AWS: Schweiz bleibt Stiefkind

10. Januar 2020, 15:26
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Inside-it.ch hat an der re:Invent in Las Vegas mit Schweizer Kunden und Partnern von AWS gesprochen. Was sie bemängeln und wünschen.

Im vergangenen Oktober gab es den ersten Schweizer AWS Cloud Summit, auf dem die frisch ernannte Country-Managerin Yvonne Bettkober sehr selbstbewusst über die bisherigen Erfolge von AWS in der Schweiz berichtete. So könne man auf eine Reihe von namhaften Kunden, wie die Post, Novartis, die SBB und die 'NZZ' verweisen. Doch was das Angebot, insbesondere die Infrastruktur angeht, so konnte sie keine Verbesserungen ankündigen. Auch auf dem weltweiten Kunden-Event re:Invent im Dezember in Las Vegas gab es hierzu keine Aussagen. Das bedeutet, die Datenhaltung erfolgt weiterhin ausserhalb der Schweiz, was für viele Schweizer Unternehmen ein Ausschluss-Kriterium ist. Beispielsweise sagt Andy Maier, CIO bei der AXA Gruppe, dass AWS für ihn nicht in Frage komme, denn "es gibt kein Committment in die Schweiz zu kommen und der Datenstandort Schweiz ist zentral. Alles andere ist ein klares 'No-Go'".

Helvetia mit neuen Anwendungen in der Cloud

Achim Baumstark, CTO bei der Helvetia Versicherung, ist da weit weniger besorgt. Seit anderthalb Jahren nutzt er AWS für neue Plattformen bei den Unternehmenskunden, und viele dieser Portale sind schon produktiv im Einsatz. Was die Bedenken der AXA angeht, so meint er, dass das auf die Helvetia nicht zutrifft. "Man kann die AXA nicht mit uns vergleichen. AXA ist eine grosse Gruppe und kann Skaleneffekte innerhalb der Gruppe realisieren – wovon auch die AXA-Schweiz profitieren dürfte", sagte er in einem Gespräch mit inside-it.ch am Rande der AWS-Veranstaltung.
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Achim Baumstark, CTO bei der Helvetia Versicherung. Foto: Harald Weiss
Seine weiteren Cloud-Pläne sind eine Hybrid-Cloud mit viel interner Infrastruktur. "Outposts ist für mich aus vielen Gründen sehr interessant, denn es ist ja ein Stück Infrastruktur, das zwar physisch in meinem Datacenter steht, das aber vom Managementaspekt her voll in die AWS-Cloud eingebunden ist. Das finde ich ein hochinteressantes Konzept", war seine fast euphorische Antwort auf die Frage, welche News des Events für ihn besonders wichtig war. Bei AWS Outposts handelt es sich praktisch um eine kleine Cloud, die von AWS im Rechenzentrum des Kunden installiert und betreut wird. Das bedeutet, dass alle AWS-Dienste auch On-Premises genutzt werden können. Outposts wurde bereits auf der re:Invent 2018 angekündigt, ist aber erst jetzt allgemein verfügbar.
Die Schaffung eines eigenen Schweizer Rechenzentrums ist aber nur die Spitze des Forderungskatalogs an das amerikanische AWS-Management. Matthias Imsand, CTO und Mitgründer des Schweizer AWS-Partners Amanox Solutions AG, ist mit seinem Unternehmen auf "die Begleitung von Unternehmen auf ihrem Weg in die Cloud" spezialisiert. In einem Gespräch beklagte er die mangelnde Unterstützung seitens Amazon. "Eine eigene Zone würde viele Datenbedenken aus dem Weg räumen", lautet sein grösster Wunsch an AWS. Doch es gebe auch Imageprobleme, beispielsweise würden die AWS-Rechnungen für die Schweizer Kunden aus Luxemburg kommen, was nicht gerade eine Schweizer Eigenständigkeit signalisiere.
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Matthias Imsand, CTO Public Cloud bei Amanox Solutions. Foto: Amanox

