Danaergeschenk?: Microsoft will Windows-Source-Code enthüllen

26. Januar 2006, 12:02
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Stellt Microsoft seinen Konkurrenten eine Falle? Einige Open-Source-Vertreter zumindest wollen gar nicht erst hinschauen.

Stellt Microsoft seinen Konkurrenten eine Falle? Einige Open-Source-Vertreter zumindest wollen gar erst nicht hinschauen.
Microsoft hat der Europäischen Kommission angeboten, Drittunternehmen einen Blick auf Teile des Source-Codes von Windows-Server werfen zu lassen. Auch der Source-Code von Windows für Desktops soll in ähnlicher Weise offen gelegt werden. Unter der "Reference License" für den Windows Source Code dürften Interessierte den Source-Code anschauen, ihn aber nicht kopieren. Zusätzlich hätten sie Zugang zu den technischen Dokumentationen und zu den 500 Stunden kostenlosem technischen Support, die Microsoft bereits früher angeboten hat.
Die Kommission hat den neuen Vorschlag noch nicht bewertet und will ihn nun zuerst einmal sorgfältig prüfen.
Für Microsoft ist das ein revolutionärer Schritt – die Redmonder haben den Quellcode von Windows bisher gehütet wie einen Augapfel. Hintergrund der plötzlichen Offenheit ist der schon Jahre andauernde Rechtsstreit mit der EU, der sich gegen Ende des letzten Jahres mit einem Ultimatum der Kommission wieder einmal aufgeheizt hatte.
Befreiungsschlag...
Die Europäische Kommission verlangt von Microsoft, Konkurrenten genügend Informationen über die Kommunikationsprotokolle von Windows zu geben, damit diese Software programmieren können, die ebenso gut mit Windows zusammenarbeitet wie die Produkte von Microsoft selbst. Zuletzt hatte die Kommission kritisiert, dass die bisherigen Vorschläge von Microsoft diesem Anspruch bei weitem nicht genügen würden.
Mit dem überraschenden Angebot, den Quellcode offen zu legen, möchte Microsoft diese Vorwürfe ein für alle Mal entkräften. Mit diesem Angebot, so Microsoft, gehe man weit über alle Forderungen hinaus, welche die EU gestellt habe. Da heisst allerdings nicht, dass Microsoft diese Auflagen für rechtmässig erachtet: Gegen den ihnen zugrunde liegenden Entscheid wolle man weiterhin auf rechtlichem Weg vorgehen. (Der Entscheid aus dem März 2004 wird gegenwärtig vom europäischen Gerichtshof überprüft.)
...oder Honig für die Fliegen?
Die Offenlegung des Quellcodes könnte das richtige Mittel für Microsoft sein, um seinen Kritikern viel Wind aus den Segeln zu nehmen. Wie das 'Wall Street Journal' berichtet, sind aber zumindest viele Vertreter der Open Source-Gemeinde von dieser Idee gar nicht begeistert. Sie befürchten eine Falle. Das Microsoft-Geschenk, so meinte zum Beispiel Georg Greve, Präsident der Free Software Foundation Europe, sei ein "vergifteter Honigtopf". Und Volker Lendecke, ein Mitarbeiter beim Samba-Projekt, erklärte: "Wir werden den Microsoft Source-Code niemals anschauen, auf gar keinen Fall. Die würden uns wie der Blitz verklagen."
Was diese Open-Source-Vetreter fürchten, ist dass Microsoft durch die Offenlegung des Quellcodes automatisch ein gutes Argument bei Streitigkeiten um geistiges Eigentum in den Händen hätte. Falls jemand den Source-Code anschauen würde, und später eine Softwaresequenz schreibt, die einem der Microsoft-Codestücke aus Zufall ähnelt, wäre es äusserst schwierig nachzuweisen, so argumentieren sie, dass man die Idee nicht aus dem Microsoft-Code geklaut hat. (Hans Jörg Maron)

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