"Die Schweiz gehört zu den Kronjuwelen"

20. April 2020 um 11:49
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Mit NTT Ltd. entsteht ein IT-Dienstleister mit 5200 Mitarbeitenden in Europa und Schweizer Europa-Hauptsitz. Die CEOs Europe und Schweiz im Exklusiv-Gespräch.

Unter dem Namen NTT Ltd. entsteht ein grosser, neuer IT-Dienstleister mit 5200 Mitarbeitenden allein in Europa. 30 Firmen aus der ganzen Welt, die bis anhin zur japanischen NTT-Gruppe gehören, werden unter dem Markennamen NTT Ltd. zusammengeführt. Das betrifft in der Schweiz bekannte Namen wie NTT Communications, Dimension Data und NTT Security, Arkadin und E-Shelter. Andrew Coulsen, CEO Europe von NTT Ltd und in Crissier nahe Lausanne basiert, erklärt im Exklusiv-Gespräch per Video: "NTT Ltd ist eine neue Firma und es findet eine Konsolidierung von sechs Firmen in Europa statt. Damit machen wir den nächsten Schritt, um ein globaler IT-Service-Provider zu werden."
Stolz erklärt er einleitend, man habe in Europa bis anhin 10 bis 15% Wachstum jährlich verzeichnet und sei nach Asien die zweitgrösste Region der NTT Group mit 40'000 Mitarbeitenden.
Warum werden so unterschiedliche Firmen mit bekannten Namen konsolidiert und reorganisiert? "Seit fünf bis zehn Jahren bewegt sich der Markt hin zu einem Managed-Services-Modell und dahin wollen wir. Als erstes führten wir in Europa am 1. Oktober 2019 die beiden grössten Firmen – NTT Communications und Dimension Data – zusammen. Damit können wir leicht Synergien erzielen."
Das sei aber nur der Anfang des Wandels, so der Europa-Chef: "Die Konsolidierung ist eine auf fünf Jahre hin geplante 'Journey', in welcher wir entsprechende Angebote, Prozesse und monatliche Abrechnungen aufbauen." Es gebe eine klare Roadmap für jede Firma. Beispielsweise werde man E-Shelter später ebenfalls integrieren, erklärt Coulsen und streicht heraus: "Die sechs Firmen überlappen sich nur ganz wenig. Weil wir diese unterschiedlichen Kompetenzen nun zusammenbringen, können wir ganz anders mit unseren Kunden diskutieren. Wir können ihnen sagen, wir helfen bei Kostenreduktion, Risikoreduktion und erhöhtem Kunden-Engagement."

"Sie müssen verstehen, dass es keine Akquisition ist"

Bei der Konsolidierung wachsen Geschäftsfelder wie Collaboration, Netzwerk und Security zusammen. Dies bedeutet, dass gleichzeitig mehrere Herausforderungen zu bewältigen sind, nämlich Firmen, Kulturen und unterschiedliche Angebote zusammenbringen und gleichzeitig eine neue Firma aufzubauen. Was ist aktuell die grösste Herausforderung? Coulsen sagt, man habe in den 12 bis 18 Monaten vor dem Start am ersten Juli 2019 vieles vorbereitet, darunter die Firmenarchitektur, die Managementstruktur oder auch das Pricing. "Wir haben am Hauptsitz der Mutter in Tokyo den Elefanten in mundgerechte Stücke zerlegt", erklärt Coulsen. "Die Umsetzung war am Tag eins klar. Aktuell ist die grösste Herausforderung die Kommunikation mit den Kunden und den Mitarbeitenden. Sie müssen verstehen, dass es sich um eine Integration handelt, und nicht um eine Akquisition. Diese Botschaft muss vom Management, den Länderverantwortlichen oder auch vom HR hinunter kaskadieren."
Die Kommunikation sei bis anhin auch relativ gut gelungen, findet Coulsen, auch wenn aktuell die Corona-Pandemie eine neue Ebene hinzufüge.
Und sehen auch Kunden schon erste Resultate der Konsolidierung? "Ja", sagt Coulsen, "ich darf zwar keine Namen nennen, aber zwei Autoherstellern konnten wir zeigen, wozu die neue Firma nun fähig ist – Lösungen für Netzwerk, für die Kommunikation und Security aus einer Hand und mit einem Ansprechpartner bieten."
Wenn alles so klar ist, bedeutet das auch, dass der Europa-Hauptsitz in Crissier unbestritten ist, oder verlässt NTT Ltd die Schweiz im Zuge der Konsolidierung? "Nein, wir bleiben in der Schweiz", sagt Coulsen, der seit elf Jahren in der Schweiz lebt und vormals CEO von Dimension Data war. Damit übergibt der Australier das Wort an Franky de Smedt, Geschäftsführer für die Schweiz von NTT Ltd.
Dieser erklärt: "Die Schweiz ist ein strategischer Schlüsselmarkt. Wir haben einige erstklassige Accounts in der Schweiz, es ist der vielfältigste Markt in Europa und ein Testmarkt, weil die Kunden sehr professionell und offen sind", sagt der belgischstämmige vormalige CFO von Dimension Data. "Die Schweiz gehört zu den Kronjuwelen. Es ist vielleicht nicht der grösste Edelstein, aber definitiv ein Kronjuwel". Es sei eine starke Botschaft, dass das Europa-Headquarter der neuen NTT Ltd in Crissier sei und man investiere auch in den Markt. In Crissier habe man beispielsweise einen Showcase für moderne Kollaborationslösungen gebaut.

