KI-Forschung: "Wir nennen es Mon Ami"

15. Juni 2023 um 15:00
image
Yann LeCun. Foto: Meta

Forscher, wie Turing-Award-Gewinner Yann LeCun, gaben in Paris Einblick in ihre Arbeit bei Meta. Es ging um menschliche KI, Trainingsmodelle und Open Source.

Bald wird ein runder Geburtstag fällig: Ende 2013 startete Facebook AI Research (FAIR) offiziell. Das Team des Konzerns, das sich vor allem auf Künstliche Intelligenz fokussierte. Erster Direktor von FAIR wurde Yann LeCun, bis heute Chief AI Scientist von Meta. Ob er den Geburtstag feiert, bleibt offen. Denn wie er in Paris ausführte: "Ich bin nicht an der Gegenwart interessiert, ich rede lieber über die Zukunft."
Das war sicher etwas zugespitzt formuliert. So wie LeCun eine Folie seiner Präsentation mit "Autoregressive LLMs Suck!" überschrieb. Das war nicht als Seitenhieb gegen Large Language Models an und für sich und Konkurrenz wie ChatGPT gemeint. Für den Informatiker sind LLMs zum Beispiel nützlich als Schreibhilfe oder als Assistentin beim Erstellen von Code. Aber: "Wir lassen uns leicht von ihrer Gewandtheit täuschen. Doch sie wissen nicht, wie die Welt funktioniert."

Turing-Award-Gewinner mit unterschiedlicher Meinung

LeCun befürchtet nicht, dass KI die Menschheit gefährdet. Es sei nicht seine Aufgabe, in Regulierungsprozesse von Behörden oder Regierungen einzugreifen. Und er teile auch die Meinung einiger Kollegen nicht, die trotzdem noch seine Freunde blieben. Damit waren auch Yoshua Bengio und Geoffrey Hinton gemeint, die beide kürzlich ihre Bedenken zu KI-Entwicklungen geäussert hatten. Bengio, Hinton und LeCun hatten 2018 gemeinsam den Turing-Award für ihre Forschung auf dem Gebiet von neuronalen Netzwerken und Deep Learning erhalten.
Auch an einem Roundtable mit Medien betonte LeCun, dass Maschinen und die Informationstechnologie vielleicht den Menschen bei Spielen wie Go oder Schach überholt haben, aber noch sehr lange nicht über wirklich menschliche Fähigkeiten verfügen würden. "Und wenn es eine schlechte KI gibt, stellen wir ihr eine gute gegenüber."
Auf die Frage, welche Entwicklungen er sich in Zukunft vorstellen könne, sagte er: "Irgendwann wird es persönliche Assistenten geben, die wirklich personalisiert sind. Die auf einem Grundstock an Daten und Wissen aufbauen. Oben darauf kommt dann der einzelne Mensch mit seiner Individualität als Gegenüber." Dann würden auch Social Media oder Internet-Suchen überflüssig. Aber ob das in 5, 10 oder 20 Jahren passieren werde, könne er nicht prophezeien. Und am Ende sei es immer noch der Mensch, der KI-Entwicklungen bei Bedarf den Stecker ziehen könne.

Neues Modell JEPA für Bilderkennung

In der Gegenwart wurde auch eine neue Entwicklung vorgestellt: I-JEPA (Image Joint Embedding Predictive Architecture). Laut Meta "das erste KI-Modell auf der Grundlage von Yann LeCuns Vision einer menschenähnlichen KI". Das Modell nutzt Hintergrundwissen über die Welt, um fehlende Bildteile zu ergänzen, anstatt wie andere generative KI-Modelle nur auf benachbarte Pixel zu schauen. I-JEPA biete eine starke Leistung bei Computer-Vision-Aufgaben und sei viel recheneffizienter als aktuelle Modelle. Ein Einsatzgebiet ist Bilderkennung, auch im Rahmen von Meta-Produkten. "Eine Werbeagentur kann herausfinden, wie viele Louis-Vuitton-Taschen auf Facebook oder Instagram gepostet werden", nannte LeCun als Beispiel.
Computer Vision ist ein Forschungsfeld der Meta AI Research Labs. Das erste dieser Labs in Europa wurde – noch ein Geburtstag – im Juni 2015 in Paris gegründet. Ein zweites im EMEA-Raum befindet sich in London, das dritte in Tel Aviv. Ein weiterer Forschungsstandort ist Zürich. Weltweit arbeiten über 400 Mitarbeitende in den Labs.

