Stell dir vor, du sagst deinem digitalen Assistenten nur einen Satz: Besorg mir das beste Angebot. Er vergleicht Anbieter, prüft Bewertungen, bucht und bezahlt. Du selbst klickst nirgends mehr auf "Kaufen".
Das ist keine Zukunftsmusik mehr, das ist Agentic Commerce. KI-Agenten, die für uns einkaufen, statt uns nur Vorschläge zu machen.
Als Informatik-Ingenieur fasziniert mich das. Als Politiker macht es mich nervös. Denn die entscheidende Frage lautet nicht, ob eine KI einkaufen kann. Sondern für wen sie das eigentlich tut. Für mich? Für den Händler? Für die Plattform? Für den Zahlungsanbieter? Oder für jenen Konzern, der den Agenten kontrolliert?
Genau dann verliert der Einkaufsagent seine Loyalität: Er trägt meinen Namen, kennt meine Vorlieben, nutzt meine Daten, aber optimiert im Hintergrund für fremde Interessen. Für Provisionen. Für bevorzugte Partner. Für das Angebot, das nicht für mich am besten ist, sondern für andere am lukrativsten.
Wir kennen das Muster aus der Plattformökonomie. Zuerst kommt die Bequemlichkeit. Dann die Abhängigkeit. Dann die Intransparenz. Und irgendwann merken wir: Der Markt ist digitaler geworden, der Konsument aber nicht freier.
Wenn mein KI-Agent mir ein Hotel empfiehlt, will ich wissen, warum. War es wirklich das beste Angebot? Oder jenes mit der höchsten Kommission? Wenn er eine Versicherung oder ein Finanzprodukt auswählt, geht es nicht mehr nur um Komfort, sondern um Verantwortung. Wenn er einen Vertrag abschliesst, stellt sich die Haftungsfrage. Und wenn er mit meinen Daten verhandelt, geht es um mehr als Cookies.
Der Mensch muss am Zügel bleiben
Agentic Commerce darf deshalb nicht zur nächsten Black Box werden. Der digitale Assistent muss ein Werkzeug des Menschen bleiben, nicht ein trojanisches Pferd der Plattformen. Daraus folgen einfache Grundsätze:
Erstens: Ein KI-Agent, der für mich handelt, muss mir verpflichtet sein. Nicht heimlich dem Händler, nicht der Plattform, nicht dem Werbenetzwerk. Empfehlungen gegen Provision sind Werbung, auch wenn sie charmant von einer KI formuliert werden.
Zweitens: Wo Geld fliesst, Verträge entstehen oder persönliche Daten weitergegeben werden, braucht es klare Zustimmung. Ein Agent darf vorbereiten, vergleichen und vorschlagen. Aber «die KI hat das halt gemacht» darf keine Ausrede werden.
Drittens: Es braucht Nachvollziehbarkeit. Nicht jeder Algorithmus muss öffentlich sein. Aber wer automatisierte Entscheide trifft, muss erklären können, nach welchen Kriterien gehandelt wurde. Gerade bei Finanzprodukten, Versicherungen, Gesundheitsleistungen oder staatlichen Dienstleistungen ist Auditierbarkeit Voraussetzung für Vertrauen.
Viertens: Haftung muss geklärt sein. Wenn ein Agent falsch bucht, zu teuer einkauft oder sensible Daten weitergibt, darf der Schaden nicht einfach beim Nutzer hängen bleiben. Wer Agenten baut, betreibt oder in Geschäftsprozesse integriert, trägt Verantwortung.
Und fünftens: Die Schweiz muss digitale Souveränität ernst nehmen. Wenn unsere künftigen Einkaufs-, Verwaltungs- und Zahlungsassistenten ausschliesslich aus den Ökosystemen einiger weniger internationaler Technologiekonzerne stammen, ist das nicht nur ein Wettbewerbsproblem. Es ist ein Infrastrukturproblem. Wer den Agenten kontrolliert, kontrolliert den Zugang zum Markt.
Das heisst nicht, dass wir Agentic Commerce verhindern sollen. Im Gegenteil. Richtig eingesetzt kann er Konsumentinnen und Konsumenten stärken: AGB verständlich zusammenfassen, versteckte Gebühren erkennen, Lock-in-Angebote vermeiden, Datenschutzrisiken markieren und echte Vergleichbarkeit schaffen. Für KMU kann er neue Vertriebskanäle öffnen, sofern sie nicht von geschlossenen Plattformen ausgesperrt werden.
Aber genau deshalb müssen wir jetzt Leitplanken setzen. Nicht in fünf Jahren, wenn sich die neuen Gatekeeper bereits eingerichtet haben.
Die Politik muss nicht jeden technischen Standard vorschreiben. Das wäre falsch und langsam. Aber sie muss definieren, welche Rechte gelten: Transparenz, Zustimmung, Datenportabilität, Haftung, Nichtdiskriminierung und fairer Marktzugang.
Agentic Commerce wird kommen. Die Frage ist nicht ob, sondern wie.
Ich habe nichts dagegen, wenn mir ein KI-Agent künftig den langweiligen Einkauf abnimmt. Aber eines ist klar: Mein Einkaufsagent darf nicht fremdgehen. Er muss mir gehören. Nicht der Plattform. Nicht dem Händler. Nicht dem Meistbietenden.
Über die Kolumne
Jeden Monat äussern sich Politikerinnen und Politiker sowie digital-politisch Engagierte aus allen Lagern zum Geschehen in Bern und in den Kantonen in der "
Parldigi direkt"-Kolumne. Heute schreibt Nationalrat Dominik Blunschy (Mitte/SZ).