"Wir benötigen auch andere Skills und Fähigkeiten"

Und wie verläuft die Integration der früher selbständigen Firmen in der Schweiz? "Wir sind glücklich, wie sie vorankommt", sagt de Smedt. Die alte NTT Security sei primär in der Deutschschweiz stark, Dimension Data vor allem in der Romandie. "Auch die Portfolio-Legacy ist komplementär und auch nur fünf Prozent der Bestandskunden überlappen sich", sagt der Schweiz-Chef. "Wir schauen uns nun das Portfolio der früher getrennten Firmen an und was relevant für Kunden ist."
Nun hören wir aber, beim Schweizer Security-Bereich der einstigen Dimension Data habe es kürzlich rund 10 Entlassungen gegeben. "Wir haben vor zwei Jahren die Transformation von einer Hardware-Firma zu einer Solutions- und Services-Firma begonnen wie auch auf internationaler Ebene. Dabei versuchen wir, die vorhandenen Skills weiter zu nutzen. Aber wir benötigen auch andere Skills und Fähigkeiten, um die Integration voranzutreiben. Dabei wurden eine beschränkte Zahl Positionen redundant", antwortet der Schweiz-Chef.
Dass auch Security-Fachleute darunter waren, bestätigt de Smedt nicht, aber sagt: "Wir steigen nicht aus dem Security-Business aus – im Gegenteil. Wir fokussieren in der Schweiz auf die vier Säulen 'Digital Workspace/Smart Collaboration', 'Managed Services', 'Infrastruktur mit Software-Defined-Automation und Remote Access' sowie 'Security Play'."
"Security Play"? "Die Arbeit muss auch Spass machen, darum nennen wir es intern so," erklärt de Smedt.
Und wie will sich die neue, auf Managed-Services ausgerichtete Firma NTT Ltd nun positionieren? Mit Qualität oder aggressivem Pricing? "Die Qualität unserer Mitarbeiter macht den Unterschied, nicht unbedingt der Preis," so de Smedt.

"Wird nun alles in die Cloud gehen?"

Bleibt noch, nach der Nach-Corona-Zeit zu fragen: Wie sehen der Europa- und der Schweiz-Chef die Situation der Branche von NTT? Wird man geschäftlich gesehen zu den Gewinnern gehören?
Coulsen antwortet, "das ist schwer vorherzusagen. Jetzt sehen wir einen Boom bei Collaboration, Netzwerken und Disaster-Recovery. Viele Firmen erkennen, dass das Geschäft auch anders betrieben werden kann als vor Corona. Sie sehen, dass sie die Cloud nutzen können. Aber wird nun alles in die Cloud gehen? Das heisst es schon seit fünf Jahren. Was die Kunden kaufen, wird anders sein, aber präziseres ist heute schwer zu prognostizieren."
Der Schweiz-Chef Franky de Smedt glaubt, "der Impact wird davon abhängen, wie lange die Corona-Krise dauert. Die Nachfrage nach Kollaborations- und Netzwerk-Strukturen ist exponentiell gewachsen. Aber ob sich dies fortsetzen wird, ist schwer zu sagen. Das Leben wird sich in der Nach-Corona-Zeit wieder normalisieren."

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