Unternehmen in Europa wenden weniger Geld für Investitionen in Forschung und Entwicklung (F&E) auf als ihre amerikanischen oder asiatisch-pazifischen Kollegen. Dies zeigt eine Accenture-Studie. Demnach hat sich dieser Abstand seit 2017 immer weiter vergrössert. Die Investitionslücke von Europa gegenüber den USA hat sich 2022 auf 147 Milliarden Dollar belaufen, heisst es in einer Mitteilung zur Studie.
Dies sei ein Problem, findet der Unternehmensberater. Würden Firmen ihre F&E-Ausgaben steigern, würde sich dies auch positiv auf ihren Umsatz auswirken. Es liessen sich beispielsweise neue Geschäftsmodelle und Produkte entwickeln. Cloud, KI und Quantencomputing könnten auch dazu beitragen, die Entdeckung von Medikamenten zu beschleunigen oder nachhaltigere Materialien zu entwickeln.
"F&E-Investitionen im Technologiebereich sind entscheidend, um zukünftiges Wachstum durch neue Produkte und Dienstleistungen sowie neue Geschäftsmodelle zu schaffen", glaubt Jean-Marc Ollagnier, CEO von Accenture in Europa.
Abhängigkeit vom Ausland
Accenture illustriert den Rückstand von Europa anhand des Beispiels KI. Unternehmen auf dem alten Kontinent würden seltener KI-bezogene Patente anmelden, als Firmen in den USA oder in Asien.
Hinzu kommt, dass Europa durch die fehlenden Investitionen abhängig von anderen Regionen wird. Bekanntestes Beispiel neben generativen KI-Anbietern, die hauptsächlich aus den USA stammen, ist wohl die Halbleiterbranche.
Weniger IT-Know-how in der Führungsebene
Ein möglicher Grund für die vergleichsweise kleineren F&E-Investitionen in Europa könnte das geringere IT- und Tech-Know-how sein, ist bei Accenture weiter zu lesen. Bei einem Drittel der europäischen Firmen gebe es keine IT-Erfahrung im Vorstand, verglichen mit 19% bei den amerikanischen Unternehmen. In Europa würden nur 14,4% der Vorstandsmitglieder über Technologieerfahrung verfügen, während es in den USA über 20% seien. Ähnlich sieht es bei den CEOs aus: 11% der europäischen versus 17% der amerikanischen Führungspersonen verfügen der Untersuchung zufolge über Tech-Erfahrung.
In einem schwierigen Umfeld sei es wichtig, dass Unternehmen widerstandsfähig und agil seien, schreibt Accenture. "Früher haben Vorstände und CEOs zuerst an die Geschäftsstrategie gedacht und erst in zweiter Linie daran, wie die Technologie diese unterstützen kann", so Ollagnier. Heute sei es entscheidend, Technologie schon bei der Entwicklung neuer Produkte, Dienstleistungen oder Geschäftsmodelle miteinzubeziehen. Andernfalls riskierten die Unternehmen, dass ihnen Milliarden an zusätzlichen Einnahmen entgingen.
Immerhin gibt es etwas Gutes für Europa zu vermelden: Accenture schreibt, dass sich Unternehmen in Europa bereits stärker auf die technologische Weiterbildung ihrer Mitarbeitenden konzentrieren als ihre US-amerikanischen Pendants. 28% der Befragten gaben an, dass sie ein unternehmensweites Technologieprogramm durchführen, während dies nur 18% der US-Unternehmen tun. Dies könnte eine Erklärung dafür sein, warum Unternehmen in Europa weniger besorgt über einen Mangel an technischen Fachkräften zu sein scheinen als amerikanische Firmen, schliesst die Studie.
Für die Studie
"Innovate or Fade" hat Accenture rund 2000 grosse Unternehmen sowie deren knapp 20'000 Vorstandsmitglieder analysiert. Zudem wurden der berufliche Hintergrund von 1700 CEOs analysiert. Daneben basiert die Studie auf Umfragen und Interviews.