"Über diesen Leak war ich nicht glücklich"

In den Labs wird auch an Sprachmodellen gearbeitet. Im vergangenen Februar stellte Meta LLaMA (Large Language Model Meta AI) vor. LLaMA nimmt eine Folge von Wörtern als Eingabe und sagt ein nächstes Wort voraus, um Text zu generieren. Ziel sei, dabei der Funktionsweise des menschlichen Gehirns beim Lernen und Verwenden von Sprache näher zu kommen. Der Release war nicht für die Öffentlichkeit bestimmt, sondern als Open-Source-Paket für die Forschungsgemeinschaft ausserhalb von Meta AI. Eigentlich, denn wenige Wochen später sickerte das Modell durch und wurde als Torrent-Download auf 4Chan verfügbar.
image
Joëlle Pineau.
"Natürlich war ich über diesen Leak nicht glücklich", sagte Joëlle Pineau, Vice President of AI Research und Professorin an der McGill University in Montreal. Der Release sollte der KI-Community bei der Forschung helfen, über deren Feedback und Kritik zu LLaMa sei auch Meta froh gewesen. Mit einem Leak könne der Einsatz der KI aber nicht mehr beeinflusst und Missbrauch betrieben werden. "Trotzdem, ich arbeite seit 20 Jahren nach dem Prinzip von Open Source", sagte die Informatikerin am Roundtable in Paris, "ich werde das nicht ändern".

Open-Source-Haltung soll bleiben

Grundsätzlich wolle AI Research bei Meta diesen Ansatz auch beibehalten. Ob das bei jedem Modell möglich sein werde, sei schwierig vorherzusagen. "Jeder Fall ist anders, und gerade KI entwickelt sich mit unglaublicher Geschwindigkeit." Von der Forschungsgemeinschaft, Entwicklerinnen und Akademikern seien auch stets positive Rückmeldungen gekommen. "Die negativsten Reaktionen kamen von denen, die die Technologie selber haben."
Ob in einem Konzern wie Meta KI-Modelle nicht auch Produktreife und Anwendungsmöglichkeiten in den hauseigenen Angeboten finden müssen, war dann eine Frage der Medien. "Das ist sicher ein Ziel", erklärte Pineau, "aber nicht immer möglich." Und in ihrer Erfahrung gehe eher mal das Research-Team zum Product-Team mit dem Vorschlag "Das könnte interessant sein!", als umgekehrt.
image
Naila Murray.
Vielleicht kann Dank dieser Forschung, so sehen es die Beteiligten, bald wieder ein wichtiger, neuer KI-Geburtstag gefeiert werden. "Wir nutzen KI intern seit Jahren", betonte Naila Murray, Head of FAIR Research für den EMEA-Raum, "eventuell waren unsere Projekte nicht so auffällig oder standen nicht so im öffentlichen Interesse." Die Research Labs seien ein wichtiger Katalysator, um verschiedene Teams zusammenzubringen und die Forschung an Advanced Machine Intelligence (AMI) voranzutreiben. "Wir nennen es Mon Ami", sagte Murray, "wir sind ja in Frankreich."
Interessenbindung: Der Autor wurde von Meta an den "Innovation Day" in Paris eingeladen (Zugreise, Unterkunft).

Loading

Mehr zum Thema

image

KI hat vermehrungsfähige echte Viren designt

Es geht hier nicht um Computerviren, sondern die realen Viren, die unter anderem Krankheiten erregen können.

publiziert am 7.8.2026
image

Menschlicher Internet-Traffic schon bald vernachlässigbar?

Menschen werden im Internet nur noch ein "Rundungsfehler" sein, prophezeit der Finanzchef von Cloudflare.

publiziert am 7.8.2026
image

Auch Meta-KI hackte sich in fremdes System

Eine Fehlkonfiguration ermöglichte es der KI von Meta, eine Schwachstelle in einem anderen Unternehmen auszunutzen. Der Vorfall ist der jüngste einer Reihe ähnlicher Sicherheitsprobleme bei KI-Tests.

publiziert am 6.8.2026
image

KI vergrössert Jobrisiko in reicheren Ländern

Das Risiko soll beispielsweise in der Schweiz dreimal höher sein als für Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer in einkommensschwächeren Ländern.

publiziert am 5.8.2026