Google und Microsoft bieten Schweizer Datenspeicherung

Google und Microsoft sind da deutlich stärker in der Schweiz angekommen. So meldete Google bereits vor knapp einem Jahr, dass man für deren Public-Cloud-Plattform GCP eine neue Region Zürich geschaffen habe. Diese umfasst drei Zonen und mehrere Netzwerkknoten im Grossraum Zürich. Im Vergleich zur Nutzung des Frankfurter Rechenzentrums können die Schweizer Google-Kunden die GCP-Services, wie Compute, Data-Management, App-Entwicklung, Storage, Analytics sowie Kollaboration und Netzwerkedienste seitdem mit einer von 17 auf neun Millisekunden verringerten Latenz nutzen.
Microsoft hat im August mehrere Schweizer Rechenzentren in Betrieb genommen. Im Dezember wurde gemeldet, dass ab sofort die wesentlichen SaaS-Angebote, wie Office 365, Exchange Online, Sharepoint Online, Onedrive for Business und Microsoft Teams verfügbar sind. Alle Daten dieser Applikationen werden geo-redundant in den Schweizer Datenzentren gespeichert.

(Un-)Sicherheit: Ein Dauerproblem

Ausser den bereits erwähnten Datenhoheitsproblemen gibt es auch noch weitere Cloud-Bedenken, die über die nationalen Grenzen hinweg gehen. Da stehen an oberster Stelle Sicherheitsbedenken. So wurde im vorigen Herbst bekannt, dass sich eine Hackerin den Zugang zu Millionen an Kundendaten der US-Bank Capital One verschaffen konnte, die bei AWS gehostet waren. AWS erklärte danach, dass die Ursache dafür eine falsch konfigurierte Firewall war. Das bestätigte aber nur die allgemeinen Bedenken, dass offensichtlich kleine menschliche Fehler verheerende Auswirkungen haben können. Ein Umstand, der auch schon zu mehreren Ausfällen der AWS-Cloud geführt hat. Wie gross diese Sicherheitslöcher sind, lässt sich nur erahnen. Das auf Security spezialisierte Unternehmen Palo Alto Security hat herausgefunden, dass es bei AWS EC2 über 29 Millionen Schwachstellen gibt, die auf mangelhaftes Patch-Verhalten der AWS-Kunden im Rahmen der gemeinsamen Sicherheitsverantwortung zurückzuführen sind. "Viele AWS-Kunden haben noch nicht vollständig begriffen, was ihre Aufgaben und Verantwortungen im Rahmen der gemeinsamen Sicherheitsverantwortung sind", heisst es in dem Report.
Sicherheitsbedenken stehen ebenfalls an oberster Stelle, wenn es um die Gründe für den neuen "Back-to-Earth-Trend" geht, bei dem immer häufiger Anwendungen wieder aus der Cloud zurück ins RZ geholt werden. In einer von IDC durchgeführten Umfrage sagten 85 Prozent der CIOs, dass sie Anwendungen oder Daten, die sie bisher in einer Public-Cloud nutzen oder speichern, in eine private Cloud-Umgebung oder sogar in eine klassische RZ-Infrastruktur zurückzuholen wollen. Dabei handelt es sich nicht nur um einzelne wenige Anwendungen pro Unternehmen, sondern um die Hälfte aller bislang in der Public Cloud genutzten Applikationen. An erster Stelle werden hierfür Sicherheitsbedenken geäussert, gefolgt von Performance und Kosten.
AWS-CEO Andy Jassy sagte zu diesem Thema in Las Vegas, dass Sicherheit "die oberste Priorität bei AWS habe" und dass die Cloud im Allgemeinen sicherer sei, als jede On-Premises-Lösung.
Präzisierung (20.1.2020): Der Amanox-Vertreter Matthias Imsand zeigte sich im Gespräch grundsätzlich sehr positiv zu AWS eingestellt. Er wünschte sich, "dass AWS eine Region in der Schweiz aufmacht. Eine Schweizer Entität würde aus Sicht Business und anwendbarem Recht wohl ein paar Vereinfachungen bringen. Auch bezüglich Datenlokalität wäre eine abgeschottete Region sicher von Vorteil. Mit der Ankündigung von Local Zones in Kombination mit Outposts geht AWS diesen Punkt aber nun an. Im Übrigen löst dies unter Umständen auch die Thematik betreffend Rechnungsstellung."

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