisse korrekt zu interpretieren. All das gelingt mit individuellen Lernpfaden, die Studierende sich entsprechend ihrer Vorbildung und Interessen zusammenstellen können.
Das Studienprogramm "DSI Minor Digital Skills" ist also kein verkürztes Informatikstudium, sondern vermittelt den Studierenden umfassende Kompetenzen, welche sie in die Lage versetzt, zukünftige Veränderungen einzuordnen und positiv zu nutzen, anstatt von ihnen verunsichert oder überfordert zu sein. Die Studierenden gewinnen damit das Rüstzeug für ihre zukünftige Arbeits- und Lebensrealität.

Strukturell gut aufgestellt dank der Digital Society Initiative

Die Integration des Querschnitts-Angebots "DSI Minor Digital Skills" in einer disziplinär orientierten Hochschule war für uns eine Herausforderung. Glücklicherweise hat die UZH dafür zwei strukturelle Voraussetzungen: Einerseits ist die Digital Society Initiative (DSI) eine überfakultäre Lehr- und Forschungseinheit, deren interdisziplinäre Community mehrheitlich die "Digital-Skills"-Kurse lehrt. Zum anderen wird das Angebot von der School for Transdisciplinary Studies (STS) organisatorisch begleitet, die genau für solche Zwecke gegründet wurde. Das alles ermöglicht, dass Kübra und ihre Kolleg:innen zu den ersten gehörten, die erfolgreich ihre Teamarbeit abschliessen konnten. Wir hoffen, dass ihnen viele Studierende folgen und sind dabei auch für Projekte mit externen Partnern offen.

Über den Autor

Titus Neupert ist Professor für theoretische Physik an der Universität Zürich und Mitglied des Direktoriums der Digital Society Initiative (DSI), in dem er vor allem für deren Bildungsangebote verantwortlich ist. Seine Forschungsinteressen sind Quantenmaterialien und Quantentechnologien sowie der Einsatz von maschinellem Lernen in der Physik.

Loading

Mehr zum Thema

image

Ecole 42 eröffnet erste Dependance in der Deutschschweiz

Die kostenlose IT-Schule will ab Anfang 2027 in Zürich-Oerlikon Studierende ausbilden.

publiziert am 14.7.2026
image

Parldigi direkt: Die Bratwürste nicht vergessen

Digitalisieren lässt sich fast alles, aber nicht alles wird dadurch besser. Beim Unterschriftensammeln ist E-Collecting Pflicht, denn es vermiest den Fälschern das Geschäft. E-Voting bleibt die heikle Kür. Unbedingt fördern sollten wir echte Begegnungen und Austausch.

publiziert am 1.7.2026
image

Code & Paragraphen: Wäre KI der gerechtere Richter?

Kolumnist Sven Kohlmeier plädiert für menschliche Entscheidungen in Strafverfahren. Bei zivilrechtlichen Fällen sieht er für KI hingegen durchaus ein Potenzial.

publiziert am 26.6.2026
image

Schlicht und einfach: Das Ende des Wilden Westens

Die Softwareentwicklung bekommt mit regulatorischen Vorgaben neue Leitplanken gesteckt. Sheriffs übernehmen die Kontrolle im Wilden Westen, meint Kolumnist Markus Schlichting.

publiziert am 19.6.2026